Ein Gefühl. Ein loses.

Manchmal ist es so mit anderen Menschen, als würde sich der Schnürsenkel jeden Moment lösen. Als ginge man auf einem Bürgersteig zwischen vielen anderen, die eine Richtung haben, ein Ziel und sich schnurstracks und schnell fortbewegen. Man kennt das, man macht da so mit und hat ja auch eine Richtung und ein Ziel, und wenn dem nichts so ist, steckt man diese eben spontan ab und verhindert so größere Kollisionen. Dieses Gefühl mit dem anderen Menschen manchmal fühlt sich an wie ein Schuh, den man trägt und im gewohnten Gang irgendwann merkt, dass er lockerer sitzt als der zweite, dass sich die Schleife bald öffnen wird und man, um nicht zu stolpern, anhalten und den Knoten erneuern wird müssen.
Dieses Gefühl mit dem anderen Menschen findet aber in einem Umstand statt, in einer Bewegung und einem Prozess, in dem nicht einmal hier oder da ein Poller steht, an dem man eben anhalten, den Fuß abstellen und die Schleife neu binden könnte. Das Gefühl ist, als schaue man beim Gehen die ganze Zeit auf den Schuh, um rechtzeitig zur Stelle zu sein, aber mit der gleichen Ungewissheit im Nacken, nicht zu wissen, ob es eine Gelegenheit gibt, das Tempo zu drosseln, ohne dass einem gleich eine Menschenmasse mit dem Gewicht eines 40-Tonners in den Rücken rast und es dann sowieso egal ist, ob man darunter mit einem offenen oder gebundenen Schnürsenkel begraben wird.
Man schaut die ganze Zeit, die Unruhe ist immer da, jeder Schritt könnte der sein, der dazu führt, dass man zum Stillstand kommen muss, um sich selbst davor zu bewahren, auf die Fresse zu fliegen, weil jemand anders auf das Schuhband getreten ist. Aber es gibt keine Abfahrt, keinen Parkplatz, kein Fensterbrett, keinen Hauseingang, alles keucht und fleucht und hetzt und man selbst bekommt von den Schaufenstern, dem Verkehr nicht mehr wirklich viel mit. Da könnten Bäume sein oder Seen und man würde sie nicht bemerken, weil man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, den Schuh anzustarren, während man weiterläuft mit diesem einen lockeren und dem anderen, ordentlich gebundenen Schuh. Vielleicht kann man sich an den Bodenbelag erinnnern, die kleinen Schnipsel, die dann manchmal im Blickfeld auftauchen, aber mehr als ein kurzer, hektischer Blick nach oben ist an Weitsicht nicht möglich.
Am Ende steht man dann da, wo man hin wollte, völlig fertig mit den Nerven und relativ unentspannt. Dann schiebt man sich die schweißnassen Haare aus der Stirn, atmet mal ordentlich durch und hört das Herz in der Brust pochen, während man feststellt: Der Schnürsenkel ist immer noch nicht aufgegangen.

Kommentare
Im Sommer kann man aber doch auch gut barfuß laufen..?!
Komisch, hab noch ein Foto gefunden, quasi eine Entsprechung aus dem schicken Mailand zum rauhen Berlin:
http://www.filmmogul.de/2009/04/27/titel-it-schafe-hinter-gittern/