S. 69

“Was entscheidet darüber, ob wir uns eher an die glücklichen Momente unseres Lebens erinnern oder an die unglücklichen; ob uns unsere Triumphe vor den Demütigungen einfallen oder umgekehrt? Liegt es in unserer Natur, im ererbten Temperament oder an den Umständen unserer Geburt oder an dem ersten Eindruck, den die Welt uns macht? Oder gräbt sich solche Eigenart nur langsam in unseren Charakter? Ich kann mir vorstellen, dass ein früher, nicht erinnerbarer Schreck uns für lange Zeit das Glück unzugänglich machen kann. Einmal gewarnt, können wir eine eigentlich glückliche Situation nicht mehr als solche empfinden, weil wir ihr nicht trauen. Vielleicht fühlen wir uns sogar bedroht, weil wir das, was Glück sein könnte, nur für eine Täuschung halten, die sich in Enttäuschung verwandelt, sobald wir unser Mißtrauen aufgeben. Andere, denen dieser Schreck, oder wie immer wir es nennen wollen, nicht zugestoßen ist, können die Augenblicke des Glücks einfach genießen wie warme Sommertage, ohne Gedanken an den nächsten Winter, “dieser wunderbare Sommer, weißt du noch?”, können sie später sagen, eine nicht widerlegbare Erinnerung. Ich meine nicht die Neigung, das Erlebte nachträglich zu vergolden, um zähe Ehejahre und lebenslange, ehrgeizige Schinderei in vorzeigbares Glück zu verwandeln. Ich meine das, was wir im Augenblick des Geschehens als wirklich erleben, was wir als ein Stück erbeutetes Leben davontragen und in unsere Biographie einmodellieren.”
(Monika Maron, “Pawels Briefe”, S. Fischer Verlag 1999)

Kommentare
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Diese aufgeschlagene Seite find ich klasse. Schöner Text.