Geheimnisse erzählen, ohne welche zu haben

“[…] Und ist dieses Erfinden, Literarisieren, um es mal nett zu sagen, für Euch vertretbar? […]”

Die Geschichten so zu drehen, dass sie als Geschichten etwas hermachen, halte ich durchaus für vertretbar. Wer bist du, wenn du bloggst? Baust du dich so zurecht, wie du dich gerne sehen würdest? Inszenierst du dich zur Freude anderer oder baust du dir eine Penisverlängerung aus Text?

Ich muss manchmal breit grinsen, wenn ich Blogs von Menschen lese, die ich kenne und dann wieder doch nicht, weil sie sich so schreiben, wie sie manchmal gerne wären. Weil sie sich schreiben, wie sie nicht sind. Und weil sie dann eben doch so sind. Weil diese Erzählerei dazu gehört, ob jemand ein Blog schreibt oder Mails, ob jemand diese oder jene Klamotten kauft oder heimlich eine Sendung im Fernsehen schaut, von der er niemandem erzählt, so verhält es sich auch mit Blogs: Selektion als Kanalisierung der Facetten. Und wenn da jemand eine Kunstfigur baut, ist mir doch die Kunstfigur scheißegal. Viel mehr sagt es doch über den Menschen an sich. Welche Charakterzüge er rauslässt, welche er für erwähnenswert hält, welche nicht. Was darf man cool finden, was muss man scheiße finden, um gut anzukommen? Was erwähne ich und was lasse ich unter den Tisch fallen, um Kommentare zu kriegen? Das ist die eine Sorte. Die irgendwann nicht mehr weiß, was eigentlich erfunden und was echt war.


Die zweite Spezies schreibt gnadenlos auf, was passiert. Eins zwei drei und du weißt genau, ja richtig. Und erschrickst vor dem Mut, vor diesem offenen Buch und liest irgendwann nicht mehr weiter, weil du manche Dinge gar nicht wissen willst.

Ich halte Literarisierung für immanent in den meisten Blogs, ohne diese würden sie als Erzählblogs selten funktionieren. Nachrichten, Beobachtungen auf sachlicher Ebene als Informationsquelle gerne. Aber der Tick hinüber zum Schlüsselloch, zum Übungsplatz, zum Experiment - ich glaube, da geht es nicht ohne. Allein deine Perspektive, die persönliche Erzählweise literarisiert doch schon, du schmückst aus, versuchst genau zu erklären, lässt deiner Meinung nach unwichtiges weg, wählst aus und gehst nochmal drüber, verwischst die Spuren oder machst welche hinzu, drehst es so, dass du damit umgehen kannst. Und der Leser muss ja.

Über offensichtliche Lügen kann ich lachen, ich nehme all die Geschichten nicht ernst und ich freue mich über Sprache und Anekdoten, ich habe die Schreibe einiger sehr lieb gewonnen, baue mir Bilder im Kopf, mag den Blick von manchen und die Schwächen der anderen. Am liebsten aber sind mir die ungesagten Dinge, die Konnotationen, das Gefühl, das da mitschwingt und das man bei den Guten immer noch erkennt, auch nach dreimaliger Radierung. Dass du dir denken kannst, warum er das und nicht jenes schreibt und wohin es führt.

Niemand lebt genau so, wie er es gerne würde. Und hier kann man sich zurecht bügeln, hat man die Dinge halbwegs unter Kontrolle, was ja sonst doch eher selten ist oder zwanghaft. Sich eigentlich um nichts und niemanden zu scheren und dann doch wieder um alle (sonst würde man es nicht veröffentlichen), das ist die Gradwanderung und das Charmante. Gib mir ein bisschen von dir und ich bau mir was draus, erzähl mir eine Geschichte und ich sag dir anhand deiner Satzzeichen, wo du dein Gesicht in Falten legst und was du verheimlichen willst.

Liz hat es verfasst, und zwar am 12. September 2007 um genau 11:22 Uhr.
Kategorie : Lektüre

1 Kommentar Kommentar hinzufügen

  • 1. MARIASPILUTTINI  |  18. September 2007 um 0:12

    also ich dreh alles so, dass es etwas hermacht.
    drehen ist ja das passende wort in diesem zusammenhang: wer sich dreht, sieht die dinge von hinten, von unten usw.
    der andere blickwinkel macht die geschichte.
    und – es dreht sich ja auch, und zwar alles.
    ja, auch das: alles dreht sich um mich, und in ihrem fall: um sie!
    warum auch nicht?

    und wenn sie schon inszenieren schreiben - beschränkt sich das jetzt nur auf das bloggen?
    oder ist bloggen eigentlich das ganze leben – zur Freude anderer?

    einwand: wenn ich an die Freude anderer denke, wo bleibt meine eigene?
    kommt die nicht zuerst, dann die anderer?
    wenn ich jedoch an meine eigene Freude denke, was empfinde ich dabei?
    ich empfinde Freude, weil sie diesen text geschrieben haben.
    Freude auch wegen vieler anderer beiträge in ihrem blog.

    ich hab ja – was leider sonst niemand tut – zurückgeschaut.
    ja, ich war am anfang, das ist ja die wahre entdeckung – wie jemand beginnt.
    zum beispiel am 20. november 2005, vor beinahe zwei jahren, etwa 700 tagen.
    mit Freude lese ich:
    Dass ich dich noch weiss, das geht nicht vorbei.
    Das ist immer noch so.
    Du kannst auch in zehn Jahren klingeln und ich werde sagen: Ich bin da, du bist zu Hause.

    klingt das nach etwas-hermachen?
    nach Penisverlängerung?
    ich schreibe das jetzt extra so da hin, weil es mir nicht einfallen würde, an eine solche zu denken!
    was sollte die denn hin an meinem real existierenden weibskörper?
    was würde die denn an dm ihren anrichten?
    mir eine solche aus Text zu bauen – welch eine erstaunliche idee!
    dient die nun nur dazu, um – q.e.d. – etwas herzumachen?

    interessanter widerspruch: dass die – die andern, die nicht sie sind, einige jedenfalls – einerseits so schreiben, wie sie manchmal gerne wären.!
    sich selbst so beschreiben, wie sie…?
    situationen beschreiben, in denen sie…?
    über menschen schreiben, die sie selbst…?

    andererseits dient das schreiben – sehr gut! – der Selektion als Kanalisierung der Facetten.
    womit gemeint zu sein scheint, dass jeder sich jeden tag ein ich zusammenbauen muss, und das dieses ich viele Facetten hat, die nicht zugleich zum vorschein kommen können.
    die frage wäre, welche ihrer Facetten in diesem beitrag zum vorschein kommt!
    welche Kunstfigur sie im auge hatten, als sie ihre selbstzensur anscheinend ein wenig lockerten und das coolfinden und scheissefinden auch für sich selbst als massstab zu akzeptieren scheinen.

    nein, doch nicht.
    es gibt jetzt noch die gnadenlosen naturalisten, die jeden furz, jedes alpträumlein, jeden schiefen blick, jeden anschein einer verfolgungsidee usw. berichten müssen und dabei mit dem begriff wahrheit bedeutsam herumfummeln.

    ich bin für die beschneidung: die wahrheit zu lügen; oder die lüge zu bewahren!
    dabei geht es selbstverständlich um den standpunkt, der nur durch ständige fluchten zu ändern wäre.
    doch verändern des realen aufenthaltsorts ändert im grunde gar nichts.

    aber sie, die bloggerin, und ich, die bloggerin – wir leben doch nur in diesem augenblick, indem wir einander über diese schriftzeichen, über diesen text begegnen wirklich!
    unsere zeichen als vermittler von wahrnehmungsmöglichkeit.
    nie würde ich sie in der realität treffen, mit ziemlicher wahrscheinlichkeit.
    sie mich ebensowenig

    und - nie würden mir das, was sie geschrieben haben, im augenblick des einanderwahrnehmens mitteilen können.
    ok – ein stummer blick, ein lächeln, wahrscheinlich ein aneinandervorbeihuschen.

    hier aber sind sie genauso schamlos wie ich, unter der decke unsteuerbaren selbstzensur.
    ich finde es schön, dass ich nicht erfahren werde, wo ihre scham beginnt, ausser über ihren text.
    die gunst der stunde ist auch eine der kunst des verschweigens.
    verschwiegenheiten zwischen den zeilen, ausgesparte geständnisse – das Gefühl, das da mitschwingt, da sind wir uns einig.

    auch insofern vielleicht, als das schreiben der selbstformung dient, eine kontur formt, die unter den unaufhaltsamen übereinanderlagerungen des lebens untergehen würde.
    interessant finde ich ihre meinung, sie würden anhand meiner Satzzeichen erkennen können, wo sich mein Gesicht in Falten legt.
    und - sehr dankbar wäre, wenn sie mir schreiben könnten, was ich verheimlichen will.
    sie hätten die nötige distanz, die ich nicht habe.

    liebe grüsse

    MARIASPILUTTINI

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