Haltungsschäden

Der eine im Flur grinst und erzählt nebenbei von seiner Zeit damals in Neuseeland, J. lacht nervös mit dem Weinglas in der einen und der Flasche in der anderen Hand. Seine Augen schlittern hin und her, keine Raufaser fängt den Blick, die Finger klimpern am Glas. Und das Mädchen steht neben dem einen, zieht sich ihre bunte Kapuze noch ein bisschen tiefer ins Gesicht und grinst, sagt aber nichts und lehnt sich an die Wand. Jeansstoff neben aufgemalten Rosen. “Mein Blog ist aus Papier”, sagt J., M. lacht und sie verstricken sich in halbwitzige Ausführungen zu Tagebüchern, zu Dokumentation im Netz und PDFs. Und dieser Typ und das Mädchen stehen da, schon in Jacke und Mütze, mit Schal und Schuhen, und keiner weiß, was zu sagen ist. Keiner weiß, wie es geht.

“Es ist ein Abschied und wir reden nur über 2MB”, sagt J. und nimmt noch einen Schluck, aber das Glas ist schon leer. Das Licht ist gelborange, der Teppich grün, die Wangen blass. Wir werden rausgehen und noch eine Weile an der Ecke stehen, uns werden ein paar bekannte Gesichter über den Weg laufen und wir werden versuchen, den Rücken durchzudrücken. Uns hin und wieder die Wangen tätscheln. Der Farbe wegen. Aspirin in der Nachttischschublade, mehr brauchen wir nicht, sagen wir. Es wird auf Schultern geklopft, beglückwünscht und mindestens ein Besuch versprochen. Keiner sagt: Bleib doch hier.

Liz hat es verfasst, und zwar am 28. Oktober 2007 um genau 13:17 Uhr.
Kategorie : Blicke

3 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. fred  |  28. Oktober 2007 um 17:32

    “Es wird auf Schultern geklopft, beglückwünscht und mindestens ein Besuch versprochen. Keiner sagt: Bleib doch hier.”

    das ist mir noch nie so aufgefallen. und wenn doch einer “bleib” sagen würde, so nähme man es ihm übel. die schwäche, sich nicht mal für etwas zu entscheiden entgegen einer chance/ einem neuen cv-posten, ist heute vermeintliche stärke.

  • 2. Liz  |  28. Oktober 2007 um 17:39

    @fred. Ja. Das mein ich.

  • 3. Soeren Jonssen  |  29. Oktober 2007 um 19:25

    und die tränen die angestrengt versuchen unsere augen zu fluten, werden zurückgehalten von dehydration und anstand.

    abschiede sind veranstaltungen die ihren sinn nur darin haben,
    kurz und minus emotion zu sein, weil sonst würde man sie leidensprozess nennen müssen und dadurch bekämen alle letzten küsse schlechten geschmack.

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