Raketen über Berlin
“Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?”
Reck den Hals am Freitag, streck ihn hoch hinaus, stell dich auf´s Dach oder fahr zum Olympiastadion und schau von der Brücke aus. China, Russland, Polen, Portugal, Großbritannien und Italien geben sich die Klinke in die Hand und feuern, was das Zeug hält. Mit Bomben. Feuerwerksbomben.
Effekte, die nur knallen, seien nicht erlaubt, sagt Gerhard Kämpfe. Er ist einer der Veranstalter der Pyronale, einer Olympiade für Pyrotechniker. Und dass man verrückt sein müsse, um soetwas zu organisieren. Jaja. Auf die Frage aber, wie sich die Stile der einzelnen Länder denn unterscheiden würden, gerät er aus dem Gleichgewicht und schwadroniert von “Das müssen Sie sich selbst anschauen, das verraten wir noch nicht”.
Es ist ein Meisterwerk der Organisation, ein hoch orchestriertes Spektakel, das eine halbe Million Euro kostet. Und alle sind sie mit im Boot… Die Scorpions stellen die Musik, denn die antretenden Mannschaften müssen ein Lied von ihnen in Feuerwerk umsetzen. Das gehört zum Pflichtteil des Wettbewerbs. Die Olympiapark Berlin GmbH freut sich über die 40.000 bis 50.000 Besucher, die zum Stadion und dem Maifeld pilgern werden. Der Radiosender rs2 klopft sich selbst auf die Schulter und beweihräuchert das eigene Gewinnspiel zur Veranstaltung mit den Worten: “Soetwas konnte man noch nie im Radio gewinnen: Ein Feuerwerk des Siegers der Pyronale samt Party”. Die Party zahlt der Sender, das Feuerwerk die Veranstalter der Pyronale. Wer die meisten Leute einläd und die meisten Zusagen bekommt, dem wird das Werbefest bezahlt. Toll. Und Mario Hempel grinst und freut sich über die Einnahmen von 11 bis 31 Euro pro Besucher: “Man kann schon sagen, dass ich der treibende Motor war.”

Unten auf dem Olympiafeld geht es noch anders zu. Dort bauen die Chinesen noch in Anzügen ihr Feuerwerk auf, dort warten die Engländer auf ihr Essen und die Portugiesen können sich schon zurücklehnen. Dort steht Hans-Georg Kehse, Dramaturg des Abschlussfeuerwerks am Samstagabend, und spricht von der Faszination. Feuerwerk habe eine eigene Psychologie, jeder habe seine Handschrift, schwärmt er und seine Hände malen Figuren in die neblige Luft. Diese darf bei Abschuss der Raketen nicht zu feucht sein, sonst haben alle am Ende nur noch Rauch im Gesicht. Er spricht von Magie und dem Urinstinkt des Menschen, sich Feuer zu nähern. Er strahlt und erklärt den Ursprung des Feuerwerks. Er kennt natürlich auch die Unterschiede in der Tradition zwischen Europa und Asien. Dass die Europäer sich bemühten, richtige Geschichten wie am Theater zu erzählen. Und dass es den Asiaten eher um Feuerwerksblumen und Einzelbilder ginge. Er schwärmt. Die Herren, die oben in Anzügen in der VIP-Lounge sitzen, wissen nichts davon. Ihre Augen glänzen auch. Die Gründe dafür sind andere.
Am Freitag und Samstag schießt Berlin 500 000 Euro in die Luft. Und alle sehen zu.
Liz hat es verfasst, und zwar am 30. August 2006 um genau 20:09 Uhr.
Kategorie : Berlin
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