Die Geschichte zwischen den Zeilen

Vor kurzem bekam ich von einer Abschlussarbeit im Bereich der Medienpsychologie erzählt und nach ein paar Minuten Gespräch waren wir schon bei Blogs und meiner Frage, ob schon einmal jemand untersucht hat, wie es aussieht mit den LeserInnen, wenn sie Blogs verfolgen, weil sie vermuten, hoffen, fürchten, denken, es würde dort über sie geschrieben, sie fänden dort Anhaltspunkte für ihr eigenes Leben im Privaten und Gefühlten, ja, vielleicht eine Projektionsfläche, eine Person, die einen Raum gibt, den man selber füllen kann mit Ideen zur ihrer Persönlichkeit, weil man sonst niemanden trifft, der ist, wie man es sich vielleicht wünscht. Ich wüsste gern, ob jemand das mal untersucht hat, dieses Lesen von Blogs in Hinblick auf die Emotionalität der LeserInnen, das Weiterstricken von Wunschvorstellungen, indem man ein Blog liest, vielleicht von einer Person, die man wirklich kennt, oder von Unbekannten. Um andere Seiten zu entdecken, vielleicht ein Leben zu verfolgen, zu dem man schon längst nicht mehr gehört, vielleicht aus Kontrollwahn heraus oder Neugier, aus dem Wunsch nach Aufmerksamkeit, die man so eventuell noch erhalten kann, vielleicht aus der Lust an der Vollendung einer Sache in Gedanken, die im wirklichen Leben liegengelassen wurde. Vielleicht um jemanden zu haben, der einem erzählt, wenn einem sonst niemand erzählt, oder nicht so, wie man es gerne hört. Ich wüsste gern, ob sich schon einmal jemand mit diesem Thema medienpsychologisch auseinandergesetzt hat, mit den Lesern, die etwas suchen oder an etwas festhalten, mit ihrer Anonymität den Schreibern gegenüber oder ihrem Wunsch, Dinge in Worte hinein zu interpretieren, die vielleicht niemals intendiert waren. Manchmal mit ihrer Neigung, Geschichten eine Realität zuzusprechen, die sie nicht hatten, einen Existenzcharakter, den es nur in der Phantasie gibt. Mit ihrer Freiheit vor dem Bildschirm als meistens völlig unsichtbarer Nutzer eines Text- und Bildangebotes und ihren Handlungsspielräumen und Motivationen, vor allem aber auf Ebene des Gefühlshaushaltes und ihrem Bezug zu den AutorInnen, den Grenzen zwischen Fiktion und Realität sowie Deutungsperspektive.
Falls da jemand etwas zuhause rumfliegenflatternliegen hat, dann würde ich mich herzlichst samt Luftsprung freuen, wenn er mir dies zukommen ließe bzw. mich darauf aufmerksam machen könnte. Schüttelt man als Blogautorin doch hin und wieder den Kopf, wenn man so mitbekommt, was die Menschen sich in einen selbst hineindenken, -wünschen, -interpretieren und -projizieren.

Kommentare
Ich projezier voll viel in dich rein.
Also, voll viel.
@Sue. Ich projizier dir am Wochenende auch was, Madame. Gleich projiziert´s hier aber ordentlich im Karton.
Ist es nicht so, dass man in unheimlich viele Dinge und Situationen seine Wünsche hinein projiziert, mit sich selbst vergleicht und so laufend versucht, seinen eigenen Standpunkt, sein eigenes Ich “nachzujustieren”?
Das kann eine Geschichte im Blog sein, eine irgendwie inspirierende Person, der man zufällig auf der Straße begegnet, das Tun & Schaffen eines Vorbildes usw. Auch das sind dann Begegnungen der Realität mit der Emotionalität, bei “…[ denen es] ist, wie man es sich vielleicht wünscht.”
Geht das nicht so in die Thematik “innere Unruhe und Rastlosigkeit” vs. “in sich Ruhe und gefestigt sein” rein?
Ich denke, durch Blogs und andere neue “Medien 2.0″ kommt man den Protagonisten, die ja meist so alltäglich sind wie wir, viel näher als es früher möglich war. Also mit meist vergleichsweise “unpersönlichen Massenmedien” wie Zeitung, Bücher, TV, Radio.
Das anonyme Schreiben ist oft hemmungslösend in vielerlei Hinsicht, was aber wohl bekannt ist.
Kurzum, ich kann Dir nix zukommen lassen, finde aber, dass man ein sehr bekanntes Phänomen nochmal durch den Psychologie-Fleischwolf dreht, aber dieses Mal eine andere Gewürzmischung dazugibt.
Einen Gruß
RW
@reinerwein. Und es geht mir eben nicht um das anonyme Schreiben sondern das anonyme Lesen. Und die Sicht dabei auf den Autor der Geschichte. Die Verbindung, das, was einen weiterlesen lässt. Und dann auch die Schwelle zum Kommentar. Wann bleibt man still, wann kommentiert man. Wann schreibt man seinen Namen und wann wählt man ein Pseudonym. Also, welche Grenzen werden da in einer Person übersprungen, damit sie handelt. Und wird es gar zur Routine ein Blog zu lesen, für die man sich Zeit nimmt, sich einrichtet, vielleicht eine Art Ritual, passiert das nebenbei und wie verändert sich der Blick auf die Geschichte, wenn man denjenigen dann doch kennenlernt? Sowas.
ich lese blogs, weil:
- ich bereichernde gedanken von rundherum patenten oder auch einfach nur ähnlich tickenden menschen darin finden kann, also auch das, was für mich echte gesprächspartner interessant macht (also explizit nicht die meisten zeigefinger-auf-der-stirn a-blogger, die zwar netzkings sind, denen aber außer inzestuöser kreisverlinkung doch ein bissl die relevanz für mein leben abgeht)
- ich unglaubliche einblicke in berufs- und lebenswelten bekommen kann, die ohne die kulturtechnik des bloggens vorher nie möglich waren, außer persönliche kenntnis solcher leute
- ich (das ist aber der unwichtigste faktor, bin wenig masochistisch veranlagt) mir so hoffentlich demut, erdung und selbstdistanz beibehalten kann anhand abschreckender beispiele (”habe mir heute die zehennägel geschnitten und omfg wer guckt nur soapopera xy, nach 400 folgen war immer noch keine gute dabei!”/”hab heute mit klebe ausschnitte aus der vice in einem moleskine rearrangiert und war mit anderen klebe-vice-rearrangeuren auf einem klebe-vice-rearrangement-camp brunchen”/”hab 2 tage nichts gemacht außer auf ein paket zu warten und jetzt schreib ich 7000 zeichen darüber, dass an meiner lebensödnis dhl, klickstrecken im internet und überhaupt die fehlende servicementalität in deutschland schuld war”)
und um schlußendlich den kreis zu deiner fragestellung zu schließen: ich habe mir radikal abgewöhnt, mir irgendein komplettes bild einer person aus einem blog (fort)bilden zu wollen, weil ich mit der zeit mitbekommen habe, wie viele bewusst/unbewusst gesetzte leerstellen selbst bei viel und persönlich bloggenden leuten auftauchen, es ist unglaublich. ein blog und der blogger ist für mich nur noch wie eine romanfigur, reimgeheimnissen und so ist vorbei, das ist doch alles nur konstrukt (und das ist nicht mal böse gemeint).
sprich, erkenntnisgewinn führte bei mir zum aufhören mit hineindenken, -wünschen, -interpretieren und -projizieren. ich verkneif mir soweit wie möglich jeglichen rückschluss vom kunstprodukt blog auf die dahinterstehende person. fraglich ist natürlich, ob das nur was mit persönlichen erfahrungswerten oder auch der netzentwicklung und der damit einhergehenden medienkompetenz zu tun hat, aber ich beobachte, dass das anderen leute in meinem umfeld ähnlich geht, sprich wachsende reserviertheit und skepsis gegenüber dem, was einem so über den weg läuft, digital.
fliegenflatternliegen zwar nicht, aber frisch gedachtes. in manchen blogs ist es so ein bisschen wie “gast sein”. man schaut vorbei, wenn man zu einem posting geladen wurde, es wurde irgendetwas für einen auf-, um- oder weggeräumt, vielleicht auch nur hingestellt aber immer jedoch mit dem wunsch man möge daran teilhaben. je unauffälliger das dann geschieht, je zwangloser es mir dann erscheint, desto angenehmer liest sich das dann für mich. (mal nur auf persönliche blogs bezogen). dabei fällt dann ziemlich schnell auf, das man an sachen hängen bleibt die einen in irgendeiner schnittmenge betreffen. das kann meinetwegen auch nur ein einziger satz in einem posting sein, aber ich lese dann gerne weiter - einfach um wege anzuschauen. wie sie andere gehen. …warum schauen menschen sich telenovelas an? vergleichbar? keine ahnung. manchmal sind blogs dann auch wieder langweiliger geworden für mich, andere haben so ihre spannenden und langweiligen zeiten.
ich glaube mssophie hatte mal irgendwann zu einem posting in einem anderen blog geschrieben, das sie sich nicht traut dort zu kommentieren um den post nicht zu etwas normalen zu machen. es gibt einige blogs die ich lese, in denen ich noch nie etwas kommentiert habe, mich da nicht “einmischen” möchte, weil ich das gefühl habe, ich könnte die privatsphäre des bloggenden menschen zu sehr stören und damit die natürlichkeit seines schreibens beeinträchtigen. das fände ich dann sehr schade. würde mir damit etwas nehmen. stiller gast sein ist auch etwas schönes. wie bei einem buch.
ich möchte mir nicht ein bild machen von dem menschen der hinter dem blog sitzt, zu vieles ist da ungeschrieben und wird es auch bleiben. vielmehr wähle ich ein bisschen aus den verfügbaren puzzleteilen aus und reduziere auf die die ich lesen möchte, ich mache mir also einen klitzekleinen ausschnitt zurecht. es ist absolut okay nur diese krümel zu sehen, manchmal gelingt einem zwischen den zeilen mehr zu entdecken, nimmt gedanken in seinen eigenen alltag und freut sich. das passiert hin und wieder und macht den reiz eines “gastffeundlichen” blogs aus. es tut immer ein stück weit gut vertrautes an anderer stelle zu finden. das ist mit gesprächen so, beim sport, musik und kultur. verbunden durch irgendein medium. naja und blogs sind halt nun auch so eines von diesen medien. grosse blogs von alpha-oderwas-auch-immer-bloggern spielen da kaum eine rolle. da ist selten noch etwas natürliches dabei. die meisten dinge laufen dort sehr routiniert und professionell ab. ich mag es, wenn ich beim lesen eines postings die “tagesform” des schreibenden wahrnehmen kann. bad-post-days gehören irgendwie dazu.
ja so in etwa. und - viel erfolg bei der suche nach verwendbaren flatterkram.
offtopic: ich muss immer die 64 da oben eintragen. das ist ungerecht. der 64 gegenüber. die nutzt sich so schnell ab dadurch. und den anderen zahlen gegenüber. eine 85 zum beispiel würde sich bestimmt freuen mal in das feld eingetragen zu werden.
hammer… wäre sie so freundlich uns dann daran teilhaben zu lassen, wenn ihr ein kleiner Tipp gegeben wurde, bzw sie einen Luftsprung gemacht hat?
Soweit ich informiert bin, gibt es zu dem ganzen Bereich noch relativ wenig an Forschungsarbeiten. Wikipedia ist inzwischen relativ gut beackert, was in sich irgendwie verständlich ist, weil die Grundlage an sich noch einigermaßen gebündelt und untersuchbar ist, soll heißen, die Werkzeuge der Wissenschaften greifen noch relativ gut und sind übertragbar. Ausserdem ist die Kommunikation der Community sehr transparent nachvollziehbar. Ebenso steht es so langsam um die ganze Web 2.0 Forschung, die den Community/Kommunikations Part auseinandernimmt. Aber auch da wird hauptsächlich mit Daten gespielt oder an Hand vorhandener Methodiken Untersuchungen gefahren. Viel davon lässt sich auch über das Umfeld des ccc und seiner Kongresse in Erfahrung bringen, allerdings finde ich die Resultate bisher nicht sonderlich Sprung würdig und zB auf den Blogbereich nicht sonderlich übertragbar.
Umso spannender finde ich da deine Fragestellung. Nur sind wohl die Werkzeuge noch relativ stumpf, die Unsicherheit groß und das Forschungsfeld unüberblickbar. Alleine eine Entscheidung zu treffen, wo man da anfängt, stelle ich mir schwierig vor. Man ist wohl sehr mit Eingrenzungen beschäftigt und am Ende mit Dingen wie “dem großen Schweigen der Mehrheit” am verzweifeln. Sicherlich, dafür gibt es auch Zahlen, doch diese erzählen relativ wenig über die Menschen dahinter mit ihren Konstruktionen.
Ich frage mich gerade, inwiefern sich die Theorien der Psychologie überhaupt auf diese Ebene heben lassen. Es gibt durchaus viele Gemeinsamkeiten zum klassischen Feld, aber es gibt auch unübersehbare Unterschiede, zu mindestens Zweifel.
Es ist auf jeden Fall eine große Herausforderung sich damit zu beschäftigen, aber ich vermute, eine sehr bereichernde. Schließlich ist das Netz dann doch eine der neutralsten “Konstruktionsfläche”, die mir bekannt wäre. Das macht es so schwierig zu fassen, aber auch so ungemein interessant.
Ich vermute nur, dass da noch ein paar große Schritte notwendig sein werden, bis man sich vieler Altlasten erledigt hat, die im Weg stehen.
Nebenbei: dein Blogeintrag ist auf Seite 2 bei Google:
http://www.google.com/search?q=medienpsychologie+blogs&start=10 - so viel dazu
Ich freu mich auf den Sprung, der da hoffentlich kommen wird!
Und wie heißt die Arbeit, die da gerade am kommen ist (welche Uni)?
Die Arbeit, die von meiner Gesprächspartnerin geschrieben wird, hat mit dem Thema absolut nichts zu tun. Aber meine wartet ja auch noch, geht jedoch zwar in Blogrichtung, bezieht sich dennoch eher auf AutorInnen, weil der Umfang den Rest nicht fassen würde.
Dennoch sind es genau die Fragestellungen, die ihr angesprochen habt… Welche Rolle spielt Vertrauensbildung? Und wie interagiert man vor dem Bildschirm mit dieser “erfundenen” oder realen Person? Welchen Einfluss haben die AutorInnen auf das Alltagsleben blabla? Sind psychologische Erkenntnisse aus der klassischen Disziplin einfach zu transformieren oder wie müssen auch Messinstrumente angepasst werden?
Aber anscheinend gibt es ja Interesse und Bedarf am Thema…
Nur meinen Eintrag auf Platz 2 hab ich nicht gefunden…
ich möchte zB nicht die klassische Psychoanalyse mit ihrer Methodik übertragen sehen. Da würde es von Störungsanalysen nur so hageln. Ich stelle mir das gerade ungefähr ähnlich zu einem erlebten Technovortrag vor… Anpassung ist vielleicht nicht das richtige Wort. Erstmal eingestehen, dass man gar nichts weiß, halte ich für angebrachter.
Entspricht das Verhältnis Autor - Rezipient ungefähr in ähnlicher Weise dem Verhältnis Therapeut - Klient? Wenn man es von der Konstruktionsfläche her betrachtet vielleicht durchaus. Dass ein Dekonstruktionsprozess stattfindet, man sich irgendwann nur noch passende “Portionen” nimmt, würde durchaus auch ein Anzeichen sein. Da könnte es durchaus einige Schnitmengen geben. Fraglich nur, wie reflektiert das stattfindet, bzw wie unbewusst.
Wie bewusst ist das “zur Verfügung stellen” von AutorInnen eigentlich? Ist man sich dessen bewusst, oder erlebt man sich gar nicht als Konstruktionsfläche? (Ich hab nicht immer das Gefühl, dass BloggerInnen da sehr bewusst mit umgehen).
Also dafür, dass man sich alltäglich “beeinflussen” lässt, müsste es eigentlich sehr bewusst sein, aber vielleicht ja eben auch nicht.
Vielleicht ist es auch das Wechselspiel, dass in dieser Weise kaum anderswo möglich ist?
Ach, zu viele Gedanken für ein dummes Kommentarfeld.
(Deine Arbeit als Blogeintrag macht sich dann bestimmt auch gut! Soll heißen, Interesse besteht!)
Bei mir war das so: ich wollte bei dir was kommentieren, aber hab das mit diesem Rechenbeispiel nicht gesehen.
Da kommt dann nach dem Submit-Knopf irgendwie sowas wie “Gib mir Antwort!”
Das fand ich schonmal voll poetisch.
Hat dann noch was gedauert, bis ich das mit den Zahlen gesehen habe.
Was ich nicht leiden kann: wenn einem Leute schreiben in Kommentaren, die glauben, verstanden zu haben, was man sagen wollte, und mit ihrem Kommentar zeigen, dass sie keine Ahnung haben.
Da bin ich irgendwie ratlos.
Aber ich geh jetzt wieder rüber zum Projektor. Du und der Hut… Roar.
@912 Finger
@Liz
Der Eintrag ist auf Seite 3, ganz unten…