Hier und drüben

Irgendwann brülle ich ihn an. Irgendwann, wenn er mal wieder seine Bummsmusik bis zum Klirren der Scheiben aufgedreht und seine Hosen ausgezogen hat, knalle ich durch.
Er steht da oft in Unterhosen in seinem Zimmer, wühlt sich pathetisch in den Haaren, verzieht den Mund und starrt stundenlang auf seine Bilder. Es müssen seine Bilder sein, er hat ja auch ständig Farbe am Oberkörper. Vielleicht malt es sich in Unterhose besonders gut, vielleicht kann man nur mit so lauter Musik seine Bilder kritisch beäugeln. Aber jedes Mal bin ich Zeugin davon, wie das Licht in der Wohnung unter ihm plötzlich angeht und ein Schatten aufgescheucht durch den Raum flitzt. Ich würde es wahrscheinlich nicht anders tun. Stattdessen drehe ich meine Musik noch lauter (finde sie auch wahrlich besser als seine seltsame Polka) und grinse in mich hinein, während meine Füße mit den durstigen Balkonblumen flirten und mein Hintern Streifen vom Holzstuhl bekommt. Das ist ein Sommer.

Und morgen abend beginnt der Urlaub dazu. Ein paar Tage Göteborg.
Die Nacht verbringe ich im Bus dahin und ich freue mich auf die Fahrt. Ich will den Blick auf die Gegenspur und Musik in den Ohren und die Köpfe nur fragmentös und von hinten sehen. Ich will Nacht und Sterne und nichts sagen müssen und einnicken und nicht mehr wissen, wo ich bin, wenn ich aufwache. Die fiesen Sitzpositionen werde ich ausblenden, den Wunsch nach Frischluft auch (es gibt nämlich im Bus Klimaanlagen, aber nicht im Büro). Ich werde mit dem Bussessel verschmelzen und mein Hirn Brei sein lassen. Am Ziel werde ich dann wohl vom schwedischen Taxifahrer abgeholt. Was dann kommt, weiß ich noch nicht.

Liz hat es verfasst, und zwar am 24. Juli 2006 um genau 19:05 Uhr.
Kategorie : Moi

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