Schattenwurf

Die Sonne fiel mir in den Rücken, als er sich löste und alleine weiter ging.
Er ging schräg über die Straße, kein Auto kam, er sah sich auch nicht mehr um.
Er ging, die Hand auf dem Lenker. So wie ich stand.
An der Ecke stieg er auf und fuhr. Wohin, konnte ich nicht mehr sehen.
Meine Füße hatten sich noch nicht bewegt. Ich kam mir vor wie Peter Pan.

Die Sonne war am anderen Ende der Welt, als ich die Tür hinter mir schloss.
Ich ging die Treppen hinunter, er kam nicht hinterher, ich hab ihn auf dem Boden gesucht und in der Luft und an der Hauswand. Ich ging, die Hand in der Tasche. So wie ich war.
An der Ecke schrie ich auf. Ob er das noch hörte, wusste ich nicht, er war zu weit weg.
Seine Füße hatten sich nicht mehr bewegt. Ich kam mir blöd vor, wie ich da stand und nach mir selbst rief.

Die Sonne fiel ihm in den Rücken, als er mich von sich schob und ich alleine weiter ging.
Ich ging an der Ampel über die Straße, bei Grün und mit Schweiß auf der Stirn.
Ich brauchte mich nicht mehr umsehen. Die Henkel der Beutel schnitten in meine Hand,
ich zählte die Gehwegplatten wie Monate. Zehn, elf, zwölf.
Jetzt steht die Sonne immer im Zenit. So wie ich bleibe.

Er hat ein bisschen ausgesehen wie ich. Ich habe ein bisschen ausgesehen wie er. Wenn es gut lief, fühlte es sich nach Symbiose an. Nach Gegenseitigkeit. Dann aßen und tranken wir voneinander, atmeten des anderen Luft wie selbstverständlich. Im Geräusch abwechselnd, in der Berührung gemeinsam.

Er war ein anderer plötzlich. Sah aus wie das Pflaster, wie die Plakate in der ganzen Stadt. Jede Linie zeichnete sich auf ihm ab, jedes Muster. Wenn es gut ist, fällt es mir nicht auf. Dann suche ich den schwarzen Fleck nicht zwischen all den Beinen in der Bahn, den Umriss nicht in der Scheibe. Er ist jetzt ein Chamäleon mit eigener Luft und einem Teller nur für sich. Beuge ich mich über das Glas, bewegt sich das Wasser und verzerrt jeden Blick hinein.

Ich sehe ein bisschen aus wie damals. Wenn es gut läuft, vergesse ich mich. Die dunkle Brille auf der Nase spielt sich auf, macht Farben wett. So gucke ich gelassener, so senke ich den Blick in aufrechter Position. Linien sind einfach nur Linien und höre ich Schritte, gucke ich den Menschen nicht ins Gesicht. Mich interessieren Gesichter nicht mehr. Meine Augen sind ein Wasserglas.

Man löst sich nicht auf ohne Schatten. Aber Spatzen sind seltener in deiner Nähe, wenn du nichts hast, wo sie sich ausruhen können. Nimmermehrland wird irgendwann Zuhause. Richte dich ein, bau dir ein Bett, mach das Fenster auf.

Man bleibt schon man selbst ohne Schatten. Und die Menschen gewöhnen sich dran, dass es egal ist, wo du sitzt und niemand in deinen Rücken fällt. Man ist nicht weniger anwesend.

Und wenn du einen vermisst, dann nicht den, der dich mit Reißzwecken festhält. Die tun immer weh.

Liz hat es verfasst, und zwar am 11. Juli 2006 um genau 15:21 Uhr.
Kategorie : Moi

2 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. Burnster  |  11. Juli 2006 um 18:49

    Um Himmels willen, Miz Liz. Das tut ja beim Lesen schon weh. Will gar nicht wissen, was beim Assoziieren passieren würde.

  • 2. Reißzweckoptimist  |  13. Juli 2006 um 15:45

    Es ist schon ein bisschen gemein, erst Beiträge rauszunehmen und dann wieder - verschärft - reinzustellen. Das ist mindestens so schmerzhaft wie ein Reißzweck.

Kommentar hinterlassen

Bitte angeben!

Bitte angeben!

Trackback  |  RSS Feed  |  Abmelden


Kalendar

Oktober 2008
M D M D F S S
« Sep    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031  

Ältere Einträge