Kubiklichtjahre

Manchmal, wenn du nach Hause in unsere Wohnung kommst, klopfst du an meiner Tür. Und wenn ich nichts sage, dann weißt du, ich bin allein und kommst herein. Legst mir die kalten Finger auf die Schultern und es knackt darunter, wenn mir eine Gänsehaut über den Rücken läuft. Ich schaue dich solange nicht an, bis ich deine Stimme gehört habe. Dann versuche ich abzuschätzen, wie dein Tag war und was du noch erwartest von ihm. Ob du heimkommst, um schlafen zu gehen, aus dem Fenster auf den großen Baum zu schauen oder ob du noch einmal los willst, die Nacht woanders verbringst. Manchmal fragst du dann, ob du bleiben kannst. Dann stehst du meistens am Fensterbrett, ziehst die Vorhänge zu und schaust vorher noch einmal, wie viele Fenster im Haus gegenüber hell erleuchtet sind. Jeden Abend zählst du. Dann verschwindest du in dein Zimmer nebenan, ich höre dich die Tasche abstellen und wie du den Rechner herausholst, auf den Schreibtisch legst, wie du dein Taschentelefon auf lautlos stellst und es auf dem Nachtisch liegen lässt, wie du mit Schwung die Fenster aufreißt und auf den Balkon gehst. Trete ich ans Fenster, kann ich deine Hände in den Blumen sehen, wie du vertrocknete Blätter von den Stängeln zupfst, den Tabak aus der Arschtasche holst und dir langsam eine Zigarette drehst. Ich sehe den Rauch, verstecke mich hinter dem Vorhang und liege schon im Bett, wenn du kommst. Dann legst du dich hinter mich, deine Hände sind meistens kalt und dein Bart kratzt an meiner Schulter. Du hältst dich an meinem Bauch fest und atmest an meinen Hals. Und wenn du dich einmal hingelegt hast, bewegst du dich nicht mehr, damit ich schlafen kann und ich höre an deinem Atem, dass du noch nicht schläfst, wenn ich schon langsam beginne zu träumen. Morgens höre ich die Tür ins Schloss fallen und finde nach dem Aufstehen frische Brötchen auf dem Tisch, den Kaffee in der Filtertüte vorbereitet und abgemessen, die Tür zu deinem Zimmer ist geschlossen, sogar das Kissen neben meinem Kopf hast du aufgeschüttelt. Ich will nie, dass du gehst.

Meistens malst du, wenn ich komme. Du malst und malst den ganzen Tag und manchmal frage ich mich, ob du mich malst oder uns, aber auf deinen Blättern sind immer nur Tiere und Pflanzen und Häuser und Maschinen, von denen ich nicht weiß, wie sie funktionieren, aber sie funktionieren, wenn ich sie ansehe. Die Tiere brüllen mir laut ins Gesicht, in den Häusern gehen Menschen zu Bett und die Maschinen knacken leise. Du hörst schon am kleinsten Geräusch, ob etwas nicht stimmt. Dein Rücken ist aus Beton, dein Nacken aus Stahl und jedes Mal erwarte ich eine kalte Haut, wenn du glühst. Ich spüre jeden deiner Knochen, die Ränder deiner Schulterblätter, die Sehnen und den Haaransatz im Nacken und manchmal an einem guten Tag erinnere ich mich verschwommen an deine Rippenbögen und Kniekehlen. Du legst den Stift hin, wenn ich klopfe, und nimmst ihn wieder in die Hand, wenn ich hinter dir stehe und ich mag das Geräusch, das dein Stuhl auf dem Parkett macht, wenn du ihn ein Stück vom Tisch und der Wand weg schiebst, um die Füße auszustrecken. Und ich bin froh, dass du da bist, wenn ich komme, dass du malst und dass du nicht uns malst und das noch nie getan hast. Ich bin froh, dass es keine Bilder gibt von uns und dass man schon im Hausflur weiß, wie gut es in der Wohnung riechen wird. Der Unterschied zwischen der Welt da draußen und unserem Leben hier drinnen ist groß, über unsere Vergangenheit reden wir nicht und ich schließe die Tür, damit der Rauch nicht zu dir herüberzieht. Heute sind es sieben erleuchtete Fenster im Haus gegenüber und ich bin sicher, der eine Typ im vierten Stock bespannert dich. Immer sind seine Gardinen geschlossen, aber ich meine, sie bewegen sich ständig, zittern und bergen seinen Schatten. Wenn ich hier bin, bleibt der Rest draußen. Und ich will dir nicht einmal von dem erzählen, was dort passiert, deswegen komme ich erst, wenn deine Unterlippe sich schon von der Oberlippe löst und deine Pupillen hinter den Lidern rasen. Ich putze mir zweimal die Zähne, um nicht zu stinken und manchmal legt sich meine Hand so auf deinen Bauch, wie sie es früher tat, manchmal erwische ich die unterste Beugung des Knochens. Für ein paar Stunden sind wir dann still. Alles, was es gibt. Jetzt liegt zwischen den Welten ein Meer, in dem schwimmen Jacken und Schuhe.

Liz hat es verfasst, und zwar am 5. November 2008 um genau 14:52 Uhr.
Kategorie : Emma und Jonas

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