Keine große Geste

Auf dem Bürgersteig zwischen S-Bahn und Straßenecke hast du angerufen. Du warst ein paar Mal da, aber Baustellen kommen und gehen und wenn man immer nur im Dunkeln draußen ist, versteht sich die Verwirrung von selbst. Ich sagte dir, dass du in die richtige Richtung und auf der richtigen Seite läufst, ich war schon im Treppenhaus. „Komm mir entgegen“, hast du gesagt. Und ich sah dich von weitem, die Gehwegplatten waren noch nass vom Regen, das Flattern der Markise des Inders mischte sich in den lauten Wind. Ich wischte mir alle drei Schritte die Strähnen aus der Stirn und hinter der Ecke ließ ich es bleiben. Wir telefonierten solange, bis es zwischen uns nur noch drei Meter waren. Dann steckten wir die Telefone zurück in die Jackentaschen. Ich stand auf den Zehenspitzen, als dein Bart an meinem Hals war. Schon dort ahnte ich, dass du die Wahrheit gesagt hast. Deine Haltung war schlecht.

Wir schauten uns nicht an, ich hatte unsere Fußspitzen im Blick, du das Ende der Straße. Deine Jacke raschelte, die Laternen waren gerade angegangen und wenn ich versuchte, an deiner Schulter vorbei zu sehen in dein Gesicht, warst du immer schneller. Wir gingen an meiner Haustür vorbei, ein paar Runden um den großen Platz, wir hatten Hunger und konnten uns nicht entscheiden. Ich hatte Fragen, aber keinen Anfang, keine Reihenfolge parat. Wenn du die beleuchteten Speisekarten neben den Eingangstüren studiertest, stand ich schräg hinter dir. Ein Schritt von dir war zwei von mir, mir wurde warm und ich wickelte den Schal ab, Runde für Runde um Hals und Platz. „Was machen wir noch?“. Dein Daumen strich mehrmals die Wirbelsäulenlinie im Nacken ab.

Der hintere Raum des Imbisses war gelb beleuchtet, die beiden Kühlschränke brummelten, ein Radio dudelte passend zum schwachsinnigen Gequatsche eines Psychologiestudenten, der seine Begleitung nach dem Essen gerne noch mit zu sich genommen hätte. Besteck musste man sich selbst holen. Ich nahm die einzelnen Teile langsam aus dem metallenen Kasten und schaute dabei auf die Straße, von der man nur ein paar Lichter, ein paar Reflexionen sah, ein leises Rauschen und mehr war irgendwie nicht übrig. Als ich zurückkam, hattest du die Jacke ausgezogen, mit den Fingern ein zwei Teile vom großen Teller geklaut und schon etwas davon im Mund. Du kautest, ich stocherte, unter dem Tisch berührten sich zwei Knie.

Wir kauften Bier, du wolltest unbedingt eine Tüte dazu, wir gingen nach Hause und dort war es warm. Mit dem Finger hast du über die Buchrücken gestrichen, ich hab zu jedem etwas gesagt, du hast mich von der Seite angesehen, bis dein Finger auf meinem Rücken war. Wir tanzten, wir tranken, ich hatte das lange nicht mehr gemacht. Mir waren die Menschen egal, aber ich mochte es, mich wegzudrehen, wenn du mich küssen wolltest in der Mitte des Raumes. Die Lieder hatte ich alle schon einmal gehört, fast keines war total leer, die Assoziationen flirrten im Sekundentakt und du warst immer irgendwo neben mir. Du hattest damit nichts zu tun.

Ich sollte mitkommen. Und du fragtest ein bisschen zu oft, um noch unbeteiligt zu wirken. Wir waren zu schnell persönlich geworden, um es Zufall zu nennen. Und ich schlug es zu lange aus, um glaubhaft zu sein. Für eine Ausrede hatte ich zu wenig getrunken. Aber zuviel, um mich zu wehren. Und du bist zu schnell in den Zug gestiegen, als dass ich hätte glauben können, es sei dir ernst. „Schreib über mich. Das kannst du doch.“ In der Nacht tat dein Arm unter meinem Rücken nicht weh. Es war zu hell am Morgen, aber du warst da und sagtest plötzlich, dass wir jetzt frühstücken gehen, und die Leute am Flussufer, die sahen uns an, als wären wir zwei von ihnen. Es gibt noch ein Foto, da sieht man mich nicht. Und eines vom Wasser vor uns. Auf meinen Hinterkopf passte deine ganze Hand.

Ich hab noch ein zweimal aufgesehen, wenn jemand deinen Namen nannte. Das hat niemand bemerkt, wir hatten niemanden getroffen, der sich hätte erinnern können oder nachfragen. Aus dem Auto nach Hause hast du noch einmal angerufen. Und ich sagte dir, dass das die richtige Richtung ist. Und wir telefonierten, bis es zwischen uns wieder hunderte von Kilometern waren. Dann legten wir auf und die Gehwegplatten waren noch nass vom Regen. Du warst einmal da, aber die Baustellen kommen und gehen und wenn man immer nur im Dunkeln draußen ist, versteht sich die Verwirrung von selbst. Das war es, was du wolltest, eine Geschichte. Und du wartest nicht, bis jemand sagt: „Du kannst jetzt gehen“. Aber deine Haltung ist schlecht.

Liz hat es verfasst, und zwar am 2. Februar 2008 um genau 19:25 Uhr.
Kategorie : Blicke

3 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. nath  |  3. Februar 2008 um 7:15

    duhastmichgetroffen,obwohl-esgehtjanicht.

  • 2. Lars  |  3. Februar 2008 um 21:40

    spannnend/entspannend bis zum letzten wort.

  • 3. Liz  |  3. Februar 2008 um 21:57

    Dankeschön, ihr. Ey.

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