Fahrbahnmarkierung

Ein bisschen fühlt es sich an wie Wegziehen aus einer Stadt, die man eh noch nie so wirklich gemocht hat. Als hätte man die Wohnung jetzt gekündigt, aber dürfe noch ein halbes Jahr darin leben. Von einer neuen Unterkunft noch keine Spur. Als hätte man irgendwo am Horizont mit Edding eine Linie gemalt, noch weit weg, aber irgendwie dann doch nach dem nächsten Regen nicht einfach verschwunden.

Den Stift hinlegen, ein paar Seiten noch einmal umblättern, die Schrift scannen und wie sie rutscht, wenn ich im Stress schreibe, unter Zeitdruck und per Hand. Dann zuklappen, nach vorne schauen und dann aus dem Fenster dem Regen hinterher. Ein letztes Mal als wirklich letztes Mal erleben und sich zurücklehnen, als die Blätter eingesammelt werden. Das zeitlupige Rücken des Zeigers auf der Uhr über der Tür wie im Film verfolgen, langsam aufstehen, den leeren Kaffeebecher mitnehmen, Jacke und Tasche unter den Arm und raus. Raus auf die Wiese vor dem flachen Gebäude, den Weg entlang zur Bahn und hinter mir das aufgeregte Schnattern, das sofortige Vergleichen, Ach und Seufzer. Ich bin dann mal weg. Das war die hoffentlich letzte Klausur meines Lebens. Keine Träne dem nach. Keine einzige.

Nie habe ich mich als Studentin gesehen. Vielleicht auf die Frage nach der Beschäftigung mal geantwortet, aber damit eigentlich gelogen, denn beschäftigt war ich meistens mit anderen Dingen nur nicht mit dem Studium. Eingebunden vielleicht, aber meistens ohne Herzblut. Terminlich festgelegt, aber nie freiwillig. Die Erwartung von außen, den Abschluss auf dem Papier in einem halben Jahr dann, wenn alles gut geht. Schon beim Abitur habe ich eigentlich gedacht, das mach ich nie wieder.

Vom Grundgefühl her wird sich in einem halben Jahr nicht auf einen Schlag etwas ändern. Aber von den Umständen. Es gibt dann keinen Status mehr, der als Versteck dient, als Ausrede, als Lohnentwurf, es gibt noch keinen Plan, keinen anderen jedenfalls als vorher. Und auch der ist eher eine Bauchgefühlgeschichte und das Vertrauen in den charmanten Wesenszug von Dingen und Gelegenheiten, manchmal einfach vom Himmel zu fallen. Sich zu ergeben.

Ein bisschen fühlt es sich an, als würde man noch einen letzten Rundgang machen, mit ein bisschen Wehmut vielleicht, einen Spaziergang, bei dem plötzlich alles schöner scheint, als es immer war, wenn man morgens müde und frustriert mit Kugelschreiber Formen auf kariertes Papier gekritzelt hat, weil die Diskussion es nicht geschafft hat, einen zu fesseln. Ich werde ihn nicht vermissen, den schwirrenden Strom von bunten Jacken und Mützen von der Bahn zu den Gebäuden hin und nicht den rutschigen Gummiboden vor der Mensa, nicht den Blick auf die Uhr oder langweilige PowerPointPräsentationen. Niemals all diese Attitüden.

Die letzten Schritte bedacht tun und versuchen, das Licht gut zu finden, wie es so auf die Fassaden scheint. Wenn man weiß, es ist das vorletzte oder letzte Mal, die Monate sind gezählt und eine Hand reicht demnächst, dann ist es plötzlich nicht mehr so schlimm.