Jetzt ein Jahr später

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In Wintern kann man gut davon schreiben, wie man mit dem Auto irgendwo hinfährt, um nicht dort sein zu müssen, wo man herkommt. Im Winter beschlagen die Scheiben, diese Metaphern gehen fast immer. Und meistens legt sich auch Nebel über die Felder, die dann an dir vorbeirasen und du kannst nicht halten und dich hineinstellen und verschlucken lassen, du kannst du kurz schauen und dann kommt auch schon das nächste Waldstück, die nächste Ausfahrt und die Menschen haben einen anderen Dialekt. Wenn es kalt ist, sind die Geschichten aus den Städten meist romantisch, weil kalte Hände immer gehen, weil die Lichter früher angezündet werden und das Dunkel schneller kommt. Weil es immer noch ein bisschen grausamer ist, wenn man in der Kälte wartet, als wenn einem der Schweiß von der Stirn läuft. Da kann man dann von einem Bein auf´s andere wanken, man kann sich in die Handschuhhände hauchen und die kurze Wärme erst dann bemerken, wenn sie schon fast wieder weg ist.

In einer Wintergeschichte haben wir uns in der Mitte dieses pompösen Platzes getroffen. An den Feiertagen wuseln Hunderte mit Sonnenbrillen und Fotoapparaten da herum und der Rasen ist so grün, dass er nicht mehr grüner werden kann und alle halten sich die Hände vor die Gesichter, weil das Licht so gleißend ist. Wir sind ins Auto gestiegen, der Nebel hatte sich schon verzogen und sind in diesen kleinen Ort gefahren, in dem jedes zweite Haus zu verkaufen ist, in dem nur alte Leute durch die Gassen schlendern und schuckeln, die sich eingehakt haben. Und wir liefen einfach nur nebeneinander her und sagten nichts, uns beiden war kalt, ich hab das gesehen. Als wir am Ufer dieses kleinen Sees standen, umarmte ein paar Meter weiter ein Kind einen Baum und ein paar Wollfäden seiner Mütze blieben in der rauhen Rinde hängen und nach einer kurzen innigen Umarmung schrie und zeterte es, es wütete und stampfte und heulte am Ende. So schnell kann das gehen, halt dich nicht fest. Halt mich fest, halt mich fest.

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Die Spitzen unserer Schuhe waren nass, als es zu dämmern begann. Der Nebel kam zurück, wir waren die ganze Zeit gelaufen, die Straßen blieben leer und die Geschäfte geschlossen. Ich habe aufgehört, meinen Füßen nachzufühlen. Ich habe aufgehört dich anzusehen. Wir haben uns ein paar Witze erzählt; die an die wir uns noch erinnern konnten, waren nicht die besten. Aber wir haben gelacht. Aus Höflichkeit und weil wir es nicht besser wussten. Du wolltest noch in die Kirche, nur für einen Moment. Und mir war ganz seltsam zumute dabei, ich habe dich noch nie auf so einer Holzbank sitzen sehen, dein Kopf war so selten gesenkt und dann immer nur, wenn er nach einer langen Nacht auf meinem Bauch lag, als das Haar dir strähnig ins Gesicht fiel; du hast schwer geatmet. Ich horchte, ich lauschte, aber hörte kein Geräusch von dir. Die Augen geschlossen, die Hände am Rande der Holzbank, alles in dir ruhte, du ruhtest in allem und ich wollte gehen. Beim Hinausgehen erwischte ich den Stapel Notenblätter, der auf einem kleinen Tisch neben der Tür lag zusammen mit ein paar Bibeln und Gesangsbüchern. Eins flog mir hinterher bis vor die Tür und nach einer halben Stunde, die ich da draußen wartete auf der Treppe im Eingang eines kleinen Hauses, lag es immer noch da und bist fast drauf getreten. Die Handschuhe ragten die aus den Jackentaschen, “Komm, wir gehen” sagtest du, während der Zettel von dir sorgfältig zusammengefaltet und in die Hosentasche gesteckt wurde.

Du hast den Arm um mich gelegt, bis wir wieder beim Auto waren. Wir fuhren langsam über die kleinen Landstraßen, durch die kleinen Dörfer, die so dunkel dalagen, dass man sich fragte, ob es da überhaupt Menschen gibt. Erst als wir wieder auf der Autobahn waren, hast du gesagt: “Mach dir keine Sorgen. Das muss so sein. Das wird immer so sein, dass wir nicht wissen, was wir sagen sollen. Das sind die Menschen, die man nicht vergisst, bei denen man nervös ist. Bei denen man solche Angst hat, dass es schiefgeht, dass es schiefgehen muss. Weil man bei jeder Geste überlegt. Weil man immer denkt, man könnte dem anderen zuviel, zuwenig oder vielleicht auch genug sein. Aber weil man immer denkt und fühlt gleichzeitig, funktioniert das nicht. Das sind die Menschen, an die man sich erinnert, die man nicht loslassen kann. Und die einen nicht gehen lassen.”

Jetzt ein Jahr später haben wir uns getroffen in der großen Stadt im Gewusel des Weihnachtstamtams, wir haben es gemacht, wie sie es alle tun, uns auf Brücken gestellt, uns in Ecken verzogen und die Lichter in den Augen des anderen spiegeln sehen und gedacht, dass das in Filmen bestimmt gut kommt, wenn man das in Nahaufnahme zeigt. Und dann sind wir in die Zionskirche gegangen und du bist durch den kleinen Gang an der Seite hoch zur Orgel geklettert. Ich habe mich hingesetzt, da war sonst niemand. Und dann hast du gespielt, es klang wie ausgeschnitten und lag schwer auf meinen Schultern. Mir lief ein Schauer über den Rücken, als es plötzlich vorbei war. Von oben flog ein Notenblatt hinunter und landete ein paar Reihen vor mir. Im Flug sah man, jemand hatte es sorgfältig gefaltet.

Ich weiß nicht, wie lange ich da noch saß. Es war immer noch dunkel draußen, aber die Straßen viel leerer. Den Zettel habe ich zwischen den Holzbänken vergessen, irgendwie war es auch egal. Ich dachte immer, du behältst sowas ja auch nicht.

Liz hat es verfasst, und zwar am 27. Dezember 2006 um genau 14:54 Uhr.
Kategorie : Wir

6 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. diana  |  28. Dezember 2006 um 1:05

    Du schreibst so wunderbar.

  • 2. stilhäschen  |  29. Dezember 2006 um 11:00

    Ein Knaller. Und was auch immer übermorgen alles kracht, das ist nicht zu toppen. “Halt Dich nicht fest. Halt mich fest.” Wow.

  • 3. Liz  |  29. Dezember 2006 um 15:02

    @stilhäschen. Ich danke, Frau Hase!

  • 4. Rationalstürmer  |  30. Dezember 2006 um 1:52

    Ich glaube, es läuft einem immer dieser Schauer über den Rücken, wenn man plötzlich spürt, dass es vorbei ist. Wobei das nicht ganz richtig ist. Es ist nur so, wenn man weiß, dass man dem anderen genug ist. Genug. Genug. Genug. Oh ja. Wunderbar.

  • 5. Philipp  |  30. Dezember 2006 um 2:42

    “Mach dir keine Sorgen. Das muss so sein. Das wird immer so sein, dass wir nicht wissen, was wir sagen sollen. Das sind die Menschen, die man nicht vergisst, bei denen man nervös ist. Bei denen man solche Angst hat, dass es schiefgeht, dass es schiefgehen muss. Weil man bei jeder Geste überlegt. Weil man immer denkt, man könnte dem anderen zuviel, zuwenig oder vielleicht auch genug sein. Aber weil man immer denkt und fühlt gleichzeitig, funktioniert das nicht. Das sind die Menschen, an die man sich erinnert, die man nicht loslassen kann. Und die einen nicht gehen lassen.”
    - ja! genau auf den punkt gebracht! ganz stark mit lieben und guten freunden, die man lange nicht gesehen hat. aber warum ist das so ? würde man gerne loslassen oder hat man schon zu sehr losgelassen - vielleicht mehr als einem jetzt lieb ist ?!
    verflixt!
    aber das muss wohl so sein.

  • 6. Christoph  |  3. Januar 2007 um 0:54

    Ich weiß, zitieren ist blöd, aber manchmal ist etwas schon genau auf den Punkt gebracht:

    “Denn gewiss ist die Liebe kompliziert, heikel und manchmal qualvoll, aber sie ist der einzige Moment, in dem unser Traum Wirklichkeit wird.”
    Francois Lelord

    Und aus Träumen erwacht man nunmal.

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