Mein Leben ohne mich

Leben

Das ist nicht so einfach, wie es aussieht. Abschied nehmen, sich auf den Tod vorbereiten, die Menschen loslassen und abgeben, die man liebt. Sich aus der Affäre ziehen und einmal kurz nur an sich denken, von der großen Liebe sprechen. In “Mein Leben ohne mich” bekommt die 23jährige Ann die Diagnose Krebs im Endstadium, sie hat noch höchstens drei Monate zu leben. Sie hat zwei Kinder, einen Mann und lebt mit diesen in einem Wohnwagen im Vorgarten ihrer verbitterten Mutter. Der Vater ist im Gefängnis, Ann arbeitet nachts, ihr Mann baut Swimmingpools. Ein bisschen bekommt man den Eindruck, als würde sie in dieser kurzen Zeit, die ihr noch bleibt, ihr Leben aufholen wollen und können. Sie beginnt eine Affäre und nennt es Verliebtsein auf dem Tonband, das sie ihrem Geliebten hinterlässt. Nachts, wenn sie eigentlich arbeiten sollte, spricht sie ihren Lieben schwere und kluge Worte auf Band, diese Tapes bewahrt dann der Arzt für sie auf, der ihr nicht ins Gesicht schauen kann, als er Ann sagt, dass sie sterben wird. Dafür bringt er ihr beim nächsten Mal Ingwerbonbons mit und sortiert ihre Kassetten in sein Regal.

Es sieht aus, als ginge das. Abschiednehmen, Leidenschaft, tiefes Gefühl auf Knopfdruck. Mit Tränen, aber ohne Schuldgefühl. Mit Angst, aber ohne Wut. So sieht es aus und die Menschen in den Kinosesseln haben nicht alle ähnliches durchgemacht. Die sind zutiefst betroffen. Und doch ist das nur ein kleiner Blick. Wutausbrüche machen sich nicht gut in einem solch ruhigen Film und Streit wird nur am Rande angeschnitten und in den harten Worten der Mutter. Mich hat der Film auch berührt und das Gefühl in der Brust beim Abspann ist ein beklemmendes. Aber da fehlt soviel.

Es ist die Sicht eines Menschen, der das Danach nicht mehr erleben wird. Ausgeblendet wird das Tempo. Man verliert das Zeitgefühl. Keine Worte von den rasenden Stunden, die wie im Fluge vergehen, sobald man ihnen eine Deadline setzt. Keine Worte vom schnellen Herzschlag, wenn in dir die Wut brüllt, weil du so machtlos bist deinem Körper gegenüber, allen Körpern gegenüber, die letztendlich kommen und gehen, wann sie wollen und die kleinen Fetzen Seele, die räumt keiner weg, die fliegen so rum und die sieht man auch noch Jahre später. Dann sind keine Worte von den Lautstärken des Schmerzes, die man durchlebt, wenn man sich nicht verabschieden kann. Wenn einem gesagt wird, alles sei gut und normal und nicht außergewöhnlich und mit einem Tag verändert sich plötzlich dein ganzes Leben und keiner hat dich gewarnt, keiner hat das erwähnt. Obwohl es mitten im Raum stand.

Der Film ist so leise, wie es nicht ist, wenn jemand geht für immer.

Liz hat es verfasst, und zwar am 18. März 2006 um genau 2:27 Uhr.
Kategorie : Filme

2 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. Thomas  |  18. März 2006 um 13:24

    … aber so leise, wie es sein sollte, wenn jemand geht. ein toller film und irgendwie hat er mich immer erinnert an “the perks of being a wallflower” von stephen chbosky. liegt vielleicht an der parallele tapes vs. briefe. oder an der sehr feinfühligen erzählweise.
    einen tollen blog schreibst du da!

  • 2. Herbert  |  19. März 2006 um 14:37

    dies ist einer meiner liebsten filme. ich hab ihn an einem meiner traurigsten tage geguckt. und blossom dearie schon vorher sehr gemocht. der schluss des filmes verschenkt viel. das ist sehr großzügig. andere filme hätten hier alles aus der tube rausgequetscht. und ich bin froh, dass das hier nicht so ist. denn so hört der film nicht auf. die stimmung schwebt weiter und ist nicht herabgesunken.

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