Der will nur gestreichelt werden

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Vor dem Roten Salon tummelten sich die Massen. Nicht alle wollten dort hinein, draußen war es ja auch kalt, die meisten dann aber doch und so sammelte man sich auf orangefarbenen Plastikstühlen und roten Sofas bei allerlei Getränk in Knubbelflaschen. An Generationen hatte es wohl drei bis vier, genau kann man das bei diesen Menschenaufläufen in der heutigen Zeit ja auch nicht mehr ausmachen, es sucht sich ja jeder das Beste raus aus den modischen Glanzzeiten aller Jahrzehnte und am Ende weiß man nicht mehr, wer jetzt eigentlich jung oder alt oder so mittel ist, weil das ja eh alles retouchiert und völlig umgekrempelt ist. Jedenfalls war meine Mama auch da, soweit war ich schon. Eine halbe Stunde nach eigentlicher Startzeit kam Gotti dann endlich auf die Bühne, ein jeder hustete nochmal eben ab und dann ging auch schon gleich das los, was man unverblümt eine formidable Abendunterhaltung nennen kann.

“Tiere streicheln Menschen”, eine Actionlesung mit Martin Gottschild, beschert mir jedes Mal auf´s Neue ein abendfüllendes Dauergrinsen gespickt mit einigen durchaus herzhaften Lachern. Mit tiefer Stimme, die nur hin und wieder von einem Frosch im Hals in ungeahnte Höhen gelockt wurde, las Gotti, wie nur er das kann. Keine großen Emotionen von seiner Seite, die Worte sprechen für sich und die Betonungen nüchtern aus, damit der Witz das Ruder übernehmen kann. Würde man das selber lesen, es wäre wahrscheinlich nur halb so schmackhaft. Aber dennoch lecker.

Am gestrigen Abend ging es also um Gottis Heimatbezirk, den Wedding. In “Oh Wedding, mein Wedding” erzählt er von seinen gnomig anmutenden Hausmitbewohnern und dem Charme des Bezirks in alter Genauigkeit. Nach kurzer Musikpause geht es gleich weiter mit einer Exkursionsbeschreibung von Rüdiger Nehberg, seinerseits hauptberuflich Dia-Vortragsleiter und Sir Vival. Es folgt eine gesangliche Einlage von Elis. Ein Lied über seinen Traumberuf Pornostar, ein anderes über seine unerfüllte Liebe zu einer Schülerlotsin (“Schülerlotsin mit hochgesteckten braunen Haaren, ohne dich hätten sie schon tausend Kinder überfahren, ich liebe dich!”). Es folgt eine Beschreibung von Fuchs, einem Bandmitglied der Kapelle des Autoren, die sogleich mit einer grandiosen Ausführung des Ortes Luckau verbunden wird. Fuchs kommt aus Luckau, Luckau ist spannend, Verbindung hergestellt. Ein Gedicht noch für den Freund und dann kommt auch schon das erste Filmchen namens “Durch das Warten wachsen”. Ein junger Student setzte hierbei eine gewisse Zeitspanne dadurch kunstvoll in Szene, dass er den Haarwuchs an verschiedenen, nicht immer schön anzusehenden Körperstellen dokumentierte, dazu ein paar verrückte Hintergrundszenen und hopps haben alle Spaß.

Nach einem Päuschen legten Sven und Gotti gleich mit einem zweistimmigen Schlagermedley los (”Ich bin ein Vagabund der Liebe”), Sven total verliebt, Gotti eher angeekelt, aber trotzdem hochprofessionell. Was folgte, war eine Geschichte über Gottis Jugend in Pankow und seinen Besuch in der Freiluftdisko Erkner. Ein paar auf´s Maul gab´s ja immer. Seine Mutter schlug die Hände vor´s Gesicht, lachte aber dennoch herzlichst. Die letzte Geschichte des Rahmenprogramms handelte von Melanie mit der Bomberjacke, von der Gotti seinen ersten Zungenkuss bekam. “Mädchen mit Bomberjacken fand ich immer irgendwie scharf, die erinnerten mich so an McGyver”. Zwei Zugaben gab´s: Den Fluch und Die Apokalypse. Alles prima, alles gut. Gerne wieder, gerne bald. Applaus. Sollte Ihnen diese Lesung mal über den Weg laufen, gehen Sie hin. Wir wissen alle, lachen ist gesund und Vitalität ist ja bekanntermaßen im Trend. Wortwitz und Gotti werden es ihnen danken. Ich übrigens auch.

Liz hat es verfasst, und zwar am 20. Oktober 2006 um genau 10:47 Uhr.
Kategorie : Berlin

8 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. Juri  |  20. Oktober 2006 um 10:59

    Dann sei doch hier gleich noch auf die tolle Ostbeat-Band BEATPLANET von Sven “Remmidemmi“ Rathke und Martin “Gotti“ Gottschild hingewiesen! Konzerte derselben sind ebenso sehr zu empfehlen!

  • 2. Liz  |  20. Oktober 2006 um 15:19

    HOCH! HOCH! HOCH!

  • 3. Burnster  |  20. Oktober 2006 um 17:10

    Ossis

  • 4. Liz  |  20. Oktober 2006 um 17:16

    Das sagst du nur aus Neid, weil wir in unserer Heimat glücklich sein können und du nicht einmal im komischen Bayern dein Glück findest. Tz.

  • 5. Juri  |  20. Oktober 2006 um 18:10

    Übrigens ist das Label von Beatplanet in Nürnberg ansässig (siehe “www.brigademondaine.de”)! Aber wenn ich jetzt schreibe, dass Nürnberg gleich Bayern ist, haut mir der Burnster bestimmt die Löffel vom Stamm… Oh dieser Regionalfanatismus! Esst bloß mehr Gurken Leute!

  • 6. Liz  |  20. Oktober 2006 um 18:41

    Schau, wie niedlich: Rumpelstilzchen.

  • 7. Bunster  |  22. Oktober 2006 um 15:39

    Bitte nicht persönlich werden, Lisa. Ich habe nur einen Spaß gemacht und ich glaube, Juri hat ihn verstanden.

  • 8. Liz  |  22. Oktober 2006 um 17:20

    Hö? Wo war denn das jetzt kein Spaß? Ich habe auch nur einen Spaß gemacht und dachte, du hättest ihn verstanden.

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