Netto

Marcel möchte Personenschützer sein. Marcel kommt aus der DDR und lebt mehr im Gestern als im Heute. Er wohnt nah an der Mauer, seine Wohnung ist noch so ostbraun wie seine Gedanken oft. In der neuen Zeit anzukommen, ist ihm noch nicht wirklich gelungen. Von der Zukunft träumt er trotzdem, seinen Elan hat er im Griff. “Sicherheit” sei das neue Thema und nachdem sein kleiner Laden für Alarmanlagen nur noch von ihm selbst besucht wird, versucht er sich an einer Bewerbung bei einem Personenschutzunternehmen. Für ihn die letzte Chance, für die Beziehung zwischen ihm und seinen Sohn die vielleicht erste ein wirkliches Verhältnis aufzubauen.

Sebastian klingelt nach zwei Jahren Funkstille bei seinem Vater, weil er den neuen Freund der Mutter nicht mag und ein neues Kind auf dem Weg ist. Während der sonnenbankgebräunte Stahlfreund der Mutter das Dachgeschoss für ihn ausbaut, geht Sebastian lieber zu seinem Vater. In die muffige Wohnung im Prenzlauer Berg, an der Wand ein riesiges Bild von Peter Tschernig, dem Helden seines Vaters. So wie Tschernig will er sein, der Marcel. Die Brille trägt er so, die Haare fallen etwas schütt um das langsam faltige Gesicht. Ständig im Unterhemd, die Frisur mit den Jahren zur Frisur gewachsen und ohne Ahnung von der Welt, in der sein Sohn lebt, begegnet Marcel dem jungen Sebastian wieder.

Dem Zuschauer scheint Sebastian in der Wohnung seines Vaters älter als dieser selbst. Wenn er dann aber in jugendlicher Neugier das Zeitungsausteilmädchen im Mauerpark trifft, ist er wieder fünfzehn und man selbst erinnert sich an die verklemmten Gespräche und Gesten, die einen so durch die sonnigen Nachmittage trugen und unendlich glücklich machten. Man erinnert sich an die kleinen Lügen, die aus Unsicherheit und Angst vor Blamage entstehen. Und dass einem die Eltern auch manchmal peinlich waren.

Sebastian berichtigt seinem Vater die Bewerbung und geht aus dem Geschäft, wenn sein Vater ausrastet, weil der Verkäufer ihn nicht sofort bedienen wollte. Marcel geht das an die Ost-Mentalität. Er, der kleine Mann, beharrt auf sein Recht, auf die Gleichheit. Ohne zu merken, dass es nicht an seiner Herkunft liegt, wie manche Leute ihn behandeln. Marcel hat sich in seiner Welt eingerichtet. Das Problem ist, dass sich die echte Welt rasend schnell verändert hat. Marcel kommt da nicht mit. Während sein Sohn mit beiden Beinen auf dem Boden steht, wackelt Marcel seinen Idealen hinterher. Er schleicht sich an echte Bodyguards auf dem Gendarmenmarkt und tut so, als gehöre er dazu. Als der bewachte Geschäftsmann in sein Auto steigt und seine beiden Bodyguards mit ihm abdüsen, bleibt Marcel auf dem Platz stehen. Die Kamera erweitert den Blick auf diese tragisch komische Situation. Marcel wird stehengelassen. Und läuft dann den Blick geradeaus vom Platz, als sei nichts geschehen. Die Geschwindigkeit des Lebens da draußen ist ihm fremd und er scheint immer ein bisschen zu spät.

Er meint es gut, er meint es wirklich gut. Und sein Sohn liebt ihn, wie er ist. Nimmt sogar seine Redensarten an, seine Sprüche und hüpft mit seinem Vater zähneputzend und Tschernig-Texte singend über´s Sofa. Sie spielen Basketball und hin und wieder muss Marcel seine Rolle mit lauter Stimme klarstellen. Dass er mehr Lebenserfahrung habe, dass er der Vater sei. Und doch hat man das Gefühl, er sei nie wirklich erwachsen geworden. In der Naivität, mit der er alte Bekannte besucht in der Hoffnung auf einen Job und dann doch nicht zum Zug kommt. Mit der Impulsivität, mit der er sich nach dem Absageschreiben betrinkt, obwohl sein Sohn ihm seine neue Freundin vorstellen möchte. Und mit der Aufrichtigkeit und Hoffnung in den Augen, wenn er nachts zum Haus seiner Exfrau fährt und ihr von den neuen Plänen erzählt. Die schwangere Angelika weiß aber von den leeren Worten, von der Planlosigkeit und hat daraus ihre Konsequenzen gezogen. Marcel bleibt allein.

Am Schluss steht er auf der Brücke zwischen der Bornholmer Straße und dem Mauerpark und schaut. Tschernig kommt zu ihm auf die Brücke und in Männermanier sprechen sie kein Wort. Den Plan, sich umzubringen, verwirft Marcel und geht mit einem Lächeln auf den Lippen davon.

Die kleinen Ideale retten also manchmal Leben.

Der Film von Filmstudent Robert Thalheim erschien 2005.
Marcel Werner wird ganz großartig gespielt von Milan Peschel.
Sohn Sebastian wird verkörpert durch Sebastian Butz.
Beide und auch die anderen Darsteller machen ihre Sache ziemlich gut.

Liz hat es verfasst, und zwar am 23. Juli 2006 um genau 17:24 Uhr.
Kategorie : Filme

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