Geh doch zu deiner Schrankwand.

Ich schreibe nach drei Gläsern Wein und ohne jemanden vorher nach der Relevanz oder Objektivität zu fragen. Und ich schreibe nur aus meiner weiblichen Position heraus, aus meiner Postadoleszenz, aus meiner Ost-Berliner Vergangenheit, aus meinem einfachen Eindruck nach einem solchen Abend, aus einem Gefühl.

Manchmal verschlägt es einen beruflich in Kreise, in denen man sich sonst eher selten bewegt, die man aber kennt aus anderen Berufserfahrungen heraus oder irgendwelchen Bildungsgeschichten, aus den Nachrichten und ein paar Erzählungen. Man hat ein paar Vorurteile und ein Paket Toleranz mit dabei, eine leise Ahnung und ein bisschen Langeweile, ein Stück Neugier und einen Funken Hoffnung. Und dann sitze ich da doch zwischen mehreren gebügelten Gesichtern, zwischen Schlips- und Anzugträgern und höre zu, wie von bärtigen Grauhaarköpfen über Jugend gesprochen wird und wie sich von Amts wegen interessierte Frauen anhand von Zahlen ein Bild über Identitäten machen.

Ich weiß, man darf es sich nicht so einfach machen. Aber das gilt für alle Richtungen. Und ich zappele auf dem Stuhl herum, wenn jemand versucht, mir das Interesse Jugendlicher (mit oder ohne Migrationshintergrund) anhand von Zahlen zu erklären, die nicht nach simplen Wurzeln fragen. Gut, ein Ist-Zustand ist eine schöne Sache. Wenn dann aber lose in die Luft und mit ein bisschen Wenn und Aber argumentiert wird, wenn wild Spekulationen in den Raum geworfen werden, ohne auch nur einen einzigen Jugendlichen zu fragen, dann werde ich wütend. Wenn angeprangert wird, wie uninteressiert DIE Jugend sei, ohne auch nur einen Blick auf den Lebensalltag zwischen enormem Leistungsdruck, globalem Denken, veränderter Verortung der eigenen Kultur und Medienentwicklung zu werfen. Wenn nicht einmal über die Ursachen sondern immer nur über die Folgen geredet wird. Wenn sich der Speckbauch gekrault, das Lachsröllchen in den Mund gestopft aber nicht auch nur ein Satz mit denen geredet wird, die sich vielleicht noch ein bisschen erinnern können an die Zeit, durch die alle irgendwie mal müssen, die über zwanzig Jahre alt werden.

Sie sprechen von den Möglichkeiten, die die Jugend ja nun mal nutzen müsse, sie würden ihr ja reichlich zur Verfügung gestellt. Ach und man wisse auch nicht genau, woran das eigentlich läge, es gäbe ja Studien hier und da, aber ach, das könne man ja auch während des gemütlichen Teils des Abends diskutieren. Aber sie sprechen nicht innerhalb ihrer Möglichkeiten mit uns, mit den ihnen gerade abhande kommenden Wählern, ihren Rentenzahlern, auch wenn wir direkt neben ihnen stehen, sie noch fragen, ob es denn schmecke. Sie grinsen nur, wischen sich den Mund ab und reden über das nächste Sammeltaxi.

Und ich stehe am Spreeufer mit Blick auf´s Bundeskanzleramt, schreie einmal laut in den nassen Sturm und gehe dann zur Bahn, in der wie in den letzten Tagen immer dieser eine unglaublich anstrengende Rapper sitzt, der über zig Stationen durchhält, die Passanten anfaucht und jede Artikulation mehr spuckt denn sonstwas. Er sagt, seine Texte seien sehr politisch. Ich verstehe ihn nicht.

Liz hat es verfasst, und zwar am 12. März 2008 um genau 23:35 Uhr.
Kategorie : Moi

4 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. fireabend  |  13. März 2008 um 0:41

    ich habe die erfahrung durch solche begegnungen gemacht, dass es irgendwie eine.. andere seite gibt. auf die leute irgendwann wechseln. schleichend und irgendwann *schwupp*. erfolg/position/irgendwas gibt einem vermeintlich recht und da findet dann die schubumkehr statt.

    die welt wirkt nicht mehr auf einen, man wirkt auf die welt.

    sobald man über irgendwas bestimmen kann, gibt einem das im kopf irgendwie legitimation.
    wenn irgendwelche multimillionärvorstandsvorsitzende steuern hinterziehen, obwohl sie sonst auch weitweg von arm wären, dann passiert das ja nicht, weil das dumme menschen wären. sondern weil die einfach denken, dass ihr denken/handeln/schlussfolgerungen denklogisch richtig sein müssen. ich wünsche keinem erfolg, dann ist die gefahr allzu groß, ein blöder penner zu werden. oder so ähnlich.

  • 2. Martinez,Joaquin A.  |  13. März 2008 um 2:01

    Aus kaum erklärlichen Gründen habe ich Dich gern, und ich wünsche mir, dass Du auch mit dem echten Menschen hinter all dem hier klarkommst.. Im Augenblick weiß ich zwar, dass das ein unwahrscheinlicher Glücksfall wäre, aber Du hast Recht - Spekulationen (und auch Logik und Statistik) sind falsche Freunde, sie suggerieren oft eine Wahrheit, die in der wirklichen Welt nicht mehr haltbar ist.

    Joaquin (mit migrationshintergrund)

  • 3. Jochen Hoff  |  13. März 2008 um 8:13

    Jemand der Menschen mit Zahlen misst, wiegt Gold in Litern.

    Wenn du über eine Sache wirklich nichts zu sagen hast, erstelle einen Graphen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Funktionsgraph

  • 4. Liz  |  13. März 2008 um 11:24

    @fireabend. Ich glaube, so einfach darf man es sich nicht machen. Ich kenne Menschen, die haben durchaus Erfolg. Und sind dabei relativ arschlochfrei geblieben.

    @Joaquin M. Ich weiß nicht genau, was du meinst, ehrlich gesagt.

    @Jochen. Bravo!

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