Gebranntes Kind
Jetzt ist er da, der Winter. Sie haben die Stadt mit Lichterketten behängt, sie stopfen sich schon im November Zuckerwatte und Lebkuchen in die Backen und stampfen die Weihnachtskugeln zu Brei. Mir wird heute nach drei gebrannten Mandeln schlecht, während ich feststelle, dass mir die Gegend um den Zoologischen Garten immer ein Rätsel bleiben wird. Man kann da eine Minute stehenbleiben und die Leute um einen herum reden soviel Mist auf einmal wie woanders nichtmal an einem Tag. Und es gibt nicht einen einzigen klitzekleinen Schreibwarenladen auf dem Areal vom Nollendorfplatz zum S-Bahnhof Zoologischer Garten. Es gibt ein extra Haus für jede Sportmarke, tausend Schuhläden und zehnmal Orsay, aber Schreibwaren will da anscheinend niemand. Wo nehmen die ganzen Kassiererinnen die tausend Kugelschreiber her, mit denen all die Tusen und Idioten ihre EC-Überweisungs-Kassenzettel-Schnipsel unterschreiben? Ich habe mich dort ganz schnell wegbewegt, weil es mir unheimlich ist, wenn meine Gedanken mit 200km/h auf die Wand Aggressivität zurasen.
Berlin ist viele kleine Städte für sich und diese da am Zoo gehört nicht zu meiner Heimat.
Liz hat es verfasst, und zwar am 21. November 2005 um genau 19:14 Uhr.
Kategorie : Berlin
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1. Auge | 30. November 2008 um 14:42
Ich liebe meinen Stadtbezirk, weil ich dort meine Einsamkeit verleben kann. Stille regiert in meinem Stadtbezirk, wie in einem kleinen Dorf am Rande der Zivilisation, gemütliche Stille. Man kennt sich - man kennt mich… - Oberflächlich genug, Tiefe finde ich in meinen vier Wänden.
Die Wogen der Wellen - Aufgeregtheiten und das Glitzern der Stadt lese ich aus der Zeitung. Trubel und Lärm dringen nicht bis an meine Ohren. Ich liebe meinen Stadtbezirk… Er ist meine Oase der Stille.
Manchmal liebe ich den Zoologischen Garten - dann treibt es mich zu ihm. Ich besuche ihn am liebsten in einer kalten nieselregnerischen Nacht. Dumpf spiegeln sich dann die Lichter auf die regenbenässten Plätze. Ein Gefühl von Aufgeregtheit und Glitzern macht sich in mir breit und mischt sich mit meiner Melancholie. Den Rahmen am Ende der Weite bilden die einnehmenden Hausfassaden mit ihren kulturellen Leuchtreklamen. Ich bin der Star und der Beobachter zugleich. Ich liebe diese Oberflächlichkeiten, und ich liebe es, in den Wogen aus zielstrebigen Menschenmassen zu treiben, ziellos zu treiben. Gestylte Gruppen sind auf dem Weg nach Irgendwo, ein Irgendwo mit Lachen und Spaß haben - sie treiben gedankenlos vergnügt an mir vorbei. Auf dem Breidtscheidplatz spricht mich der Dealer an, um mir Gras anzubieten. Mit einer ablehnenden Handbewegung laufe ich an ihm vorbei. Wenn nichts dazwischen kommt, dann spricht mich keiner mehr an diesen Abend an. Ich trinke noch einen Kaffee und beobachte das an mir vorbei flanierende Volk. Es gibt viel zu sehen, den Musiker am U-Bahn-Gleis, der für seine Darbietungen auf Kleingeld hofft. Die Obdachlosen, die ihr Billig-Bier konsumieren und Hunde streicheln. Rumänische Frauen die Passanten anbetteln und an das Weitergehen hindern. Den Beate-Uhse-Store, Mc-Donalds, Kino, Schaufensterscheiben von Mode-Boutiquen, Kunst- und Bücherläden - und überall verstreute Kunst und Gedenktafeln. Und mittendrin immer wieder modisch und schick gekleidete Menschen auf 200km/h. Nach wenigen Stunden begebe ich mich zurück, zurück nach Hause. In der U-Bahn sitze ich mit dem Gefühl, genug gesehen zu haben - ob ich mal Erleben will, weiß ich nicht. Ich liebe Spaziergänge in der Nacht - Ich liebe den Zoologischen Garten - Vorallem aber meinen Stadtbezirk.
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