Habitus der kontrollierten Verzweiflung
Man kann die Konnotationen so lange verschieben, bis sie nichts mehr bedeuten, bis sie nicht mehr wissen, wo sie mal hingehörten. Man kann die dazugehörigen Worte und Blicke und den Geruch des Haares und den Einfall des Lichtes damals auch immer und immer wieder zerpflücken in die kleinsten Teile, bis man nicht mehr weiß, wie sie mal aussahen. Man kann sich die Ohren zuhalten und so lange Volkslieder summen, bis man die anderen vergessen hat. Man kann auch einfach den Mund halten und die Worte so lang verschlucken, bis der Blähbauch weg und das Füllegefühl normal geworden ist. Man kann einfach so lange schweigen, bis niemand mehr fragt. Zwischendurch könnte man die Erinnerungen nehmen und in Kisten packen und die in den Keller stellen und dann so oft umziehen, bis man sie vergisst. Und wenn einem dann doch noch einmal aus Versehen an dem Fenster vorbeikommt, kann man sich vorstellen, da wohne jemand anders, solange bis die Jahre wirklich einen anderen Menschen auf den Balkon gestellt haben, weil man sich ja verändert. Und man kann sich dann zufällig treffen und sich nicht mehr erkennen. Oder sich niemals wiedersehen und nichts daran ändern wollen. Sich nicht mehr erinnern und rausfallen aus dem Leben des anderen.
Oder man kann so tun. Den Beutel gut zuschnüren. Das Grinsen aufsetzen. Als ob. Heroismus des Aushaltens. Triumph der Ignoranz. Blumen für den inneren Sieg, das Gesicht wahren, den Stock nie wieder aus dem Hintern ziehen. Die Lippen aufeinander pressen und sich nicht mehr umdrehen. Bravo. So wird das was, mein Junge. So werden sie dich lieben. Und dann kannst du noch den Absatz über die strukturelle Vereinsamung lesen, den, wo es um die Subjektivierung zur freien Persönlichkeit geht. Da kommst dann nur du selbst drin vor, das ist doch schon mal was. Und das mit der absoluten Entzauberung hab ich dir extra angestrichen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 3. Mai 2007 um genau 13:44 Uhr.
Kategorie : Blicke
4 Kommentare Kommentar hinzufügen
1. Martin | 3. Mai 2007 um 23:23
Nur die Frage, ob es dabei zu Nebenwirkungen kommen kann?
2. Liz | 4. Mai 2007 um 11:14
@Martincho. Abstumpfen vielleicht. Irgendwann mal laut schreien müssen. Keine Ahnung.
3. nathan | 6. Mai 2007 um 4:34
warmeinletzterkommentarsoschlechtdassduihnloeschenmusstest?
n
4. Ole | 6. Mai 2007 um 13:25
Es ist doch zum Mäusemelken. Just jetzt bin ich selbst damit konfrontiert, mich zu kontrollieren. Es grenzt nicht an Verzweiflung, aber es ist schon schade, nachdem man sich minutenlang Zeit für einen dem fantastischen Text angemessenen Kommentar genommen hat, gesagt zu bekommen, irgendwas habe man falsch gemacht, und zack! - weg ist der Kommentartext. Sogar auf ewig. Im Gegensatz zu Erinnerungen, die immer wieder ausbrechen und emporstürzen können, unfreiwillig wie Prousts mémoires involontaires, auch wenn sie noch so gut verschlossen, hinter hirninterne Panzerschranktüren gesperrt, gefesselt, geknebelt und bewusstlos gespritzt werden. Selbst wenn sie von niemandem bemerkt in finstersten Ecken der Hirnwindungen vermodernd vor sich hin geschlummert haben. Plötzlich ein besonderer Duft, der von damals, als… oder ein bestimmter Song, den man immer gehört hat, als… und zack! Springen alte Erinnerungen aus ihren Ruhestätten, wecken die dazugehörigen Gefühle und randalieren quer durch den Körper… :)
Kommentar hinterlassen
Trackback | RSS Feed | Abmelden