Die Frage nach dem ausgeprägten Eigengeschmack

Die Geschichte mit den Modeblogs scheint im letzten Jahr explodiert zu sein, zumindest was meine persönliche Wahrnehmung betrifft. Vornehmlich Mädchen und junge Frauen photographieren sich in den Outfits des Tages, erklären, was sie wo und manchmal auch für wieviel erstanden haben, geben Gesuche auf oder werfen Schnäppchentipps in die Welt, aber vor allen Dingen - und das erschreckt mich - sehen die meisten einfach gleich aus. Dünn, süß, nett und lieb, große Pullis, enge Hosen, Rüschen, Geflatter, Vintage meets Schweineteuerdesign samt Schnütchen und Hände an der Taille.
Keine trägt Turnschuhe an den Füßen oder Speck auf den Hüften, keine ist moppelig oder gar dick, keiner hängt die Hose unter dem Arsch oder mal der Pony quer, keine hat eine ausgefallene Haar- oder Klamottenfarbe, alles scheint im oberflächlichen Durchklicken dieselbe Soße zu sein. Nicht, dass mir diese Soße nicht schmecken würde, es schaut sich schon angenehm an, manchmal denkt man “Heiß” und manchmal “Scheiß”, dennoch ist das größte Problem in dieser ganzen Stylerei die Langeweile, die bei der Masse auftaucht. Wo sind die ganz Kleinen oder die ganz Großen, die Breiten oder Halbbreiten zumindest, wo sind die Typen, der Streetstyle der Realität und wo die Unterschiede? Wo sind die anderen, zum Beispiel die, die aufgrund von Geldmangel nicht jeden Tag shoppen gehen können und dennoch ein Interesse an Mode auch im eigenen Auftreten an den Tag legen? Und gibt es auch jemanden, der sich im simplen grauen Shirt und Jeans vor den Spiegel stellt und knippst? Also denjenigen, für den ein 0815-T-Shirt und eine 0815-Hose DAS Verständnis von Mode sind? Und was machen eigentlich die Männer?
Das täte mich dann doch relativ brennend interessieren.

Kommentare
word. in modeblogs findet modeblogmode statt, und zwar nur die. das ist interessant, darum aber noch lange nicht relevant, finde ich.
Modeblogmode könnte ein Favorit für das Wort 2008 sein.
Genau. ich hab da mal spassenshalber ein paar im Feedreader behalten - so bis Anfang des Jahres - aber es geht einfach gar nicht. Das ist so ein Quatsch - wie ein Selbstläufer. Poesiealbumsfüllzwang2.0 oder was weiss ich. Ich mein - ist ja manches ganz nett. Aber eben nur manches. Das meiste unterliegt da irgendwie dem Druck alsbald ein neues _so_ noch nicht dagewesenes Outfit zusammenzustellen. Und das quasi täglich. Das sorgt für reichlich Klicks und nen gewissen Status. Aber mehr passiert da nicht. Da ist irgendwie verdammt wenig dabei, was mich vom Hocker haut - und _mein_ Verständnis ist es nicht, einfach wie wild zusammenzuwürfeln und so trashig wie möglich auszusehen.
Irgendwie wird mir da immer zu sehr übertrieben. Aber es ist eben auch sooo viel einfacher quer durch den Farbtopf zu latschen, als den richtigen Farbton zur “Akzentuierung” zu benutzen. Ich hab nix gegen bunt, beileibe nicht, aber bitte doch so, dass das Gesamtbild stimmig wird. Das kann dann auf overload hinauslaufen, aber overload ist niemals das Ziel. Und mit Materialien oder wiederkehrenden Materialfolgen spielen die auch nicht. Daran erkennt man dann schnell ob sich da jemand ernsthaft mit befasst oder nicht.
Aber erzähl mal sowas den Püppies. Naja und die Jungs… herrjeh. Unsereins muss ja nicht. Also drüber bloggen. Unsereins. Freut sich, wenn der gelbe Gürtel mit dem T-Shirt harmoniert, wechselt schon mal nen Button um die “Linie” beizubehalten oder wählt sich die bitte nicht einfarbigen und schon gar nicht weissen Socken mit Bedacht aus. Jawoll. Und verflucht die Ankunft des 120ten T-Shirt. Aber nix gegen die 20 Paar Schuhe. Muss ja schliesslich alles harmonieren, nä?
Achja. Wegen der nicht chronisch unterernährt wirkenden Kinderformate - gerade weil da so ein Herdentrieb in der “Fashion-Blogosphäre” herrscht trauen sich wahrscheinlich viele Normalformate nicht, ihre Sicht, ihre Mode oder ihre Accessoires zu zeigen. Schade.
So. Wollt ich nur mal gesagt haben.
sehr trefflich analysiert. schmitzi schrieb neulich über ähnliches: http://knicken.blogspot.com/2008/11/geheime-gewohnheitstiere.html
ich meine zu wissen, dass es genügend modeblogs gibt, die von ausgefallenen leuten ohne geld für maßloses shopping geschrieben werden, aber der zirkus ist eben immer noch eine diktatur bezüglich körperbild und trends. soll heißen: die anderen schreiben über mode, aber lassen die fotografie vor dem schlafzimmerspiegel. warum die modemodeblogs so gut funktionieren? it’s a girls’ thing und die neugierde akut oder der zu schau getragene wettbewerb über die eigene garderobe sehr reizvoll.
bei den herren macht horst die sache ganz gut:
http://lynnandhorst.blogspot.com/
Das heißt, es bloggt wirklich niemand über Mode samt Selbstportraits, der nicht dünn ist? Oder werden die einfach nicht gelesen und sind somit unbekannter?
Generell habe ich nichts gegen Püppis, meinetwegen darf jeder machen, was er will, wenn es um Modeblogs geht. Nur habe ich eben das Gefühl, es machen nur einige, und die dann meistens dasselbe. Das ist schade. Dabei würde mich der Rest ja noch viel brennender interessieren, das Andere, das Verrückte. Glatt ist ja schön, aber wenn immer alles nur glatt und schön ist, wird´s irgendwann unschön.
mich interessiert mode, nicht aber modeblogs. gibt es überhaupt männermodeblogs?jedenfalls gibt es männermode und männermodels. auch die entsprechen nicht dem durchschnitt und amüsieren mich meistens. kann ich dann doch denken: hänfling oder milchbubi. sonst sage ich mir zum trost: sieht zwar gut aus, ist aber sicher blöd. ich kenne auch gutaussehende intelligente männer, aber die werden natürlich nicht modemodels.jeder kann seins zur mode erklären, trauen sich nur nicht viele. vielleicht braucht es dazu eines zopfes, fächers und untergewicht. kuzum: ich weiß es auch nicht, finde deine fragen aber auch interessant. warte auch auf antworten.
gruß
a.
also, ich habe nie einen modeblog gelesen, aber vielleicht solte ich einen aufmachen, immerhin wäre ich dann das klientel, welches du verzweifelt suchst: die halbdicke(oder -dünne, wie auch immer) mit schlabberhosen (fast) unterm arsch, mit bandshirts in schwarz oder auch mal weiß und mit chucks (im winter auch gern mal was anderes). ich sehe mit schnütchen total bekloppt aus und meine nichtmal halblangen haare entsprechen definitiv nicht dem, was man als gestyled bezeichnen würde. aber gut find ich sie doch, meine mode.
Ich will auch endlich was anderes sehen.
Schlage hier ein paar Blognamen vor:
Delicious Dicke Dinger, oder vielleicht: Mad Mode Moppel.
Und ich vermisse die Kombination Turnschuhe & Frauen!
@tessa. Besten Dank für den Tipp! Gerne mehr davon.
@shyen. Würde eine solche Lektüre mit Applaus willkommen heißen.
@Sue. Ja, die Turnschuhe fehlen. Chucks mal ausgenommen!
Ich finde als einzigen Streetstyleblog den Satorialist toll, vor allem die Männer dort:
http://www.thesartorialist.blogspot.com/
Die Damen sind (meistens) auch eher Puppen.
Oder gleich zu Glamcanyon, da mag ich aber die Partybilder lieber als die von der Straße:
http://glamcanyon.blogspot.com/
und was bist du?
Wie, was bin ich?
[...] einem Gespräch und einem Blogbeitrag von Lisa über das Phänomen Modeblogs und Modeblogmode möchte ich an dieser Stelle eine Lanze brechen für [...]
Kein Blog, aber ich schwöre auf wardrobe remix - dort findet man nicht nur jede Menge Eigengeschmack, sondern auch unterschiedliche Altersstufen.
die jungs sind ja schon da – vor allem die jahrgänge 1986 und später. auf http://lookbook.nu kann man vielen von ihnen dabei zusehen, wie sie fußspitzen nach innen drehen, ikea-teppiche zu schals verarbeiten und auf sonstige weise kreativität herausschreien, ohne den gesamtkontext zu verlassen. das alte popkulturspiel eben.
ein bisschen mühe bei der mode finde ich gut und richtig, denn sie fehlt häufig. ein zeit-, geld- und nervenintensives hobby samt regelmäßiger shootings daraus machen, das ist albern.
ungeschönt, unretouschiert, ungestellt? kannste haben. bei mir. heute. für dich. (aber ich fürchte, ich falle schon altersmässig aus der zielgruppe. sei bitte trotzdem nachsichtig, in meinem alter ist man nicht mehr so selbstbewusst.)
Cecie, der rebell. höhö.
viele grüsse!
http://www.leblogdebigbeauty.com/
klar gibt es übergrößenblogs - grad in Frankreich bloggen viele normalgewichtige Mädels, teilweise mit einer leider hierzulande nicht anzutreffenden Fotoqualität
was mich nervt ist nicht die modeblogmode an sich, sondern dass sie hauptsächlich aus zara und h&m besteht, zum großen teil wahnsinnig unkritisch und konsumorientiert ist -
das muss aber nicht sein
ein großer neuer liebling meinerseits ist zum beispiel
http://garbagedress.blogspot.com/
@M. Hm. Ich kann leider kein Französisch, dennoch endlich mal was anderes. Nur: What about Germany?
ja, großes problem - aber wird noch - je mehr konkurrenz desto mehr qualität und vielfalt - bleibt zu hoffen
ein weiteres problem ist, dass mode in deutschland eben immer noch ne puppensache ist - da interessiert man sich nicht “ernsthaft”, das machen nur girlies, da geht’s nur um’s eigene “gut aussehen” usw usf - ist ja auch in den kommentaren hier wieder gut demonstriert worden
@Mary. Was heißt denn “sich ernsthaft interessieren”? Und wo finde ich eine nicht ernstgemeinte Auseinandersetzung damit in den KOmmentaren zu diesem Beitrag?
ich hab die kommentare hier wohl mit denen verwechselt die man sonst immer so oft hört - und ich bezog mich auf das vorurteil, dass mode etwas oberflächliches ist, für das man sich dementsprechend auch nur interessiert, wenn man selbst oberflächlich, tussig, girliehaft und eben alles andere als intellektuell ist. eine wirklich fundierte auseinandersetzung mit kleidung/mode findet in deutschland sowieso (nicht nur in blogs) viel zu selten statt, weil man der mode einen intellektuellen gehalt nur selten zutraut.
Masse statt Klasse ist wohl oft das Motto vieler Modeblogger/innen. Ich versuche selbst anders zu sein. Ich bin nicht dünn, ich bin nicht lieblich, ich bin nicht klein und ich trage ausschließlich Turnschuhe, denn mit High Heels kann ich irgendwie nicht umgehen. Ich trage normale T-Shirts und normale Jeans, normale Pullover und versuche trotzdem mein eigenes Ding umzusetzen. Ab und zu achte ich sogar auf das Farbenspiel meiner Outfits.
Sowas ist ziemlich selten und relativ unbekannt bei den vielen Fashionblogs. Schade eigentlich.