Niemals geschlossene Schuhe.

Gestern sind schlimme Dinge passiert, das konnte man überall lesen. Und das Wort Katastrophe ist dafür nicht zu groß, weil es um einen Spaß ging und am Ende nur unglückliche Menschen zurückbleiben. Ich kann sagen, ich finde es schlimm. Und ich möchte bewusst nicht darüber urteilen, weil ich kein Experte bin, weil ich nicht dabei war und weil es andere gibt, die es besser können. Und wiederum andere, die es nicht können.

Wenn solche Dinge passieren, muss ich Twitter ausschalten, weil ich es nicht aushalte. Weil ich nicht ertragen kann, wie viele Menschen meinen, unverblümt und unreflektiert ihren Senf dazu geben zu müssen. Weil ich Gänsehaut bekomme von den unbedacht in die Mobiltelefone getippten Zeilen, weil ich manchen Menschen auf die Füße springen möchte, wenn ich lese, was sie sich da rausnehmen, weil sie nicht einen Moment innehalten und nachdenken. Weil bei Twitter in solchen Momenten eine Welle der Betroffenheit losgetreten wird, die keinen Sinn hat, die niemandem etwas bringt, die mitunter und in den meisten Fällen sekundenkurze Emotion heuchelt und im nächsten Tweet geht es schon wieder um das leckere Eis oder das Wetter oder oder. Wem soll ich so sein ernsthaftes Entsetzen abnehmen? Wen darf ich dann nicht Heuchler nennen, wenn im ersten Moment geschrieben wird “Oh wie schrecklich!” und im zweiten “Oh ein Regen!”? Man sei ja so geschockt, so entsetzt, so verärgert, so traurig - wenn dem so ist, setzt man sich dann hin und schreibt einen Tweet? Gehört das dazu? Bei Twitter geht jede Distanz verloren, alles wird aufeinander geklatscht, nur um dabei zu sein, vielleicht damit nur niemand denkt, man habe davon nichts mitbekommen.

Aber deine kurzweilige Emotion kannst du dir ehrlich gesagt sonst wohin stecken, weil sie mich wütend macht. Dein geheucheltes Interesse. Dein Klugscheißertum. Deine Distanzlosigkeit kann ich nicht ertragen, deine vor dir her getragene Pietät, die genau deswegen keine ist, weil sie so etwas verbietet. Und weil es auf der anderen Seite so einfach ist, sich erst über die Loveparade lustig zu machen und am Ende zu meinen, eine Schuld zuweisen zu dürfen. Irgendjemandem. Mehreren. Wie kann bei über einer Million Menschen nur einer die Schuld haben? Erklärst du mir das? Und kannst du es besser? Und was interessiert es jemanden, dass du schreibst, dass du gerade vor Schreck Schluckauf bekommen hast, wenn einer Mutter gerade gesagt wird, dass ihr Kind nicht mehr nach Hause kommt?

Twitter ist schnell und ich verstehe und unterstütze jeden, der ernsthaft und reflektiert etwas zur Klärung der Umstände und vielleicht der eigenen, inneren Ordnung der Betroffenen beiträgt, indem er Personengesuche weiterschickt oder sachdienliche Hinweise publiziert. Aber die Dreistigkeit zu besitzen, ein Urteil zu fällen, eine Schuld auf jemandem abzuladen, einen Emotionsschwall in die Welt zu ballern, der in diesem Moment an Oberflächlichkeit, fehlender Distanz und mangelndem Respekt nicht zu überbieten ist - ich möchte schreien dabei, damit mal Ruhe ist. Wenigstens kurz.

Weil mir Twitter in solchen Momenten vorkommt, als würde niemand geschlossene Schuhe oder lange Hosen tragen, auch wenn der Anlass es vielleicht gebietet, einfach nur, weil man nicht muss. Aber so ein Gewissen, das einem manchmal sagt, was man muss und was nicht, täte dem einen oder anderen ganz gut hin und wieder.

Wenn ihr so geschockt seid, so fertig, achso betroffen, ihr, die ihr nicht dabei wart oder in irgendeiner Weise mit den Geschehnissen verbunden seid, trötet nicht alle Nase lang, wer Schuld hat, wer nicht, wer böse ist und wer gut, wer wie hätte, könnte, wollte - sondern helft mit, dass so etwas auf anderen Veranstaltungen nicht noch einmal passiert. Wenn es euch so schockiert hat, dann achtet aufeinander, wenn ihr auf Festivals, Konzerten, Autobahnen, Massenaufläufen herumrennt. Schiebt nicht, schreit nicht, drängelt nicht, helft euch auf, sagt was, übernehmt verdammt noch mal Verantwortung und glaubt nicht, dass die Welt besser wird, nur weil sie jetzt weiß, dass ihr Nachrichten geschaut habt und es euch zur Abwechslung doch mal berührt hat. Weil auch ihr das hättet sein können. Genau ihr hättet da stehen und hinfallen können. Vielleicht ist das der eine Gedanke, der euch wenigstens für einen Tag mal zum Schweigen bringt. Zum Innehalten. Zum Gedenken. Und zum Bessermachen.

(Und danke, Herr Schellnack für Ihren Text. Und danke, Herr Niggemeier.)