Der weiße See

Die einzige Sorge ist am Anfang, wie lange es noch dauert. Wann man ankommt. Ob das da vorne eine Stau ist. Das Wundern beim Betrachten der Vögel auf den Stromleitungen, es hört nicht auf. Das Flimmern auf der Straße, das aussieht wie riesige Pfützen in der Ferne, die dann plötzlich einfach verschwinden. Und die Erinnerung daran, wie das war, als man das noch nicht erklärt bekam in der Schule, als man sich nicht traute zu fragen, was das sei, weil man es selber herausfinden wollte, weil man dachte, man sei ein bisschen verrückt, man wollte das im Falle des Falles nicht an die große Glocke hängen. Und wie man die Schatten der Bäume auf dem Asphalt mitnahm, als wären sie Hürden, die es zu überspringen gelte. Sprung für Sprung für Sprung.

Die Mücken kommen nur am Wasser, hinter die Büsche trauen sie sich erst spät. Den Kopf schüttelt man so, wie man während des Schwimmens den Kopf schütteln kann, wenn eine Wasserschlange an einem vorbei schwimmt, einfach so vorbei, vielleicht mit ein bisschen Angst im Nacken, denn sie beeilt sich sehr, sie wird nicht wissen, wer wir sind und flüchtet zu den Blesshühnern. Die Stege, von denen viele eine eigene Tür haben, die einen vom Wasser aus nicht interessiert, die ist nur was für Leute, die auf Wegen gehen. Dort wachsen Pusteblumen, im Wasser Seerosen, gelbe.

Es gibt den Steg noch, an dem ich den riesigen Lastwagenreifenschlauch ins Wasser gerollt habe. Es gibt ihn noch, er hat keine Tür. Eine Familie oder zwei sitzen nun auf einer Bank, die es damals noch nicht gab, wir liefen immer gleich zurück zum Haus oder hockten uns auf den Steg, manchmal hatten wir Kirschen dabei und Jogginghosen, meistens nur sandige Füße. Ich bin nie ans andere Ufer gegangen damals, jetzt sitze ich immer nur dort. Ich meide die alten Wege, ich fahre Bögen. Vom Wasser aus sehe ich den Strand, der nun bunt gepunktet da liegt, als wäre nie etwas gewesen, als wäre ich nie auf Skiern den Hügel hinunter gefahren und noch weiter auf den See. Das Idyll einer Auslassung.

Aber wenn man Bögen macht, drumherum geht, dann muss es dort mal etwas gegeben haben.

Kommentare
du hast mich gerad 20jahre zurück, in meine kindheit versetzt. ich mag diese bildliche sprache, die zum weiterdenken anregt.
Ja genau: Wenn man Bögen macht, drumherum geht, dann muss es dort mal etwas gegeben haben. Das trifft auch für Menschen zu, um die man Bögen macht, weil es da mal etwas gegeben hat, wie z.B. Liebe.
und wo liebe elisabeth ist dieser schöne see, den du so bildhaft beschreibst?
Wo bekommst du eigentlich immer diese tarumhaft schönen Bilder her? Sie passen so wunderbar zu deinem Text, der mir auch sehr gut gefällt.
Die Bilder sind alle von mir, wenn ich keine andere Quelle angegeben habe. Auch die aus diesem Beitrag habe ich alle selbstgemacht.