Cœurs

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Werter Herr Fritz Göttler,

Sie haben heute in der Süddeutschen Zeitung Ihre ultimative Lobhudelei geschrieben auf einen Film, bei dem ich mich frage, ob wir beide den gleichen gesehen haben. Ja, die Zeitungen scheinen das neueste Werk von Alain Resnais zu mögen. Jedoch haben sie kaum Worte für die Beschreibungen der Szenen und es wird ebenso wenig zitiert (und wenn, dann falsch, jedenfalls aus der deutschen Übersetzung). Und wissen Sie, woran das liegt?

Es gibt nichts zu zitieren aus dem Film. Kaum ein kluges, sauberes, nicht schon einhundertmal in den Mund genommen und abgenuckeltes Wort wird in diesem Film gesprochen. Die Phrasen, wir kennen sie alle aus den Heftchen unserer Großmütter, aus den Schlagzeilen und netten Gedichtchen. Aber welcher Film eines angeblichen Regie-Genies will schon wie ein harmloser, triefender Reim klingen, den man gleich wieder vergisst? Ich frage mich, wie alt Sie sind, Herr Göttler.

Und ich frage mich, woher Sie die Bilder haben, die Sie angeblich “immer wieder den Atem anhalten lassen“, denn als ich im Kino saß, bewegte sich der halbe Saal nach und nach wieder ins Foyer. Die andere Hälfte raschelte, schmatzte, lachte und schnarchte so laut, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe. Ich frage mich außerdem, woher Sie das Tempo nehmen, die “rasche Bewegung“, die Ihrer Meinung nach in den Film kommt mit dem Kameraflug in den Szenen, in denen Nicole und Dan eine Wohnung suchen. Das war die einzig kleine Perspektive, die mal interessant und nicht total vorhersehbar war, der einzige, kurze Moment, der nicht gleich wieder in die Schublade “schon mal gehört, schon mal gesehen” gerutscht ist. Aber deswegen bewegt sich doch nicht gleich ein ganzer Film und nimmt an Geschwindigkeit zu.

Und Herr Göttler, hing Ihnen diese Schnee-Blende, diese so furchtbar offensichtliche Metapher der Kälte und Einsamkeit der Großstadt, wirklich nicht nach zwei Szenen ebenso zum Halse raus? Was schauen Sie sonst so für Filme, Herr Göttler? Und sollten Sie nicht lieber Gedichte schreiben, die so klingen wie dieser Film, wenn Sie schreiben: “Was ist das für eine Wehmut, die ihr Herz durchbohrt?”

Ich schätze Ihre Mühe, die Sie sich mit Ihrer Kritik gemacht haben. Sie haben Worte gewählt, die man nicht überall liest. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, sie sollten mehr Filme schauen, mehr hinausgehen, aufmerksamer sein, die kleinen Gesten mehr beobachten, um zu merken, dass diese Inszenierung zu einem der klischeebeladensten, phrasendreschendsten und zugleich langweiligsten Schweinen gehört, die in letzter Zeit durch die Kinos gerast sind. Warum nur wird sein Meister von allen Seiten gefeiert? Er hat die Sau aus dem Stall gejagt, ohne sie zu mästen.

Und Sie, mögen Sie eigentlich Schneekugeln? Haben Sie sich die mal genau angesehen? Dass die ja doch immer anders sind und tausend kleine Landschaften in sich tragen? Dass man die Schneefallrichtung mit dem Schüttelschwung beeinflussen kann? Dass der Hintergrund und das Licht, die stillen kleinen Figuren all ihre eigene Geschichte haben? Und dass man nicht ein paar so einfach zu durchschauende Charaktere nehmen, sie mit ein bisschen Schnee, ein bisschen Licht und ein bisschen Ruhm des Autos bestreuen kann und schon ein Wunderwerk daraus entsteht? Und dass man ein Auge auf die Übersetzungen haben sollte, die in diesem Fall einfach nur unglaublich schlecht gewesen sein müssen. Sonst war es das Drehbuch wirklich noch. Und ich glaube, auch Sie haben am Ende Ihres Artikels falsch zitiert. Jedenfalls klingt es plötzlich schöner, als es war.

Mit besten Grüßen,

Ich

Liz hat es verfasst, und zwar am 28. März 2007 um genau 20:35 Uhr.
Kategorie : Filme

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