Allergologie.

“niemand redet von der liebe, also niemand auf fb oder g+ oder in den blogs, sie scheint privat wie Verdauung”
Weil in deiner meiner unserer Liebe die Möglichkeit einer Verletzung steckt, immer. Und nicht nur in der Liebe sondern in ihrer Verlautbarung. Die Möglichkeit eines Scheiterns. Und die Möglichkeit einer Großartigkeit. Die wenigsten sind ohne Furcht geboren und mit der Fähigkeit, Euphorie einfach in die Welt zu posaunen, auch die Möglichkeit einer Verirrung.
Weil in deiner meiner unserer Liebe immer der Kern steckt, dein Kern mein Kern unser Kern, die Stelle, an der es warm wird und weh tut, und nur in seltenen Fällen ist es richtig, wenn jemand seine kalte, fremde, schwitzige, virtuelle Hand darauf legt. Warum sollte also jemand im Netz alles wissen, alles lesen, alles sehen, wenn er dann auch weiß, wo wir getroffen werden können? Es gibt ja immer solche, die schießen. Solche, die immer unbedingt dorthin wollen, wo wir nicht möchten, dass sie sind. Vor denen schützen wir uns, indem wir die Klappe halten. Nicht darüber schreiben. Uns andere Namen geben. Es verwässern. Obwohl es nichts weniger verdient hat, verdünnt zu werden. Nichts weniger als das.
Weil wir es ja am Ende doch tun in Verklausulierungen, in einem großen Sarkasmus, in Netzwerk-Bitchfights, in Likes und dem kurzen Moment des Innehaltens, wenn wir überlegen, ob genau so ein Like dann doch zuviel über uns verraten würde, in jedem Shitstürmchen, in jedem Diss, den wir rauskatapultieren auf die, die sich vielleicht doch trauen, die Liebe wenigstens einmal zu streifen, die sich nicht mit Großbuchstaben abgrenzen und mit der Zunge an der Laterne festfrieren, in jedem naiven Aufreger, von dem wir glauben, die Welt müsste wissen, dass wir meinen, dass habe sich jemand in einem Kitschmuseum verläuft, mit jeder angestrengten Ausblendung tun wir es. Im Grunde reden wir immer über die Liebe, wenn wir es so sehr vermeiden. Jeder gesenkte Blick, jedes gerollte Auge als Schutz vor der Möglichkeit einer Kernschmelze. Jedes Wort von Liebe als Provokation, jede Verweigerung dein offensichtliches Alibi.

Kommentare
Darüber habe ich auch sehr lange nachgedacht.
“Unprofessionell”
“zu intim”
solche Sachen fallen einem dann ein.
Aber ja: die menschlichste Sache der Welt wird eingekerkert, weil man Angst hat, sich bloßzustellen, abgetrollt zu werden. Ich sehe das nicht ein.. ich sehe das absolut nicht ein.
feiner text. danke!
“Jedes Wort von Liebe als Provokation, jede Verweigerung dein offensichtliches Alibi.”
Oder aber anders: Jedes Reden über Liebe eine Selbstbeschwörung, ein ekstatischer oder trauriger Tanz um sich (und ein bisschen um den anderen auch), jedes Wort der Versuch, die Selbstverzauberung aufrechtzuerhalten, indem man sie über den Moment fixiert, schriftlich, in Bildern, man hofft doch, sich von dem Gefühl erleichtern zu können und aber auch es zu bewahren, es festzuhalten
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und diesem sehr intimen Zauber tut der Widerspruch nicht gut, Spott zerstört ihn und ähnliche Geschichten wie die eigene vernichten die narzistische Illusion, man sei in dieser und durch diese eigene Geschichte etwas Besonderes, Hervorgehobenes, nun, Auserwähltes. Man fürchtet nicht den Widerspruch, den Spott und den Vergleich, man fürchtet die Objektivität, die davon ausgeht. Denn, ja, Widerspruch, Spott und Vergleich hatten Recht und werden wieder Recht haben, das merkt man sofort, das ist die Entzauberung, und sie zeigen, indem es sie gibt, schon an, wie sehr wir damit scheitern werden, diesen einen Moment festzuhalten; wie sehr wir damit scheitern werden, besonders zu sein.
sehr gute Erfassung, Lisa.
Das ist so toll.. Danke.
Ich habe eine bekannte hier die es auf twitter jedesmal wieder rausposaunt. Der Zyklus ist immer gleich und geht von “wollte nicht mehr daten, aber ok” nach “war nett”, dann sehr schnell zu “OMG, mein SOULMATE!”. Dann turtelt sie auf twitter eine Zeitlang und dann ist ihr Account auf einmal wieder protected und sie haben sich getrennt.
Das ist einerseits ein wenig entmutigend und man möchte sie in den ersten 2 Phasen warnen. Andererseits hast Du recht, es ist bewundernswert und mutig.
Genau das macht das Netz manchmal so unfassbar fad und oberflächlich, so pseudo-lässig und kühl, dass ich mich dort an vielen Stellen nicht wohl, sondern seltsam fühle, weil (jedenfalls scheinbar) anders. Weil ich keine Lust habe, immer nur von Neuerrungenschaften, Ausflügen, Frühstücken und total hippen Hobbies zu lesen (und davon zu schreiben).
Weil ich nicht nur fühle wie bescheuert, sondern auch ab und an darüber schreibe, was bisweilen schon ganz schön in die Hose ging.
Wenn man sich beispielsweise erlaubt, in wahlweise sehr depressivem oder verliebtem Zustand zu schreiben, ohne dabei stark zu codieren, kann man sehr schnell sehr viele Menschen gegen sich aufbringen. Und nur manche für sich.
Andererseits: Die letztgenannten sind dann immerhin die, die man behalten will.
Ein wunderschöner Text. Es scheint mir, es ist wie im Real-Life: Liebe ist ein Geständnis, gemeinsam vor allen, wenn man zurückgeliebt wird, oder privat offenbart dem besten Freund/Freundin, wenn nicht.
danke. für jedes wort!
“Kernschmelze”. Mag ich.
Sehr on point. Danke.
[...] Liebe findet statt. Veröffentlicht am 22. Februar 2012 *** “Im Grunde reden wir immer über die Liebe, wenn wir es so sehr vermeiden. Jeder gesenkte Blick, jedes gerollte Auge als Schutz vor der Möglichkeit einer Kernschmelze.” (Quelle) [...]
ach ach. danke.