In Abschieden war ich nie gut
Ist das Wehmut oder nur die Hitze? Ist es der stille Jubel, den die Touristen durch die Straßen schleppen, oder meine eigene Unfähigkeit, die Situation und die Stadt zu nehmen, wie sie nun einmal sind?
Ja, Berlin vibriert, verändert sich permanent und atmet unruhig. Früher habe ich genau das auf verbale Schilder geschrieben und ganz hochgehalten: „Ja, Berlin ist viel. Nie nur so oder so. Sondern immer ganz viel auf einmal“. Und jetzt sehe ich die Schilder überall und denke: „Lass mich doch in Ruhe“. Ich mag das Gefühl zu wissen, wo es langgeht, wenn ich an Touristenbergen vorbei husche. Ich mag es, kein Problem mit den U- und S-Bahnen zu haben und zu wissen, wie die Berliner Schnauze funktioniert. Soziologisch gesehen schult diese Stadt das Auge und das Gefühl für Menschen in ihren Lebensräumen. Und sie ist mehr als viele kleine, aneinander gereihte Kleinstädte. Dass diese nämlich ineinander überschwappen, ist der Punkt. Das Ziehen von Grenzen in ganz eigenen Dimensionen und mit anderen Regeln. Das Kleine im Großen, das Zimmer, die Wohnung, das Haus, der Block, die Straße, das Viertel, der Bezirk, der Stadtteil, die Hälfte, die Stadt. Fokussierung total im lauten Kontext der Kulturen. Mir bleibt der Mund nicht mehr offen stehen, wenn jemand nackt in den Spätverkauf kommt, um ein Bier zu kaufen. Das passiert, ich amüsiere mich im Stillen.
Aber mir rutscht das Herz in der Brust herum, wenn die alten Wege plötzlich Alleen und Einkaufscenter sind. Wenn die kleinen Läden ausgeräumt, umgebaut und abgeschafft werden. Das sind die Momente des Schreckens, wenn man zum Fremden wird in der eigenen Stadt.
Wehmut und Hitze. Jubel und Veränderung.
Und vergib mir, Berlin, wenn ich an dir zweifle, weil ich auf Bad Taste Parties nicht mehr unterscheiden kann zwischen denen, die immer so rumlaufen und denen, die sich für diesen einen Abend verwandeln wollten. Macht mehr davon, aber traut euch auch mal was. Hin und wieder glaube ich, der Stadt geht das Risiko verloren. Auch wenn die Generation Prekär sich hier zuhause fühlt.
Und hört Jeniferever, wenn ihr mal diese Stadt verlasst. Die schwedischen Karate, der Wahnsinn.

Kommentare
Abgesehen von meiner perlenden Begeisterung für diesen großartigen Text glitzert meine Stirn vor knackfrisch erwachter Neugier wegen Jenniferever. Als riesiger Skandinavienmusikfan und großer Verehrer der fantastischen Karate könnte das eine der ganz großen Entdeckungen dieser Woche werden. Doppeldank!