Pausenzeichen

Es kann vorkommen, dass ich in der S-Bahn sitze und sich zwei Mütter neben mir über die ADS-Diagnosen bei ihren Kindern unterhalten (oder bei den Kindergartenfreunden der Kinder), während der Herr gegenüber permanent den Stoff seiner Jeanshose mit dem Daumen befühlt. Er streicht dann auf und ab, immer an dieser einen Stelle, die schon ein bisschen ausgemergelt aussieht, und ich stelle ihn mir vor, wie er in drei Jahren noch da sitzt jeden Morgen, mittlerweile ein Loch in der Hose. Wieder drei Jahre später würde ihm sein Hausarzt bei einer Routineuntersuchung die Hand auf die Schulter legen und ihm einen Besuch beim Hautarzt empfehlen, das sei doch vielleicht etwas Ernsteres, diese wunde Stelle da am Bein, das solle er mal von einem Fachmann anschauen lassen. Und der Mann würde sich das Hemd wieder zuknöpfen und die Hose hochziehen und durch das Loch in der Hose die rotgescheuerte Stelle erkennen. Er würde die nächste U-Bahn nach Hause nehmen und dort ein bisschen Vaseline drauf schmieren, denn etwas Ernstes, das sei ja wohl etwas ganz anderes und nicht zu vergleichen, der solle sich mal nicht so haben, er wüsste schon selbst ganz gut, was ihm ernsthaft Sorgen mache und dieses Loch in der Hose mit der rot gedäumelten Stelle darunter, das sei nun wirklich nichts, worüber man sich Gedanken machen müsse, also bitte.

Es kann sein, dass die Mütter mich dann aus den Gedanken reißen, weil sie in ihren Handtaschen nach Handcreme kramen, weil sie dabei allerhand Kleinkram auf die Sitze neben sich legen müssen, um die begehrte Tube zu finden, dessen Inhalt sie sich bei Erreichen mit einem Quetschgeräusch auf die Hand drücken und eifrig verreiben. Dabei lächeln sie, riechen noch einmal an ihren Handgelenken und wedeln aufgeregt mit den Unterärmchen in der Luft herum, da sie den Kleinkram mit den von Creme glänzenden Händen nicht anfassen und wieder einpacken können. An ihren Handgelenken baumeln Goldkettchen mit Goldanhängerchen, kleine Pudel oder Herzen. Es mag vorkommen, dass ich mich dann frage, wieso eigentlich niemand in der Öffentlichkeit singt, so vor sich hin oder für jemand anderen. Selbst Mütter, die versuchen, ihre pausbäckigen, plärrenden Kinder mit einem Liedchen zu beruhigen, flüstern dabei meistens, schauen beschähmt in den Kinderwagen und bloß nicht hoch sondern beugen sich ganz nah zu dem Kinde heran, dass dadurch manchmal noch viel begeisterter zu schreien beginnt. Es gibt auch noch die, die Geld verlangen, und die Geschichte mit dem Singen meistens nicht so gut beherrschen, dass man meint, dem Tag wurde ein Mehrwert geschenkt, dass man gar auf die Idee kommen könnte, dem Sänger in den nächsten Wagen zu folgen, weil es so schön war und man gern noch einmal anderthalb Minuten beglückt werden würde. Eher versucht man beim Auftauchen eines solch singenden Menschen krampfhaft an etwas anderes zu denken, um nicht so genau zuhören zu müssen, um nicht bei besonders schlechter Liedauswahl den ganzen Resttag mit einem unangenehmen Ohrwurm behaftet zu sein und damit schon gar nicht diesem bittenden Blick begegnet, der über dem klimpernden Pappbecher hängt, denn mit bittenden Blicken können wir nicht umgehen. Da fühlen wir uns unangenehm berührt und irgendwie ertappt und jemandem, der so etwas mit uns tut, dem wollen wir erst recht kein Geld irgendwo hinein werfen. Man möchte ja auch niemanden ermutigen.

Abseits davon singt eigentlich nie jemand. Also einfach so, meine ich. Aus Beschwingtheit oder guter Laune, vielleicht auch, um seinem Liebeskummer Ausdruck zu verleihen oder den Druck der Arbeit zu kanalisieren. Das tut man nicht in der Stadt, ich selbst ja auch nicht. Aber ich erinnere mich noch gut, wie ich mit dem Fahrrad mal über eine Mecklenburger Straße fuhr, neben mir ein Feld mit ein paar Korn- und Mohnblumen sowie anderem Gewächs am Rand. Und ein älterer Herr schnitt mit einem Messer ein paar Blumen und sang dabei, während seine weibliche Begleitung die Hände vor dem Mund zusammengeschlagen hatte und ihn verzückt anschaute, denn er sang so laut und traurig, aber er schnitt Blumen dabei – und beinahe wäre ich angehalten, hätte mich unter den Baum gesetzt und weiter zugehört. Aber meist sind die Leute ja etwas beschämt, wenn man mag, was sie tun, und hören dann auf, also fuhr ich weiter, aber ganz langsam. Und hätte ich damals schon freihändig radeln können, ich hätte mir die Hände sicherlich auch vor´s Gesicht geschlagen und verzückt in die Gegend oder auf den Asphalt geschaut, ich möchte fast schwören.