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“Ich finde, wir haben gute Winter miteinander gehabt. War es einer, oder waren es mehrere? Ich weiß es nicht mehr, und du würdest sagen, es sei auch nicht wichtig. Wir hatten Schnee und klirrende Kälte, und immer, wenn ich gesagt habe, daß ich eigentlich frieren würde, hast du so geschaut, als würdest du verstehen. Wir sind spazierengegangen, wenn die Sonne schien. Die langen Schatten, und du hast die Eiskristalle von den Ästen abgebrochen und an ihnen gelutscht. Wenn du auf dem Eis hingefallen bist, habe ich lachen müssen, bis mir die Tränen kamen, wir haben uns nichts versprochen, ich wollte das auch so, dennoch, entschuldige mich, verspüre ich eine Eifersucht auf alle Winter, die du haben wirst, ohne mich.
[...]
Es ist kalt, es riecht nach Schnee. Nach Rauch. Lauschst du auf etwas, das du nicht hören kannst, liegt dir ein Wort auf der Zunge, du kannst es nicht sagen? Bist du unruhig? Sind wir uns einmal - ist das nicht genug - begegnet? Ich werde jetzt schlafen gehen. Erinnert dich der Winter manchmal an etwas, du weißt nicht - an was.”
(Judith Hermann, “Sommerhaus, später”, Fischer Taschenbuch Verlag 1998)

Kommentare
„Über die Formulierung bis bald will sie nicht nachdenken. Auf dem Foto steht der Mond über der Straße, die zum alten Thingplatz führt. Der Himmel ist von einem leuchtenden, durchscheinenden Blau, alles andere ist weiß, die Straße ist weiß, die Berge sind weiß, tief verschneit. Magnus, Irene und Jonina laufen auf die Kamera zu, Magnus geht in der Mitte, er ist unscharf, sein Gesicht ist nicht zu erkennen. Jonina läuft rechts von ihm, Irene links. Der Abstand zwischen Jonina und Magnus ist größer als der Abstand zwischen Irene und Magnus. Irene lacht, sie läuft geradeaus. Jonina scheint nach rechts aus dem Bild hinausgehen zu wollen, schaut aber genau in die Kamera hinein. Jonas hat in der Mitte der Straße gestanden, die Kamera auf dem Stativ, besorgt darum, daß das Licht sich verändern könnte, er hatte sie angeschrien - »Jetzt!« Jonina weiß, wie er ausgesehen hat dabei, die Wollmütze tief über die Augen gezogen, die Felljacke offen, fluchend über die Kälte, begeistert.“
(Judith Hermann: Nichts als Gespenster. Frankfurt a. Main: Fischer 2003. S. 62)
[ich mach' mal eine ausstellung mit all den literarischen fotografien in bilderrahmen an den wänden]