Leistungsliebe
Generationenbegriffe finden wir ja gut, da haben wir was zum Rumschmeißen und drauf rumkotzen, zum dran festhalten und tadaaa zur Identifikation. Toll. Gestern wurde eine Facette meiner Generation in der SZ aufgeschrieben: Generation Leistung. Im Text geht es um die Anforderungen, die wir uns selbst auferlegen und es nicht mehr merken, um den inherenten Leistungsanspruch, der nicht mehr hinterfragt wird. Mut zum Mittelmaß wird proklamiert und dazu aufgefordert, doch mal wieder Dinge zu tun, die man nicht im Lebenslauf aufschreiben kann, die aber trotzdem Spaß machen, wie z.B. “zu spielen, zu lieben, zu weinen, zu hüpfen“. Prima. (Und dann?…)
Ich bin ja wirklich eine Freundin von Pausen und Ruhepunkten, von kleinen Fluchten und dem großen Geschrei, wenn es um Ferien geht. Aber wer kann schon die eigenen Ansprüche komplett runterfahren, wenn es darum geht, sich vor einer Prüfung, für die man mal wieder viel zu spät angefangen hat zu lernen, mal zu entspannen? Wer hat es drauf, sich die Welt den Rücken runterrutschen zu lassen, wenn ständig einer danach fragt, was man schon so gemacht hat und man sich sogar selbst dabei ertappt, danach zu fragen? Wie sollen Leute eine solche Coolness an den Tag legen, die einfach auf ein Vorankommen angewiesen sind, weil sie sich jetzt grad dumm und dusselig arbeiten, um irgendwie gerade so über die Runden zu kommen? Ich rede nicht von mir. Aber ich kenne ein paar von der Sorte. Und vor denen stehe ich regelmäßig mit offenem Mund und kann nicht fassen, wieviel manche Leute auf einmal auf die Reihe bekommen müssen. Wäre in meinem Interesse, mal ein paar der ständig phrasendreschenden Verantwortlichen eine Woche in ein solches Leben zu buxieren, um dann mal zu gucken, wie sie das hinkriegen.
Nach Weber gehen die Dinge, die man der Dinge wegen tut und die dem generellen Verständnis nach sinnlos und nicht sonderlich leistungsfähig sind, in unserem Geist des Kapitalismus verloren. Auch im SZ-Text ist die Sprache davon, dass sich politische Ideale und Utopien relativ ausgiebig verabschiedet haben, Geld verdienen hat abgeklatscht. Und aber holla studieren die wenigsten, um sich wirklich zu bilden, sondern um danach angeblich was zu sein, was vorweisen zu können, um dann weiter zu rennen. Hallo, Bachelor. Tschüß Müßiggang.
Und außerdem frage ich mich doch, in welche Kategorie ich denn wohl gefallen wäre, wenn ich Teil der Shell-Studie gewesen wäre. Es stehen zur Auswahl:
- Idealistin,
- Unauffällige,
- Macherin oder
- Materialistin.
Bitte machen Sie jetzt ihr Kreuzchen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 10. Juli 2007 um genau 8:41 Uhr.
Kategorie : Blicke, Wir
5 Kommentare Kommentar hinzufügen
1. leser | 10. Juli 2007 um 10:12
hmm… da hab ich mir auch schon so oft gedanken drüber gemacht… einerseits stimmt das in dem text gesagte so sehr… andererseits gibts auch das glück der disziplin… wer sich selbst hohe vorgaben macht und die trotz aller blut, schweiss und tränen dann mal konsequent durchzieht, der gewinnt selbstwert und selbstachtung, weil er sich selbst überwunden hat und wirklich freien willen und nicht nur lustgetriebenheit an den tag gelegt hat. komischerweise fühle ich mich oft am ausglichensten, wenn ich mich zu vielen sachen unter entbehrungen geradezu wie mein eigener drill seargeant gezwungen habe. das große problem ist anstrengungen auch bei hohen sachzwängen noch als “wollen” und nicht als “müssen” anzusehen…
2. stephan | 10. Juli 2007 um 10:31
ähem, ich bin unauffälliger macher mit idealistischem hintergund. und meine bescheidene selbständigkeit sichert mir mein kleines materielles dasein. das reicht. noch zumindest. vor allem bleibt zeit zum hüpfen, lieben und spielen. und von diesem ewigen generationendenken und schreiben halt ich sowieso gar nix.
aber nebenbei bemerkt. stehst du immer so früh auf??
3. Rabenflug | 10. Juli 2007 um 11:18
kleine gänsehaut über meine haut läuft
4. Liz | 10. Juli 2007 um 16:36
@stephan. zur zeit muss ich´s leider.
5. spalanzani | 14. Juli 2007 um 12:32
Manchmal wundere ich mich immer noch, mit wieviel Staunen man bei jetzt.de solche Sachen zu bemerken in der Lage ist. Ich meine, haben die Fight Club als einen Film über Typen gesehen, die sich gerne verhauen?
Und dann die Forderung nach Mittelmaß, die vollkommen aus der kritisierten Ideologie heraus gedacht ist, also nicht sagt: Fuck you, warum interessiert mich eigentlich die dauernde Bangemacherei und der absurde Anspruch?, sondern: Ich lerne zerknirscht damit zu leben, ihn nur mittelgut erfüllen zu können.
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