Labiale Differenzen

Als Kind habe ich gedacht, bei längerer Nichtbenutzung könnte mein Mund zuwachsen. Manchmal morgens nach dem Aufwachen, wenn einem allerhand Sekret, wie M.Goldt es ausdrücken würde, im Gesicht hängt und dieser Geschmack von länger stehengelassenem Orangensaft im Mund, nach diesem Aufwachen klebt einem ja manchmal auch der Mund ein bisschen zusammen. Als Kind konnte ich mit diesem Zustand schwerlich umgehen. Wenn meine Lippen nach komatösem 14-Stunden-Schlaf trocken aneinander hafteten, dachte ich, das sei der Anfang der schleichenden Zusammenwachsung meiner Lippen. Also redete ich ununterbrochen und prüfte meine Mundwinkel auf eventuelle Veränderungen. Einmal maß ich sogar mit einem Lineal nach, scheiterte jedoch an der Einstellung des Grinsegrades, der sich unmittelbar auf das Ergebnis auswirkte. Also redete ich, “Benutzen musst du deinen Mund, mein Kind”, redete sehr viel, auch mit mir selbst, dass mir manchmal ganz schwindelig wurde davon. Ich sprach Kassetten voll und andere Menschen und Kuscheltiere und meine Schuhe und den Baum vor dem Haus, essen allein würde nicht genügen, das könne man sicherlich auch irgendwas anders in den Körper bringen, da war ich mir sicher, Spritzen war ich ja auch schon recht früh begegnet. Mitunter hatte ich Angst davor, einzuschlafen, weil ich glaubte, nicht rechtzeitig vor dem Verschwinden meiner Mundöffnung wieder aufzuwachen. Ich hatte mir das vorgestellt wie Ohrlöcher, die bei Nichtbenutzung zuwachsen, und fragte mich immer wieder, wie das wohl mit der alten Dame aus dem Vorderhaus sei, die immer nur grunzte und manchmal schnaufte, wenn man sie im Hof beim Entladen des Mülls in die Tonne traf. Ich war hochgradig davon überzeugt, dass ihr Mund mit Sicherheit von innen schon zugewachsen war, dass der Körper die Lippen nur des Gesamteindrucks wegen nicht der restlichen, blassen Gesichtsfarbe anglich und vollkommen mit dem faltigen Kinn verschmelzen ließ. Diese Frau war mein personifizierter Horror in ihrer Unfähigkeit, Guten Tag zu sagen oder auch einfach “Geh weg”. Also probierte ich in einer Tour mit Worten rum, bis ich in die Schule kam. Ab dem Moment, in dem ich persönlich dazu aufgefordert wurde zu reden, verging mir die Lust.
Später dann wünschte ich mir an manchen Morgen, es würde einfach so passieren. Ich hätte eine Entschuldigung gehabt, einen Freibrief, ich hätte einen Anlass zur totalen Selbstbeherrschung, die irgendwann mit Sicherheit in innere Gelassenheit umkippen würde, so glaubte ich. Ich hätte schreiben können und der Rest der Welt hätte sich mit fusseligen Zungen, unbedacht Herausgesagtem, Rotzigkeit und Quäkstimmen herumgeschlagen. Wäre es eines Morgens passiert, ich hätte zum Arzt gehen müssen, vielleicht wäre ich erst nach einigen Tagen gegangen, aber der Akt wäre ein offizieller und bewusster gewesen. Ein Entschluss zum gesprochenen Wort und kein Automatismus.

Kommentare
bei mir war es umgekehrt: ich habe immer mit fest aufeinandergepressten lippen geschlafen.
damit die zahnteufel nicht reinkommen und mir schon wieder einen zahn anfressen mit ihren spitzen monsterzähnchen.
.. wunderbar beschriebene Gedanken .. es war wirklich schön diesenPost zu lesen ..