Mittwoch ist Wandertag

Das Mädchen mit dem schönen Mund (ja, sie werden ihr später und in einigen Jahren sagen, was für einen schönen Mund sie habe, um sie zu beeindrucken, aber eigentlich auch nicht, um sie zu beeindrucken, denn sie würden es auch so sagen ohne Erwartung einer Antwort, weil er so schön ist) ist in ihren Lehrer verliebt. Es ist einer von der Sorte cooler Typ mit Jeans und Turnschuhen. Graumeliert an den Schläfen zwar schon, doch das interessiert sie nicht. Und dass der Depp aus Reihe drei ihr ständig mit seiner Schirmmütze auf den Kopf haut, interessiert sie auch nicht, denn sie achtet nur auf ihren Lehrer und immer wenn er guckt, reißt sie die Augen ein bisschen auf und lächelt und die gefalteten Hände im Schoß spannen sich ein bisschen an. Für ihn übt sie jeden Nachmittag Schönschrift.

Als er noch drei Vierer entfernt ist, denke ich mir nichts dabei. Als er noch zwei Vierer entfernt ist, denke ich: Der hat einen Popel am Kinn. Als er an mir vorübergeht, erkenne ich sein neongrünen Stachelpiercing.

Dass Semesterferien sind, merkt man am Altersdurchschnitt morgens um zehn. Und dass ältere Herren mit riesigen Gemälden in die Bahn passen. Eine Waldszene, ein kleiner See, ein paar Nadelbäume drumherum, im Hintergrund die Berge. Schlecht gerahmt und auf der Rückseite klebt ein altes Preisschild. Vierzig D-Mark. Aber er ist stolz. Er ist so stolz, dass er sich in einen leeren Vierer setzt, das Bild auf die beiden Plätze vor sich stellt und es betrachtet. Sechs Stationen lang. Lächelnd, als wäre es eine Frau.

“Nächste Station steigen wir aus. Das ist jetzt kein Witz.” Und ich versuche, die Logik ihres Klatschspiels zu entziffern, scheitere aber kläglich, während sie das so aus dem Stehgreif noch draußen auf dem Bahnsteig fortsetzen.