Ein paar tausend Teile

Es gibt Wochen, da habe ich einmal am Tag das Gefühl, mein Kopf platze jeden Moment. Meistens kommt dieses Gefühl abends, wenn ich mir die Socken ausziehe oder noch Wäsche aufhänge, beim Zähneputzen oder dem Öffnen der Balkontüren. Dann erkenne ich die Satzteile, Bruchstücke und Wortfetzen wieder, die sich davor in einer penetranten Langsamkeit in meinem Kopf angesammelt haben, den Tag über, die Woche über, vielleicht auch noch länger. Plötzlich fallen mir Menschen dazu ein, die das gesagt haben könnten, was mir ein paar Minuten zuvor noch wie ein loses Sammelsurium an Sätzen vorgekommen war, an Bemerkungen, wie die Dinge, die jemand in deinen Träumen sagt, manchmal auch in einer anderen Sprache, von denen du nicht weißt, wie sie eigentlich in deinen Kopf kommen, aber sie sind nun mal da und es ist okay, denn du wachst am nächsten Morgen wieder auf und redest selber ganz für dich allein und meistens nur die Dinge,die du auch reden willst.

Gesellen sich zu diesen Fetzen (man möge sie sich vorstellen wie einen Haufen Papier, der über den gesamten Boden eines Zimmers ausgebreitet liegt, durch das man hindurch muss, keine Ahnung, wieso) dann jedoch Bezüge und unverwechselbare Urheber, die jedoch untereinander manchmal tauschen (so sagt beispielsweise die Kassiererin aus dem Supermarkt plötzlich die zweite Überschrift der Tageszeitung vom Mann, der mir in der U-Bahn gegenüber saß), dann wird es immer mehr im Kopf. Dann ist es, als kaue man auf etwas herum, das nicht die Eigenschaft besitzt, sich durch diesen Druck der Zähne und ihren scharfen Kanten zu zerkleinern. Im Gegenteil: Es wird immer größer. Und Erinnerungen sind noch einmal etwas anderes, die sind geordnet und passgenau. Bei diesem Flickenteppich aus Worten habe ich jedoch das Gefühl, jemand war relativ unvorsichtig in seiner künstlerischen Arbeit, jemand habe die hinter mir liegenden Tage auseinander geschnitten und mit geschlossenen Augen, ohne prüfenden Blick wieder zusammengeklebt und hingelegt und danach siegessicher gelächelt, weil die alleinige Intention hinter diesem Schabernack von Anfang an das Auslösen meiner Verwirrung war.

Und dann stehe ich da am Balkon mit kalten Schienbeinen, während der letzte Bus dieser Nacht noch einmal sporadisch hält, ohne dass jemand aussteigt, weil sich vielleicht jemand verdrückt hat oder Zeit geschunden werden muss, jedenfalls stehe ich dann da und kämpfe mit den verzogenen Fensterrahmen der Altbaus und dann kommen die falsch zusammengenähten Tagesstücke und ich muss denken, das sei doch reichlich albern, das halte ich doch im Kopf nicht aus. Ich lege mich ins Bett und manchmal habe ich es am nächsten Morgen einfach vergessen und manchmal nicht. Aber wenn ich gut drauf bin, durch die nicht vollständig beschlagenen Scheiben das Wetter erkennen kann und mich an das durcheinander geworfene Papier in meinem Kopf erinnere, kann es sein, dass ich genauso siegessicher lächle wie dieser jemand, der da mit der Schere herumgefuchtelt hat, ohne eine Ahnung zu haben. Dann am Morgen fühle ich mich, als könne ich es mit ihm aufnehmen, ihn austricksen und ihm einen Vogel zeigen. Soll er doch kommen, mein Kopf ist groß genug, er müsste schon eine ganze Bibliothek an Tagen neu zusammen puzzeln, um eine wirklich ernstzunehmende Konfusion auszulösen.