Ewig anfangen

Mich macht es müde. Immer und immer wieder anzufangen, ständig den Stempel des Neuen zu sehen. Neue Dinge lernen macht Spaß. Aber dieser Prozess der Übung ermüdet mich. Ich beginne über ein halbes Jahr alle zwei Monate ein neues Praktikum und fange jedes Mal neu an: beim Film, in der Werbung, in der Redaktion. Sich neu hinein denken, die Strukturen verstehen und übernehmen und nach zwei Monaten trotzdem noch nicht total drin zu sein. Gerade zermürbt das.

Sich ans Fahrrad zu setzen und zu merken, das Wissen reicht nicht. Am Ende erklärt dir eben doch ein Profi, dass die Lenkung nicht mehr zu retten ist. Und dann stellst du das alte Rad, das humpelt und quietscht, auf dem Gnadenhof ab und stehst vor dem Neuen. Na gut, es ist kein Rennrad, aber schwarz und es schnurrt. Da liebst du etwas und gewöhnst dich dran und richtest dich damit ein und gerade, wenn es anfängt, vertraut und normal zu werden, dazu zu gehören, dann kommt das Nächste.

Der nächste Umstand, die nächste Aufgabe, ein neues Leben. Üben und üben und dabei die Dinge, die man wirklich einmal können will, trotzdem nicht aus den Augen verlieren.
Ständig muss man neue Menschen kennen lernen, sich an diese gewöhnen, mit ihnen arbeiten und schon kommen die nächsten. Ich will mehr Konstanten.

Plötzlich drehen sich Menschen um, die du dachtest zu kennen. Plötzlich haben sie ein neues altes Gesicht und du hast das Gefühl, ein Fremder stünde vor dir. Das hakt die Zeiten ab, das macht die vergangenen Momente wirklich zu Geschichte, die nicht wiederholbar ist. Die du nicht zurückholen kannst. Zeit für Schubladen und Kartons.

Dein Leben fährt plötzlich in anderen Geschwindigkeiten, muss sich neuen Regeln unterwerfen und du selbst hechtest hinterher und versuchst, die Ansprüche zu erfüllen, die man an dich stellt. Während dein Fuß festhängt, zieht man dich weiter und weiter und irgendwann ist das Bein so lang, dass du den Fuß vergisst, weil du ihn nicht mehr siehst. Solltest du es doch schaffen, das Bein wieder einzurollen irgendwann, den Fuß mitzunehmen, normal laufen wird der nicht mehr können. Und dann humpelst du fü den Rest der Zeit ein bisschen, den meisten wird das wahrscheinlich gar nicht auffallen. Und das ist dann, was dir bleibt von der Zeit, von früher. Während du morgen wieder mit was Neuem anfängst, verarbeitet dein Körper mal leise mal laut die Vergangenheit. Du baust ab, was du immer behalten wolltest.

In Verlusten denkt der Mensch, in Gewöhnung lebt er.

Ich werde mich nie damit anfreunden können.

Liz hat es verfasst, und zwar am 23. Juni 2006 um genau 12:32 Uhr.
Kategorie : Wir

1 Kommentar Kommentar hinzufügen

  • 1. Rationalstürmer  |  23. Juni 2006 um 14:02

    Anfreunden vielleicht nicht. Aber du wirst dich daran gewöhnen. Der sehr ansherzlegenswerte Georg Kreisler sieht das so: “Man müßte sich das Nichtgewöhntsein angewöhnen. Dann hätt man endlich die Gewohnheit, die man braucht.”

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