Impingement

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Wir sind beide ein bisschen seltsam geworden mit der Zeit. Wir haben uns umgedreht und wussten ziemlich genau, dass wir keine Augen am Rücken haben und dass der andere nicht sieht, wenn wir uns umdrehen. Und gleichzeitig haben wir gehofft, dass der andere sich umdreht und sieht, dass wir das nicht tun. Aber wir haben beide die Brust geschwellt, ein Hohlkreuz gemacht, dass man meinen könnte, wir hätten das wirklich so gelernt, dabei sind wir so geboren. Wir können das nicht anders.

Dann sind wir losgelaufen. Am Kirchturm vorbei und in dem großen Schneesturm und haben uns immer und immer weiter voneinander entfernt. Und dabei haben wir einen unglaublichen Lärm gemacht, weil wir dachten, wenn der andere das hört, dann dreht er sich um. Bestimmt. Und wenn ich jetzt immer mal aus dem Fenster schaue, wenn die Sicht und das Wetter es zulassen, sehe ich Krähne stürzen und Wände fallen, ich höre Hubschrauberlärm und weiß, du bist wieder irgendwo dagegen gelaufen. Meistens schüttele ich den Kopf, ziehe die Gardinen zu und drehe die Musik auf. Ich will davon nichts wissen, ich will mich nicht umdrehen.

Ich weiß auch noch, wie du angerufen hast den einen Tag. Du hast mir vorgeworfen, ich hätte mich nicht umgedreht, ich hätte nicht gekämpft, nicht gerufen, nichts getan. Aber hast du sie nicht gesehen, all die Kreuzungen, an denen sich der Verkehr staute, weil die Ampeln kaputt waren (ich wollte nicht, dass die Welt so tut, als sei alles wie immer). Hast du sie nicht bemerkt, all die Verspätungen der Züge, Busse und Bahnen? Warst du blind, als du an all den Schlaglöchern vorbeigelaufen bist, die ich mit eigener Kraft und eigenem Fuß, mit eigenem Elan und vollständiger Wut in den Boden gerammt habe? Hast du sie nicht bemerkt, die Dellen in dieser glatten, eigentlich akkurat abgeschnittenen Kante?

Es tut mir leid, dass ich nicht kehrt gemacht habe. Dass ich mich nicht an deinen Fuß gehängt, dir ins Bein gebissen, an deiner Jacke gezerrt und vor deinen Augen auf die Knie gefallen bin. Dass ich nicht im Radio angerufen habe, um dich zurück zu gewinnen. Dass ich nicht zum Fernsehen gegangen bin, um dich in eine dieser widerlichen Sendungen zu holen, bei denen ich an Sonntagabenden manchmal heulen muss, wenn ich Wein getrunken habe, weil diese Menschen sich so unglaublich zum Löffel machen und das vor dem ganzen Land. Vor demjenigen, den sie lieben. Ja, sie müssen das heraussingen und das ohne Ahnung von Tonleitern. Sie wollen das unbedingt zeigen, in dem sie riesige Herzen aus Kerzen auf schneebedeckte Lichtungen in Dorfwäldchen bauen. Es tut mir ja leid, dass ich nicht in deine großen Fußstapfen getreten bin und so getan habe, als seien diese der einzige Weg, den es gibt. Und es tut mir leid, wenn du dachtest, ich könnte so sein.

Es tut mir auch leid, dass es dir in der Schulter zieht, wenn du dich umdrehst. Dass es dir den Nacken verrenkt und dich auf die Knie zwingt, wenn du versuchst, den Kopf zu neigen. Es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe, wie sich dein Gesicht vor Schmerz verzerrt, weil dir jemand sagt, dass er ohne Bedingung da ist für dich. Aber es tut mir nicht leid, dass ich dir kein Post-It geschrieben habe, dass dich jeden Tag erneut daran erinnert. Ich dachte wirklich, du wärst alt genug. Aber ich habe immer gesagt: “Pass auf. Das wird sich verhärten, wenn du so weitermachst. Das wird so nicht besser.” Und drehte mich nicht um, weil ich wusste, wie du von hinten aussiehst. Immer ein bisschen schief.

Und nun wissen wir, der Winter hat es so an sich, Spuren zu verwischen. Er schmilzt, er weht, er windet und vereist. Und als wir damals an diesem Kirchturm vorbeiliefen - jeder in eine andere Richtung -, in der Straße, über der dieser rote beleuchtete Stern hängt auch nach Weihnachten noch, wurde mir allmählich klar, warum man uns immer fragte, weshalb wir keine Familie seien. Es gibt diese eine Serie, die mir den Spätsommer seufzend machte. Und als der eine Protagonist stirbt, sagt seine Witwe zu der Frau, mit der er sie kurz vor seinem Tod betrogen hat: “Er wollte nur jemanden finden, der ihm das Gefühl gibt, ein besserer Mensch gewesen zu sein, als er eigentlich war”.

(…)”Sie kehrte um. Sie kam. Sie ging.
Schlich Treppen auf und nieder.
Und immer wieder fragte er.
Und immer ging sie wieder.

Sie lief wie durch die Ewigkeit!
Sie weinte. Und er lachte.
Ihr flossen Tränen in den Mund.
Auch noch, als sie erwachte.”
(Erich Kästner)

Aber mein Lieber, ich hoffe, du weißt, dass ich dich besuchen werde, wenn die Karte kommt, die sagt, dass du es allein nicht mehr schaffst. Ich werde da sein und Tee kochen, du weißt, dass ich das kann. Und ich werde nichts sagen sondern lächeln. Und ich werde wissen, dass es dir trotz alledem nicht genügen wird, weil du in deinem Alter immer noch schauen wirst, wer so auf der Straße spaziert und wie kurz die Röcke sind. Und es wird mir gleichgültig sein. Ich werde die Tasse so stellen, dass du rankommst. Ich werde dir die Zeitung zurechtlegen und abspülen, bevor ich gehe, dir die Hausschuhe vor´s Bett stellen. Und ich werde mir nicht zu schade sein. Man muss das nur wissen, mein Lieber. Was einem wieviel bedeutet. Und wer. Dann bricht man sich auch keinen Zacken aus der Krone, wenn man das zeigt, ohne immer Bedingungen daran zu knüpfen. Erschrick nicht, das gibt es wirklich.

Liz hat es verfasst, und zwar am 29. Januar 2007 um genau 2:53 Uhr.
Kategorie : Blicke

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