Das wahre Leben

Die Mutter schläft mit ihrem Kunstfreund, der Vater eiert irgendwo zwischen schlechtem Gewissen und Unwissenheit, dem einen Sohn ist langweilig, der andere hat sein eigenes Leben in die Tasche gesteckt und kann ganz gut damit umgehen. Und bei die Nachbarn, bei denen ist zehnmal schlimmer…

Und während dieser ganzen Alltagstyranneien saß ich in meinem Kinosessel und musste immer ganz fasziniert auf Hannah Herzsprungs Oberlippe gucken, die sich so nett kräuselt, wenn sie diese Stimmung des alkoholisierten Ekels gepaart mit totaler Einsamkeit und Sehnsucht spielt, die Lippe, die sie dann immer so nach oben zieht und die mich an das Mädchen erinnert, mit dem ich vor ein paar Jahren mal in den Rosenhöfen Fotos gemacht habe und das diese Narben hat und das auch immer genauso schaute, wenn es die Orientierung verloren hatte. Den Kopf winkelte es leicht an, dieser stand ein bisschen schief, die Augen flirrten und dann eben noch diese Oberlippe. Wir hatten diese alte neue Kamera dabei, der Hof war gerade frisch saniert und wir noch haargefärbt, später sahen wir uns die Bilder dann an und erkannten uns kaum wieder. Jetzt ist das so, wenn wir uns zufällig in irgendwelchen Clubs treffen. Sie tanzt dann und trinkt und vielleicht kommt sie mal ein zwei Sekunden vorbei und lacht dann dreckig und laut und wenn es dann später wird und der Morgen vor der Tür steht, lehnt sie manchmal an der Bar oder an der Schulter von irgendeinem Typen und ich sehe, wie ihre Oberlippe zuckt. Dann wird sie müde und kommt ein bisschen runter und schafft es nicht mehr so ganz, den Kopf gerade zu halten. Sie ist dann wieder das Mädchen aus den Rosenhöfen und ich drücke ihr einen Kuss auf die zerlöcherte Stirn und eigentlich warte ich darauf, dass sie mal an einem Rücken lehnt, der das aushält.

Liz hat es verfasst, und zwar am 27. Februar 2007 um genau 11:54 Uhr.
Kategorie : Filme

3 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. brittbee  |  28. Februar 2007 um 23:48

    Klingt nach Narben innen wie aussen. Muss man küssen, beides.

    Der Film ist kraftvoll, oder? Ich weiß seitdem nicht mehr, wohin mit meinen Vorurteilen über Katja Riemann.

  • 2. Liz  |  1. März 2007 um 1:59

    @bee. Ja, das ist er. Und trotz all der wahren Momente erwischt man sich immer wieder beim laut Lachen. Wahrscheinlich genau deswegen.

  • 3. Der Italiener  |  6. März 2007 um 16:40

    Dieser Film hat mich auch erschlagen. Lachen und Weinen so nahe beieinander, das hat man selten. Und stimmt, man muss die Vorurteile gegen Frau Riemann revidieren. Entertainment auf höchsten Niveau.

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