Schollen

Man kann sich in die Mitte der Bucht setzen, wo man sonst zu Fuß nie hinkommt. Immer nur in Begleitung eines Bootes, einer Erwartungshaltung, einer angestrengten Gesichtsfarbe. Aber jetzt kann man sich in die Mitte der Bucht setzen, dort, wo der Boden am weitesten weg ist und das Ufer, und nichts einen erreicht außer der Risse im Eis, die vage Ahnung davon, wie tief es nach unten geht unter dir. Und dass man nicht weiß, ob der Riss von der Mitte oder von den Rändern ausgeht, wo der Zerfall eigentlich beginnt und wie schnell er ist, wenn er einmal angefangen hat zu nagen. Man kann sich in die Mitte der Bucht setzen an die Stelle, wo die gelbe Boje hervorguckt und sich nicht rührt. An sie kann man sich lehnen und warten, bis man das Gefühl in den Füßen verliert und die Finger sich nur noch unter größter Kraftanstrengung beugen lassen. Man kann sitzen und den Kindern beim Schlittschuhfahren zusehen, wie der Hund beinahe in das Fahrrad rennt und Eltern den Kinderwagen rutschen lassen. Hören, wie es immer wieder kracht, wenn der rote Plastikschlitten vom Uferberg auf dem nur noch ganz dünn mit Schnee bedeckten Eis aufprallt. Und man könnte sich einbilden, das spüren zu können. Die Vibration über den Riss bis ins eigene Knochenmark.

Man kann zusehen, wie die Schwelle der auftauenden Strömung immer näherkommt, die Schleuse sich wieder öffnet, die zarten, gefrorenen Fangarme der einzelnen Schollen abbrechen und verschwinden. Wie sich zwischen das stille Spiegelbild der Bäume in den Wasseradern wieder Wellen schieben und Gehölz. Man kann sitzen und auf das Schiff warten, dass mit seinem Bauch die Muscheln von den Eisplatten spült, den Blesshühnern und Enten einen leichten Schubs gibt und den Ast der Trauerweide aus der Starre befreit. Wie alles mit leisem Klirren auseinanderbricht, weil es ja doch wärmer wird und die Ränder schmelzen. Weil das Verderben am Riss ansetzt, am kleinsten Sprung wie ein Symbiont am Wirt.