Im archimedischen Prinzip

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Es wird nie eine Pause geben, in die der Tod eines nahen Menschen passt. Es wird nicht ein Tag kommen, an dem du aufstehst und sagst: “Heute kann ich das aushalten”. Und warte einfach nicht auf die Sekunde, in der du vergisst, Angst davor zu haben. Wir haben ja gelernt, uns mit vielem abzufinden und nicht vielleicht sogar darüber hinweg zu kommen, das ist unromantisch genug. Noch vor zwei Jahren stand ich felsenfest neben meiner Behauptung, ich würde mich dagegen wehren dieses Fehlen (m)eines Menschen anzunehmen. Ohne zu wissen, dass ich den Faden schon längst verloren hatte.

Wir haben den Verlust an den Füßen wie Blasen. Wir kaufen uns Einlegestreifen, schmirgeln uns die Haut, damit sie glatt und weich wird, wir bestellen Sohlen mit Fußbett und lieber ein bisschen größer als ein bisschen zu klein. Auch, wenn es scheiße aussieht. Wir haben angefangen zu glauben, das könnte uns ablenken.

Davon, dass wir stolpern. Dass wir die Richtung verlieren. Dass wir über die eigenen Füße fallen oder die Schlaglöcher übersehen. Die Narben an den Knien sind mit den Jahren verwachsen. Und wenn ein Kind schreit im Hof nebenan, machen wir das Fenster zu. Wir sind so gut in der Verdrängung, dass es uns kalt von hinten zwischen die Rippen fährt, wenn wir bemerken, dass wir es ja doch nicht los werden. Und wie unachtsam wir sind an jedem Tag.

Der Tod passiert. Und wir können meistens nicht einmal etwas dafür. Aber bevor es passiert, kneifen wir so wehement konsequent die Augen zusammen, als würde er dadurch wahrhaftig kleiner. Ich muss nicht drei Jahre älter sein, um zu wissen, dass das naiv ist. Und dass ich aufgehört habe, mir die Ohren zuzuhalten und leise vor mich hin zu summen, nur um den Rest der Welt nicht zu hören. Im Schmerz macht es keinen Unterschied. Aber es spart Zeit, die einem noch bleibt.

Liz hat es verfasst, und zwar am 16. November 2006 um genau 20:09 Uhr.
Kategorie : Wir

3 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. J. B.  |  16. November 2006 um 21:17

    Kulturabhängig. Stellenweise bewundere ich echt jene, die nach dem Tod eines geliebten Menschen erst einmal ein großes Fest veranstalten. Besser gesagt, zu Ehren der/des Verstorbenen.
    Ich wüsste gern, ob es dort jemanden gibt, der viel lieber trauern würde. Aber bei uns ist es nun einmal so. Ich habe nur noch nicht herausgefunden, wie man diesen gräßlichen Leichenschmaus dann legitimiert.
    Trotzdem hast du schon ganz recht. Nicht schön, aber ich würde halt gern wissen, ob man anders fühlen würde, wenn man es anders gewohnt wäre.

    Gruß.

  • 2. Liz  |  17. November 2006 um 1:54

    Ich bezweifle, dass man eine Chance hat, einem Trennungsschmerz zu entfliehen. Und dass man eine Chance hat, nicht die Augen zu schließen, ohne dabei Depressionen zu kriegen bzw. in ständiger Verlustangst zu schweben.

  • 3. theresa  |  26. November 2006 um 14:09

    tränen in den augen. gestern sowas geschrieben.
    ich knüpfe eine
    neue kette
    in ihr hängen
    die schmerzen meines
    lebens
    die verlorenen
    die gestorbenen
    die gemeinen
    die enttäuschten
    die übererwartungsvollen

    sie wird
    lang
    und ich leg sie
    dem amtsarzt vor
    auf dass er mich
    bewillige

    wenn er auf die andere
    seite die privilegien legt
    und den glückskindstatus
    werde ich immer
    ein kettenglied
    haben
    zu beweisen:
    ich stelle mich nicht an

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