“Niemand sieht mich so wie du.”

Kurz innehalten, einen Gang runterschalten, die Hände aus den Hosentaschen nehmen, sich ansehen. Blinzeln, leise lachen. Den Kopf in den Nacken legen und in den grauen Himmel sehen, die Enten denken, sie kriegen Brot. Aber es sind nur wir mit leeren Taschen, leeren Händen, es ist kalt und die machen einen Kopfsprung. Auf der Fähre ist kein Passagier, die Wasserschutzpolizei steht am Ufer im Laub und raucht. Die Jogger interessieren sich nicht für uns, vor uns liegen links und rechts abgefallene Blätter, rechts schimmert noch ein bisschen Fluss, links irgendwo dahinten die Waldschule. Am Russendenkmal steigen wir wieder aus, ich ziehe dir die Kapuze ans Kinn, du legst sie wieder dorthin zurück, wo sie herkam, und schüttelst den Kopf.

Die Steine sind kalt, man spürt es durch die Schuhe. Ein Gärtner hängt an einer Trauerbirke, wir stellen uns unter eine andere. Die Zweige schneiden den Himmel in schmale Fetzen, grau schwarz. “Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt”, sagst du. Der Wind pfeift und du hast schon eine rote Nase, so waren wir noch nie. Irgendwo draußen, ohne vier Wände, ohne Schlusslicht, ohne Alarmanlage, einfach nur beieinander. Niemand hört uns, ich trete nicht auf die Linien, du stehst eine Stufe höher, meine Wange deine Wange. Und wir haben keine Worte, wir sind so, wir haben keine andere Wahl. Wir finden uns damit und mit den Umständen, die Steinfiguren schauen uns zu, während wir sie umrunden. Einer fällt auf die Knie und wir lachen über ihn.

Später hauchen wir die Scheiben an, malen dumme Gesichter, ich wische mit dem Ärmel darüber. Sich ansehen. Den Kopf in den Nacken legen und die Augen schließen. Das ist dein Atem und das ist mein Atem. Das sind nur wir mit leeren Taschen und leeren Händen. Du malst eine Linie auf meine Finger ohne ein Ende und einen Anfang. Ich weiß, du hättest keine Erklärung, wenn jemand fragte. Auf dem Balkon ist kein Nachbar, auf dem Stuhl sitzt kein Vogel. Du nickst. Sich auf die Augen küssen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 19. Dezember 2007 um genau 9:22 Uhr.
Kategorie : Berlin

1 Kommentar Kommentar hinzufügen

  • 1. dax  |  21. Dezember 2007 um 18:23

    Augenblicke, in denen man das “Wir” in vollen Zügen genießt. Lösen wir uns von Klischees, denn das ist romantisch!
    Schön geschrieben, besinnlich. Starke Augenblicke, vom Herzen festgehalten, aus der Seele geschrieben.
    Wunderbar :)

    wünsch dir wunderschöne Weihnachtstage, liz.
    dax

    PS: wunderbare musike, begeistert mich

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