Einfach ausbluten lassen
Berlin-Lankwitz. Publizistik- und Kommunikationswissenschaften darf man hier studieren, kann man aber kaum. Lehrkräfte gehen flöten, die Struktur wird nicht saniert, aber der Rasen auf dem Campus wegbetoniert. Das neue Jahr beginnt mit einem weiteren Personalausfall und die Gesichter der Studenten im großen Vorlesungssaal sehen aus wie die Dämmerung am Stadtrand. Aschfahl. Das Institut hat nicht nur eine Erkältung, sondern etwas schwerwiegendes. Die Frage ist, wo man sich angesteckt hat und wer sich nun verantwortlich fühlt.
Die Institutsgeschichte leuchtet hier und da mit ein paar Namen, u.a. auch Emil Dovifat, der zu den Gründern des Institutes für Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin gehört. Heute stolpert sie Stufe für Stufe gen Auflösung, von Leuchten keine Spur mehr, man beachte die vielen Grautöne der Steinplatten, mit denen der Boden des Campus´ gepflastert ist. So fühlt es sich eben an, wenn ständig Lehrkräfte ausfallen und nicht mehr wiederkehren. Wenn die, die noch da sind, entweder verfeindet oder völlig überlastet sind. Es ist kalt und behagt niemandem sonderlich.
Da steckt man den Kopf doch lieber in den Medienwust, anstatt mit der Kommunikationsforschung am eigenen Institut zu beginnen, denn auf diesem Gebiet hat man in Lankwitz arge Probleme. Der eine Professor verschweigt da nicht, dass er den anderen bis auf´s Blut hasst und ihn am liebsten rausschmeißen würde. Und die Frage nach Verantwortung wird auch gerne auf den anderen abgewälzt oder schlicht und einfach nicht beantwortet.
Dazu hat man sich mit dem Bachelor-Studiengang nicht nur ein wenig übernommen. Ein Mono-Bachelor wird mal eben mit einem Kombi-Bachelor verwechselt und nach einem Jahr erst bemerkt. Die Zweitfachplätze werden dann im laufenden Semester an anderen Instituten erbettelt und unerfahrene Erstsemester springen sowieso ins Eiswasser, was Organisation und universitäres Eigenmanagement angeht. Proseminare, die normalerweise für ca. 30 Leute konzipiert sind, müssen die sechsfache Anzahl an Teilnehmern durch die Sitzungen buckeln, Hausarbeiten bekommt man im Schnitt nach einem dreiviertel Jahr zurück und das elektronische Campus-Management, welches an der kompletten Restuniversität eingeführt wurde, wird erstmal abgelehnt. Niemand hat Zeit, sich mit sowas zu beschäftigen. Und im Hof rostet still ein Metallklopps á la Kunstobjekt vor sich hin.

2700 Studenten standen bis vor kurzem fünf arbeitsfähigen Professoren gegenüber. Das neue Jahr hat begonnen, jetzt sind es nur noch vier. Gernot Wersig, geschäftsführender Direktor des PuK-Instituts, ist schwer erkrankt und wird auf unbestimmte Zeit fehlen. Dass er noch im Dezember dem studentischen Internet-Magazin Polar ein Interview gab, in dem er sagte: „Im Moment sind wir nur damit beschäftigt zu überleben“ entbehrt jeglicher Ironie. Wer nun die vielen Aufgaben von Herrn Wersig übernimmt, bleibt ungewiss.
Prof. Dr. Jürgen Weiss überbrachte den Studenten heute diese Nachricht und geriet dabei ins Stocken. Denn niemand weiß, wie lange es noch dauert, bis den Letzten die Arme schwer werden. Studenten vermuten, FU-Präsident Prof. Dr. Lenzen warte auf diesen Moment der Institutsaufgabe. Bis jetzt schweigt er zu diesem Thema beharrlich. Wie gesagt, das mit dem Frage- und Antwortspielchen nimmt man hier nicht so genau.
Liz hat es verfasst, und zwar am 5. Januar 2006 um genau 23:49 Uhr.
Kategorie : Berlin
3 Kommentare Kommentar hinzufügen
1. Martin Jordan | 9. Januar 2006 um 11:52
Das klingt schwer so als solltest Du Dich rasch aus dem Staub machen und an der UdK fortfahren!
Daumendruckend,
Martin.
2. Kriesse | 10. Januar 2006 um 14:15
Oh, ein schönes Blog. Wie sich in den vermeintlichen Weiten des Netzes wieder alles im Kreis dreht - Über Judith hier hergekommen, treffe ich auf einen Link zu Anna Oye, deren Musik ich mir vor zwei Wochen anhörte und wiederum Espy vorspielte, der mich einst zu Judith linkte.
Aber zum Thema: Das tut mir sehr leid, die Situation an Deinem Institut. Hier bei den Kommunikationswissenschaftlern in Münster dagegen fühle ich mich gut aufgehoben und werde mit kleinen Seminaren (manchmal) und toller Betreuung fast schon zu viel bemuttert. Und trotzdem gucken die Studentinnen (manche) aschfahl und gelangweilt, so verwöhnt sind sie. Und lassen Studienaustauschplätze verstreichen, weil sie’s hier so bequem haben. Da muss man sich dann auch manchmal beherrschen in den Vorlesungen.
3. Jörg | 19. Januar 2006 um 11:25
Seit der Abwicklung der PH war Lankwitz immer ein unwirtliche Aussenstelle, in die niemand gerne zog und die am liebsten vergessen wurde. Ich kann mich noch daran erinnern, wie DFG-Projekte dort angesiedelt wurden und die Mitarbeiter nur sehr selten mal vorbeischauten. Die Sekretärinnen haben dann im Büro aus Langeweile getöpfert. Das alles schafft ein Klima, das nicht sehr positiv und produktiv ist - auf Jahre hinaus.
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