Ich habe keine Angst

Denn ich weiß, wie ich Füße und Hals warm bekomme. Als Kind wäre ich in diesen Tagen aufgeregt herumgelaufen und hätte in allen Schubladen nach gutem, laternentauglichen Papier gesucht. Wahrscheinlich wären mir die Finger beim Basteln zusammen geklebt und es hätte noch ein paar Tage danach auf den Kuppen weh getan, weil die Haut es nicht ausgehalten hat und sich leise, aber fies aus dem Staub gemacht hätte. Aus der Sache mit den Laternen wächst man raus, die Haut rund um die Fingerkuppen kann man sich aber dennoch abknibbeln, auch wenn man das nicht mehr mit Klebstoff machen muss. There are several ways to. Jaja.
Und ich habe keine Angst, denn es gibt Wollsocken und im Supermarkt die ersten Weihnachtsperversitäten. Ältere Frauen mit (ja, passend) Wollmützen kaufen also schon Marzipankartoffeln und reißen die Tüte direkt hinter der Kasse auf, um der Kassiererin eine anzubieten, denn diese hat dem Akzent und den großen Augen nach soetwas noch nie gesehen. Etwas zögerlich steckt sie sich das kleine, braune Ding in den Mund, um dann einen genüsslichen Laut auszustoßen, der nach Werbung klingt. In welchem Gang die stehen würden, fragt sie die ältere Dame noch, denn davon müsse sie unbedingt auch welche mit nach Hause nehmen. “Zweiter Gang, rechtes Regal, hinten bei den Weihnachtssachen”, sagt die Frau. Und als sie die Tür aufschiebt: “Is aber noch ned Weihnachtn, ge?”. Kopfschüttelnd verschwindet sie in der Dämmerung, während die Kassiererin sich kurz unbeobachtet glaubend noch einmal die Finger ableckt.
Ich habe keine Angst, denn es gibt Schokoladenkuchen mit Früchten drin und Schokostreusel. Die Menschen senken die Köpfe, wenn es dunkel wird, und schließen die Kragen. Sie kommen mit kalten Nasen zur Tür herein und dampfen fast, wenn es drinnen warm ist. Sie gehen wieder Arm in Arm und nicht mehr Hand in Hand. (Was man allerdings verdrängen muss, ist, dass ich letztes Jahr um diese Zeit im kurzen Kleidchen durch die Toskana gestiefelt bin. Bei Hitze. Aber Veränderungen eine Chance, ich hab keine Angst, ich bin vorbereitet, um die Ecke ist ein Papiergeschäft und diese elende Schwitzerei hat auch endlich ein Ende. Komm doch, Herbst, ich bin schon da.)

Kommentare
das gemeine an den Lebkuchen ist ja, dass sie gerade jetzt am allerbesten schmecken, weil sie noch so frisch sind. und wenn man stolz bis Anfang November durchhält (und nicht dran denkt, dass es früher mindestens Anfang Dezember sein musste, dafür) dann schmeckt das alles schon ein bisschen dagewesen.
Aber ich versuchs trotzdem.
Schön geschrieben übrigens. ich hühl mich immer wieder ganz unverhofft hineingezogen und in deine geschichten gelockt.
Ich habe keine Angst, denn es gibt Tee und Spekulatius und manchmal auch ein paar schöne Momente im Licht von Straßenlaternen.
Oh!
Der Herbst ist da, und ich freue mich auch seit Tagen.
Sehr schön beobachtet.
Sowas sieht man auch nur hier.