Einen für alles

Manchmal stricke ich mir jemanden. Einfach so aus dem Moment heraus und ohne lange zu überlegen. Das schmeichelt den meisten, wenn man sie so anschaut. Mit in Falten gelegter Stirn und das Kinn auf die Hand gestützt und mit Konzentration, die einen nicht merken lässt, was man derweil mit den Lippen oder der Zunge so tut. Das tut ihnen meistens gut. Ich lege dann Zeichnungen an, die von Tag zu Tag konkreter werden, erst mit Bleistift auf Butterbrotpapier, dann mit Seife auf Stoff. Manchmal nehme ich im Nachhinein ein paar Änderungen vor, aber das passiert meistens alles so schnell, denn die Menschen bewegen sich mit ungeheurer Geschwindigkeit. Man muss sich schon beeilen, wenn man aus einem flüchtigen Moment etwas erkennen will, das für ein Schnittmuster taugt, einen Plan, eine Vorstellung.
Mit kurzen Strichen fahre ich die Umrisse nach, stelle mich manchmal ein bisschen weiter weg, weil man so besser den Überblick behält, aber immer nur kurz. Ich verliere den Faden nicht gerne aus den Augen. Und dann geht es los, dann wird der Faden um Nadeln geschlungen, dann mache ich etwas aus diesem losen, langen Strich, eine Figur, ein Gesicht, ein paar Charakterzüge, die anfangs verteilt und chaotisch im Zimmer herum liegen. Durch Gestricke kann man nicht mehr so gut durchsehen, wenn man sie gut gemacht hat, aber sie passen sich angeblich Körperformen an, lassen erahnen, wer dahinter steckt. Zwischen den Maschen schimmert es durch, meistens blicke ich dann nicht mehr auf.
Ist es dann fertig, passt es oft nicht. Ich ziehe es der Vorlage an und sie verschwindet darin, alles fällt in Wasserfällen an ihr herunter, nichts hält oder sitzt so, wie es sollte. Meistens ist es ihnen einfach zu groß und zu schwer. Obwohl es ihnen schmeichelt, dass man es versucht. Dass man sich so ins Zeug gelegt hat. Und dann nimmst du deine Sachen und den vielen Stoff, weil du die Zeit nicht einfach wegwerfen oder ins Altpapier schmeißen willst, und hebst es zuhause auf, bis die Motten kommen und dir einen offiziellen Grund geben, dich zu verabschieden. Man begegnet sich dann nie wieder, aber manchmal, wenn man den Absprung doch früher schafft, sieht man auf der Straße jemanden, der deinen Pullover trägt. Oder die Weste, die du gemacht hast. Manchen steht es ganz gut, aber dann ist es auch schon egal geworden. Ich sollte lieber sticken. Ist auch ein Buchstabe weniger. Manchmal kommt es auf Belanglosigkeiten eben an.
Liz hat es verfasst, und zwar am 31. Januar 2008 um genau 18:11 Uhr.
Kategorie : Moi
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