Ein Gefühl. Ein wachsames.

Im Winter liegt oft ein Nebel vor der Stadt, durch den die Bäume neben der Autobahn nur schemenhaft zu erkennen sind. Mehr eine Ahnung als ein anfassbares Objekt, mehr ein Bauchgefühl als ein Gesichtsausdruck. Und ich schlafe nie, wenn der Funkturm in der Ferne auftaucht, am Ende der Straße, auf deren Gegenspur mir einmal ein brennender Transporter entgegen kam, dessen Fahrer so aussah, als wüsste er nicht, dass sein Hinterteil in Flammen steht. Sie fuhren und hupten und ich schlief nicht, denn ich wache immer auf, bevor das erste Ortsschild kommt. Mehr ein Summen als ein Handyklingeln.
Und immer sitzt die Melancholie neben mir, jedes Mal erneut und jedes Mal gleich. Wenn du weißt, dass du dein ganzes Leben lang von diesem einen Menschen nicht loskommen wirst, obwohl es vielleicht längst vorbei ist, dann fühlt sich das ähnlich an. Und wenn dann das Grau der Stadt immer größer wird, obwohl es mir nie als Grau erscheint. Wenn du mit jemandem jeden Tag zusammen bist und seine Falten, die mit der Zeit einfach kommen, nicht mehr siehst, dann könnte man das vergleichen. Und wenn jemand weiß, wie du am Morgen aussiehst, ungekämmt und mit pelziger Zunge, wie du dich anhörst, wenn du weinst oder dich vor lauter Lachen verschluckst, wenn jemand weiß, wie hart du treten kannst vor Wut und Verzweiflung, wenn jemand auf deinen nackten Bauch pustet, sobald du schwitzt, und dir beim Kotzen die Haare aus der Stirn hält. Wenn dieser jemand den Geschmack deines Blutes kennt und den Geruch deiner Kniekehlen, wenn er weiß, wie hart deine Zähne sind und wie rauh deine Hände, wenn er genau sagen kann, wann du in die Tiefschlafphase fällst und wenn er dann die Decke noch ein bisschen höher zieht, auch auf die Gefahr hin, dass du dadurch aufwachst. Wenn dieser jemand dich aushält, dann hat er Ähnlichkeiten.
Mit Zuhause.

Kommentare
Das mit den Kniekehlen hat mich tatsächlich berührt. Erinnert mich an ein Gefühl, daß ich nie beschreiben konnte.
Weiß aber auch nicht, ob ich dich beneiden soll.
Schön! sagt Mairbel
wunderschönst… danke!
toll geschrieben!
weiß jemand, warum so viele literaten schriftstellend das wort “kotzen” statt “erbrechen” wählen? ist es poetischer? moderner? ist es zum vielleicht einfach zum regurgitieren?
http://de.wikipedia.org/wiki/Erbrechen
p.s.: ich weise nochmals darauf hin:
wirklich toll geschrieben!