Bunt war das heutige Schwarz

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Wir waren Kinder, die in den 90ern lebten. In den 80ern kamen wir zwar auf die Welt, aber wie das nun einmal so ist, braucht man eben ein bisschen, um sich einzuleben und dran zu gewöhnen, bevor man damit beginnen kann, es zu genießen. Als wir also anfingen, bewusster zu leben, kamen wir gerade in die Schule. Die Wende saß uns in den Knochen, wir waren alle noch ein bisschen wackelig und die Schulbücher kamen aus dem Westen, die Lehrer aber weiterhin aus dem Osten. Während der Unterricht eine Gratwanderung war, aber nicht ganz so schlimm wie die harten Liegen im Ostkindergarten, brauchten wir das pralle Leben, um uns abzulenken. Also saßen wir Jeans-Imitat-Leggins herum, kauten an unseren Perlenketten aus Zucker, kletteten unsere Klettverschlussschuhe auf und zu und tauschten Sticker hin und her, bis sie nicht mehr klebten.

Wir kauten auch die kleinen Kügelchen Kaugummis aus den roten Automaten mit weit aufgerissenem Mund, schlugen uns die Knie auf und passten auf, dass die Schnüre nicht rissen, an denen uns die Brotdosen um den Hals baumelten. Hatten wir kein Kleingeld für die Kaugummiautomaten kauften wir den Suchtstoff in der Stange und drückten Kugel für Kugel aus dem Plastik, das danach Plastikhalbkugel für Plastikhalbkugel eingedrückt wurde. Waren die aus, kauften wir Batman- oder Knightrider-Kaugummis und beklebten unsere Arme mit den darin enthaltenen „Tattoos“. Anlecken, draufkleben, warten, abziehen, fertig. Twix hieß nicht mehr Raider, aber Schnuller hießen immer Schnuller. Also gaben wir den Rest vom Taschengeld für kleine Plastiknuckel aus, die dann neonfarben an Ketten neben unseren Brotdosen um unseren Hals baumelten. Buntes Plastik bedeute uns alles. Badeanzüge und Radlerhosen waren neonfarbig gescheckt und trugen als absolutes Highlight schwarze Sterne. Yps oder Micky Maus hatten regelmäßig diese Schnalz-Armbänder, die man jetzt noch hin und wieder an den Hosenbeinen von Fahrradfahrenden Herrschaften sieht, in passenden Farben als Gimmick dabei. Die dazugehörigen Micky- und Mini-Maus-T-Shirts waren überdimensional groß, die Hosen megaeng. In die Taschen unserer Alternativ-Latzhosen stopften wir Unmengen an kleinen, braunen Plastiktrolls mit neonfarbenen Haaren, die es wie die Schnuller in allen Größen und Farben an jeder Ecke, in jedem Schreibwarenladen und auch in jedem Kaugummiautomaten gab. Wir drehten uns also die Finger wund.

Schreibwarengeschäfte besaßen in meiner Kindheit eine völlig andere Bedeutung. Nach der Schule gingen wir dorthin und kauften saure Schlangen. Wir schauten und bestaunten die durchsichtigen Plastikdosen mit den großen Deckeln, die jeglichen Kleinscheiß und vor allem aber auch Schlümpfe beherbergten. Die wollten wir nicht sammeln, wir sammelten ja schon Trolls und Schnuller und Sticker und Überraschungseierfiguren, die Schlümpfe aber wollten wir nur essen und uns in großen Mengen in den Mund stopfen. Farbe, vor allem unnatürliche Farbe, machte uns total an. Ob grüne oder pinkfarbene Strähnen, die Zunge verfärbende Lutscher von Chupa Chups oder Brausepulver, Haarreifen oder Schnürsenkel. Hauptsache grell, Hauptsache bunt. Von Handies und Internet hatten wir keine Ahnung, unsere Klingeltöne waren essbar und sahen gut aus.

In Sachen Identifikation verließen wir uns ganz auf unsere kleinen Helden. Die Zeiger der FlikFlakUhren, die immer weitermachten, egal, was auch passierte. Die abendliche Geschichte von Bibi Blocksberg oder Benjamin Blümchen oder das samtige Gefühl der Stoffaufkleber unter unseren Fingern. All das lag unter dem Bett, all das war immer da, wenn wir mal das Gefühl hatten, die Welt gerate ins Wanken. Wir waren 90er-Kinder. Wir hatten den Schirm unserer Plastiktenniskäppis tief in die Stirn gezogen. Wir trotzten dem Grau der Realität. Unsere Sandalen mit Stretchband und Gummisohle federten uns ab bei unseren Sprüngen durch die Welt. Wir rissen keine Steine aus dem Sand, aber wir trugen lila Chucks mit der vollsten Überzeugung, obwohl wir schon ein bisschen neidisch waren auf die, deren Sohle hinten rot blinkte, wenn sie mal fest auftraten. Wir waren im Osten geboren, wir wuchsen in den Westen und schwammen strampelnd und sabbernd durch die herrlich bunte Konsumwelt, bis uns die Neonsterne zu den Ohren rauskamen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 30. Januar 2007 um genau 23:14 Uhr.
Kategorie : Berlin, Wir

4 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. Alexander  |  31. Januar 2007 um 17:41

    Schon allein der Titel ist Gold wert. Und diese Kindheitskonsumerinnerung sowieso.

    Zehn Jahre früher war es im Westen der Republik nicht sooo anders: Je Plastik, desto gut. Da trafen die beginnenden Achtziger Jahre mit all ihrer Trash-Ästhetik (aus heutiger Sicht: Trash) auf die holzgetäfelten Wände und Ivar-Regale der ersten Ikea-Generation, a.k.a. unsere Eltern.

    Was wir nicht hatten, waren diese unsäglichen Schnuller, die in den Neunzigern an den Rucksäcken der Schulkinder bis in die frühe Pubertät hingen. Bei uns gab es Monchichis. ‘Nuff said.

  • 2. Liz  |  31. Januar 2007 um 18:01

    Was mir noch eingefallen ist, sind diese seltsamen Spiralen in Regenbogenfarben, die man die Treppen hinunterlaufen lassen konnte. Oder diese Dinger, die man sich um´s Bein hängte und mit einer bestimmten Bewegung in Schwingung versetzte, um dann drüber zu springen und die Umdrehungen von dem Gerät selbst zählen zu lassen.

  • 3. Caro  |  8. Februar 2007 um 13:19

    Liebe Lisa,

    dein Text ist großartig. Wir sind sechshundert Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen. Du im Osten und ich im Westen. Du in der Großstadt und ich im Dorf.

    Und weißt du was? Alles stimmt überein. Absolut alles! Als ich von den lila Chucks gelesen hab, dachte ich: Nee, ey, ich hatte so saucoole Klettverschluss-Sneaker, die beim auftreten rot geblinkt haben! Und die hast du dann auch noch erwähnt.

    Ich glaube, das alles hat gar nichts mit Osten oder Westen zu tun. Entweder es ist alles eine ganz große Verschwörung, oder Kinder der gleichen Generation stehen einfach automatisch auf den gleichen Scheiß. Aber zumindest hätten sich auf den sechshundert Kilometern von mir zu dir (oder andersrum) irgendwelche Unterschiede einschleichen müssen. Aber du hast alles erwähnt. Erschöpfend.

  • 4. Liz  |  8. Februar 2007 um 14:24

    Schön, wenn sich jemand wiederfindet :) Die andere Caro hat auch laut aufgelacht!

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