Erinnerungen an Herrn Sommer

Als wir auf dem Weg nach Potsdam waren, wir hatten den Stau der Stadt gerade hinter uns gelassen, klemmte in vertrocknetes Blatt unter dem Scheibenwischer, links und rechts von uns nur grüne Bäume, vorne und hinten Himmel und dazwischen wir. Auf solchen Fahrten im Sommer, wenn man die Füße an den Körper zieht, das Fenster offen hat, sie im Radio die Hits der letzten Sommer spielen, erinnere ich mich immer, wer ich davor war.
In den Wintern verschwimmen die Eiszeiten, alle haben irgendwelche Probleme, die Gelenke knarzen und draußen ist es kalt. Da sind alle gleich, denn alle jammern und sehnen sich. Im Sommer hingegen, so unbeständig dieser auch geworden ist in den letzten Jahren, kommt immer heraus, wo man gerade steht, was kommt, wie lange man durchhalten kann oder eben auch nicht. In dem einen, die Schule war gerade vorbei, da fängt auch meine neue Zeitrechnung an, fuhren wir nach Norwegen. Wir hatten die Berge und die Fjorde und das ganze Grün und ein völlig neues Gefühl von Entfernung und Loslösung. Die Sonne kitzelte im Nacken, während in Deutschland Sturm tobte. Am Vännern und Vättern hatten wir keine Ahnung davon, ließen uns von Mücken beißen und die Stadt brachte uns völlig aus dem Gleichgewicht, als wir zurückkehrten und so unendlich aus der Ruhe. Sie zwang uns nach diesen vier Wochen geradezu, Entscheidungen zu treffen.
Und so war es danach immer wieder. Im einen ließ ich mich ein, ganz bewusst und stieß mich ab von dort, wo man noch zurück kann. Im nächsten machte ich mir dann ein Bild von der Strecke zum Ufer zurück. Das mit den Wellen und Wogen hat man ja irgendwann raus, ich habe Fotos gemacht und die Stadt schwebte in großer Euphorie von Welt und internationalem Fußball. Und wir arbeiteten und tranken viel, fassten uns an den Händen und küssten unbedacht. Wir standen an diversen Rändern und auf noch mehr Dächern und schrien hinaus, was uns drückte, spuckten anderen auf den Kopf ohne Rücksicht auf Verluste, wir waren wie Kinder im Film. Und die Stadt war ein Dorf.
Und jetzt kann man schon wieder sein Ende erahnen, die bunten Blätter und all das und ich versuche, eine Balance zu finden und Verbindlichkeiten. Ich lasse mich wieder auf Menschen ein und sortiere und so oft ich auch fluche, so sehr soll doch so das Leben sein, dass ich führen werde, mit Euphorien und Beständigkeiten. Mit Aussichten und Abfahrten. Nie habe ich mehr gedacht, ich werde erwachsen. Aber auch das geht mir ja jeden Sommer so. Und die Skepsis, die bleibt sowieso immer.
Liz hat es verfasst, und zwar am 20. August 2007 um genau 20:07 Uhr.
Kategorie : Blicke
5 Kommentare Kommentar hinzufügen
1. bartynova | 21. August 2007 um 9:33
Danke dafür! Ich schaffe es immer nur, meine momentanen Gefühle auszuspeichern, ohne den Ausblick was damit anzustellen (http://bartynova.twoday.net/stories/4172504/)
Dein Beitrag hier hat mir ein wenig die Perspektive gerade gerückt :-)
2. Liz | 21. August 2007 um 9:58
@barty. danke für die blumen.
3. critics | 22. August 2007 um 20:20
Von mir bekommst du einen Kaktus!
4. critics | 22. August 2007 um 20:21
Und gleich noch einen Zweiten!
Moderierte Kommentare! tz tz tz!
5. Liz | 22. August 2007 um 20:30
Frag in der Runde herum, ich lösche nur die siebentausend Spam-Kommentare pro Tag, sonst nix.
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