“No Service. Thank You.”

Main Station in Taipeh. Dort, wo in Deutschland ein Bahnhofsmanagerhäuschen stehen würde, gibt es hier einen kleinen, komplett blau verkachelten Bereich, auf den vier Kameras zeigen. Daneben hängt ein Schild, das die Target Group erklärt. Die Bluebox ist für Frauen bestimmt, die sich nachts (also bis Mitternacht, denn danach fährt die Bahn nicht mehr) in der Station aufhalten. Man kann sich hinstellen, warten und sicher sein, dass irgendein Wachmann es sieht, wenn man eventuell überfallen wird. Man kann sich aber auch beobachtet fühlen.
Man braucht nicht viel über Verbote nachdenken, wenn man sich in der Nähe von Maschinen oder öffentlichen Einrichtungen aufhält, denn alles, was verboten ist, steht auf Schildern: Geh nicht zu nah an den Bahnschachtrand - Lehn dich nicht gegen die Tür - Pass auf deine Finger auf, wenn sie zugeht - Biete deinen Platz bedürftigen Menschen an - Halt dich immer an den Haltegriffen fest - Iss nicht in der Bahn - Renn nicht in der Station - Drängel nicht - Halt dich am Rolltreppengeländer fest - Pass auf, dass deine Schnürsenkel sich nicht in der Rolltreppe verheddern - Lass dein Kind nicht zwischen die Stufen rutschen - Trag nicht zu weite Hosen, damit du dich nicht in den Rolltreppenstufen verfängst - Lauf langsam, wenn der Boden nass ist - Rauch nicht - Geh nicht über die gelbe Linie - Komm nicht zu nah - Setz dir einen Helm auf - Verzeih die Störung - Nimm kein Hühnchen mit in die Station wegen Vogelgrippe - Mach keine Wahlwerbung in der Bahn - Kletter nicht über das Geländer - Kletter nicht die Wand hoch - Überfall keine Fahrkartenautomaten - Nicht mit Vögeln in den Bus - … (to be continued)
Wenn man nach Taiwan fährt, muss man sich auf Extreme einstellen. Das eine ist die Sache mit den Massen. Man glaubt, man würde überrannt, aber eigentlich gilt das nur für die Rush Hour und den Night Market. Tagsüber sind die Straßen unglaublich leer, nachts auf. Drei Schritte und du landest vom größten Gewimmel in totaler Stille, drei Meter und aus unglaublichem Lärm wird leises Zirpen.

Man baut sich seine eigenen kleinen Welten und Zentren. Der Night Market ist eine davon. Hier stehen Fake-Schuhe eingeschweißt in den Regalen, Markennamen werden mal eben hübsch kopiert und stolz belächelt. Der Geruch von Stinky Tofu liegt in der Luft direkt neben kandierten Cocktail-Tomaten und Erdbeeren. Und hier brüllen die Leute auch mal. Verkäufer schreien mit und ohne Mikrofon ihre Massageangebote, ihre günstigen Preise oder ihr tolles Essen heraus, als gelte es das Leben. Guaven schwimmen in braunem Glibber und werden in Becher mit Strohhalm abgefüllt. Unter Drogen gesetzt Bonsaihunde vegetieren in gläsernen Boxen vor sich hin, Automaten hupen um ihr Taschengeld. Der alte Mann sammelt die herunter gefallene Pappe ein, Hot Dogs werden am Stiel verkauft, getrocknete Tintenfische auch. Der Waffenladen mit riesigen Maschinengewehren an der Wand hat auch noch geöffnet, daneben steckt sich der Vierjährige ein Stück der stacheligen Frucht in den Mund, deren Namen ich nicht kenne. Jeder Essensstand hat seinen eigenen Gulli und die Reste fließen in den Untergrund, die Schläuche spucken permanent Wasser und die Frau mit den blauen Augen gähnt. Ihre dreifingerige Hand steckt sie sich danach in die Armschlinge, darunter noch den Armschutz gegen die Kälte beim Mofafahren. Der Stoff ist mit kleinen grünen Teddybären bedruckt.
Man versteht ihn schlecht, den kleinen, zahnlosen Mann mit der braunen, ledrigen Haut. Ich schnappe nur ein paar Fetzen auf, er erzählt was von seinem Studium in Deutschland, auch dass er Englisch studiert hat. In seinen Augen funkelt es, als er von seinen Reisen erzählt, vielleicht sind es gar keine Reisen, aber er erwähnt Indonesien und Australien, Deutschland und Frankreich. Zwischendurch verschwindet er kurz in der kleinen Nebenstraße, holt eine Plastiktüte und daraus einen Zeitungsausschnitt hervor, ordentlich zusammengefaltet, die Bilder nach innen. Und er zeigt uns den Strand mit pink farbenem Himmel auf der Seite, seine langen Fingernägel tippen auf die Haustür der Villa, wir sollen dorthin fahren, das Meer sehen. Und mit der anderen Hand weist er uns die Richtung zum Bahnhof, dort würde der Zug direkt ins Paradies fahren. Er möchte uns willkommen heißen, sagt er.
Das abgefüllte Wasser der lokalen Firmen schmeckt nach Zeit, ein bisschen abgestanden, nach Metall und irgendwie süßer. Und man steckt die Flasche schnell ein, wenn man in der Reihe vor den U-Bahn-Türen steht, die mit weißen Linien auf dem Boden vorgezeichnet ist. Trink nicht in der Bahn. Dankeschön.
Liz hat es verfasst, und zwar am 29. April 2008 um genau 4:45 Uhr.
Kategorie : Taiwan
Kommentar hinterlassen
Trackback | RSS Feed | Abmelden