Leihnacht

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Die Städte halten selten, was sie versprechen, darum verlassen wir sie. So wie die Frauen es mit den Männern tun und die Männer mit den Frauen, wenn sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, weil der andere nicht so ist, wie sie sich ihn erträumt und zurecht geschnipselt hatten. Wir verlassen also diese Stadt, wie man das so macht, das Autoradio ist kaputt und es brummt und surrt nur, während die Straßenränder leerer und die Blicke weiter werden. Die Zeit vergeht und wir haben aufgehört zu zählen, auch diese kleinen weißen Streifen nicht mehr, die mittlerweile wie Adern durch unser Blickfeld ziehen. Und der Himmel wird von Ausfahrt zu Ausfahrt dunkler.

Wir trinken nicht, wir essen nicht, wie man das eben so macht, wenn man enttäuscht ist, und wir merken es nicht einmal. Die Bedürfnisse sind andere, größere. Es geht hier nicht um einen Hunger, den man schnell stillen könnte. Das ist kein Durst, der ausgelöscht ist mit ein paar Schlucken. Was vor uns liegt, ist die ganze Welt, und wir haben keine Ahnung, sondern fahren unablässig die Kratzer auf der Scheibe nach und malen wirre Linien in die Beschlagenheit. Ob ich meine, dass da Rehe sind, fragst du mich und ich erschrecke fast, weil wir seit über zwei Stunden fahren und wir haben kein Wort gesprochen und dabei nicht einmal was verpasst.

“Ich weiß nicht, ob da Rehe sind”, sage ich, als das Meer vor uns liegt und du Steine hineinwirfst von diesen schmalen Wellenbrechern aus, auf denen im Sommer immer Muscheln liegen, die Frauen aus dem Meer geholt, aber nicht mit nach Hause genommen haben. Und du stehst still und gerade wie eine Möwe, die ihren Schnabel in den eisigen Wind hält ein paar Meter weiter. Ein paar Punkte auf der Linie sind Schiffe am Horizont. Ein paar Bäume weiter schleicht ein Fuchs um seinen Uferbau. Wir halten auch nie, was wir uns versprechen, fällt mir ein, als wir wieder nebeneinander im Bett liegen und uns nicht aus den Augen lassen.

Einer wird immer wieder gehen. Damit er wieder zurückkommen kann. Und stell dir vor, du bist ein Reh und eines nachts ist die Straße weg, an der du eigentlich immer auf die Lichter wartest. Und manchmal schon fast gestorben wärst.

Liz hat es verfasst, und zwar am 23. Dezember 2006 um genau 14:33 Uhr.
Kategorie : Wir

2 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. Paul  |  24. Dezember 2006 um 0:13

    Dass du das Foto nochmal rauskramst. Sowas.

  • 2. Liz  |  24. Dezember 2006 um 1:49

    @Paul. Manchmal ist es eben Zeit.

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