Immer wieder anfangen

Es tut gut heute zu lesen, dass Philip Roth in einem Interview sagte, dass seine Bücher ihm erst beim dritten oder vierten Überarbeitungsdurchgang wirklich nahe kommen. Ich lese das und grinse und der Mann an der Bar, den ich aus Versehen dabei angucke, weil ich nach einem gelesenen Satz meistens aufschaue, um ihn nicht sofort im nächsten zu verlieren, dieser Mann versteht das falsch und lächelt zurück (aber dieses Missverständnis ist jedoch keines der wirklich tragischen Sorte). Jedenfalls habe ich noch nie ein Buch von Philip Roth gelesen, aber in der ersten vom Journalisten formulierten Frage heißt es, er sei der bedeutendste lebende amerikanische Schriftsteller (und zuerst wundere ich mich über die Kommalosigkeit dieser Wortgruppe, wobei ich bezweifle, dass er das wirklich zu ihm gesagt und nicht nur später hinein geschrieben hat, der Journalist), und das kann doch was heißen. Ich freue mich also über die Antworten von Philip Roth, denn so muss ich mir nicht mehr ganz so seltsam vorkommen, wenn andere mich fragen, wie es denn mit dem Buch läuft und ich als Antwort den Kopf immer nur so seltsam verdrehen und den einen Mundwinkel anziehen kann, weil mir keine Antwort einfällt.

Ich hatte anfangs geglaubt, dass es funktioniert, alles, was mir einfällt, einfach so aufzuschreiben, das müsse doch zu machen sein, das sei doch dann schon was. Aber es war nichts und ich bin nochmal rüber und jetzt, wo ich mit dem zweiten Durchgang beinahe durch bin, habe ich doch noch einmal den Anfang gelesen und schon wieder darin so viel verändert, dass ich lieber aufgehört habe, weil ich es mit der Angst zu tun bekam, am Ende würde nichts mehr übrig bleiben, vom Buch und von mir, denn ich kaue immer auf dem Stiftende, wenn ich lese und arbeite und das ist auf Dauer sicherlich nicht gesund. Man hört ja immer wieder davon, welche Schadstoffe sich in diesen Kunststoffen befinden, aus denen die Schreibutensilien gemacht sind, mit denen man dann in die Geschichten hineinkrakelt. Findet man also kein Ende, dann kaut man ewig und dies muss meiner Meinung nach irgendwann zur schleichenden Erkrankung und daraufhin zum Tode führen, denn man geht ja nicht einmal zum Arzt, wenn man immer nur schreibt und schreibt, weil man denkt, einem entfalle während des Besuchs ein wichtiger Gedanken und wichtige Gedanken sind ja das A und O.

Und es erleichtert mich, wenn ich höre, dass Philip Roth, der bedeutendste lebende amerikanische Schriftsteller, an normalen Tagen eine Seite und an guten Tagen zehn Seiten schafft. Denn es gibt ja leider keine Studien dazu, wieviel man so zu schreiben hat in einem bestimmten Zeitraum, es gibt keine Kategorien wie Themengebiet und Alter, Tippgeschwindigkeit und Tageszeit, an denen man ablesen könnte, ob man mit seinem Output im Durchschnitt liegt, zur Sorte der Schnellschreiber oder zu den lahmen Enten gehört. Hätte man einen Richtwert, man könnte so wundervoll planen, man zerwürfe sich nicht ständig die Frisur aus Sorge um den Zeitplan und träume auch nicht davon, schon ein Jahr über dem Abgabetermin zu sein. Vielleicht könnte mal jemand so eine Studie erfinden, sie muss ja nicht einmal echt sein, ich bin eh der Meinung, die meisten Studien, die einem so um die Ohren fliegen den ganzen Tag, beruhen nicht auf realer Basis sondern auf irgendetwas anderem. Wenn man mal bedenkt, wieviel schon bei einer simplen Bestellung von einem Kaffee mit wenig Milch und einem Stück Butterkuchen schiefgehen kann, stelle sich mal einen dreiseitigen Fragebogen oder eine einstündige Befragung vor. Dennoch beflügeln mich Studien, es beruhigt mich zu wissen, dass wenigstens jemand versucht, die Dinge auseinander zu fitzeln und in Balken- und Kuchendiagramme zu übersetzen, die man angucken und bei Schwarz-Weiß-Kopie bunt ausmalen kann.

Philip Roth sagt übrigens auch, dass ihm das Schreiben gegen die Angst beim Sterben hilft, und ich las diesen Absatz nun erst eben gerade. Hier versagt die Hilfskraft des Interviews in meinem Falle, denn das Schreiben einer Geschichte über das Sterben bringt mich jede Zeile näher an den Rand des Wahnsinns, einer in Falten gelegten Stirn, die sich irgendwann sicherlich bis zu meinem Gehirn hindurchfressen wird (nicht zu vergessen,die Schadstoffe in den Stiften, die dabei zugrunde gehen), was nicht gesund sein kann. Jedoch, vielleicht bin ich ja sicher während dieses Vorgangs, also bis zum Ende, vielleicht muss man immer und immer wieder über die geschriebenen Seiten gehen, denn Philip Roth sagt auch, dass Saul Bellow einmal sagte, dass es für jeden Schriftsteller unmöglich sei in der Mitte eines Romans zu sterben. Dieses ganze Überarbeiten macht also vielleicht doch Sinn, vielleicht sollte man damit einfach sowieso nie aufhören.