Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Wir

Das Gegenteil von Déjà-vu

Es gibt manchmal diesen Moment, da schaffst du es, jede Erinnerung an die Straße, jedes alltägliche Bild, jede emotionale Verbindung oder Farbe, jedes eingespeicherte Licht zu vergessen und die Autos und Häuser und Menschen und Pflastersteine so zu sehen wie ein Fremder. Dann spiegelt sich die Sonne plötzlich anders in den Scheiben, es riecht so, dass du es wieder bemerkst, die Häuser scheinen sich alle um zwei Zentimeter verschoben zu haben, als wärst du geschrumpft oder gewachsen, als klebten deine Augen auf einmal auf deinem Rücken. Weil alles plötzlich so aussieht, als wäre es das erste Mal.

Ich glaube, wenn du es schaffst, Orte so zu sehen - sei es auch nur für Sekunden -, als wärst du fremd dort, könnte dir das mit einem Menschen auch gelingen. Nach Jahren manchmal noch für einen kurzen Moment zu denken: Huch. Und: Wow.

In return for your services

Schon in der Schule habe ich etwas gelernt, das nicht stimmt. Schon früher habe ich geglaubt, für besonders große Anstrengungen gibt es einen Preis. Ein Bienchen, ein Blümchen am Anfang, später eine Zahl, die dich in ein Koordinatensystem einordnet, das auf Papier gedruckt deinen Status bestimmt. Auf das Papier sollst du dann stolz sein. Das sollst du brav in der Hand halten und damit herumwedeln. Und dich dann gefälligst so fühlen, als stünde jemand neben dir, dem du bis zum Knie reichst, und dieser jemand sei dann der Maßstab und dein Scheitel schon an der Kniescheibe, das ist doch was, das ist dein Preis. Dass dir jemand von oben den Kopf tätschelt und sagt: “Fein gemacht.”

An vielen Stellen war es so schwierig, dass ich dachte, ich müsse dafür eine Belohnung bekommen. Irgendwas. Dieses Prinzip und die Sache an sich müssten ja irgendwo zu finden sein oder zu fassen. Nun bin ich an dem Punkt angelangt, der auf den Boden gemalt ist und auf den man sich zu stellen hat, mit den Füßen in die dafür vorgezeichneten Markierungen und dann hat man sich selbst der Maßstab zu sein, sich selbst in die Wange zu kneifen und zu sagen: “Die Sache mit der Belohnung war nur ein Gag. Haha.”

Kubiklichtjahre

Manchmal, wenn du nach Hause in unsere Wohnung kommst, klopfst du an meiner Tür. Und wenn ich nichts sage, dann weißt du, ich bin allein und kommst herein. Legst mir die kalten Finger auf die Schultern und es knackt darunter, wenn mir eine Gänsehaut über den Rücken läuft. Ich schaue dich solange nicht an, bis ich deine Stimme gehört habe. Dann versuche ich abzuschätzen, wie dein Tag war und was du noch erwartest von ihm. Ob du heimkommst, um schlafen zu gehen, aus dem Fenster auf den großen Baum zu schauen oder ob du noch einmal los willst, die Nacht woanders verbringst. Manchmal fragst du dann, ob du bleiben kannst. Dann stehst du meistens am Fensterbrett, ziehst die Vorhänge zu und schaust vorher noch einmal, wie viele Fenster im Haus gegenüber hell erleuchtet sind. Jeden Abend zählst du. Dann verschwindest du in dein Zimmer nebenan, ich höre dich die Tasche abstellen und wie du den Rechner herausholst, auf den Schreibtisch legst, wie du dein Taschentelefon auf lautlos stellst und es auf dem Nachtisch liegen lässt, wie du mit Schwung die Fenster aufreißt und auf den Balkon gehst. Trete ich ans Fenster, kann ich deine Hände in den Blumen sehen, wie du vertrocknete Blätter von den Stängeln zupfst, den Tabak aus der Arschtasche holst und dir langsam eine Zigarette drehst. Ich sehe den Rauch, verstecke mich hinter dem Vorhang und liege schon im Bett, wenn du kommst. Dann legst du dich hinter mich, deine Hände sind meistens kalt und dein Bart kratzt an meiner Schulter. Du hältst dich an meinem Bauch fest und atmest an meinen Hals. Und wenn du dich einmal hingelegt hast, bewegst du dich nicht mehr, damit ich schlafen kann und ich höre an deinem Atem, dass du noch nicht schläfst, wenn ich schon langsam beginne zu träumen. Morgens höre ich die Tür ins Schloss fallen und finde nach dem Aufstehen frische Brötchen auf dem Tisch, den Kaffee in der Filtertüte vorbereitet und abgemessen, die Tür zu deinem Zimmer ist geschlossen, sogar das Kissen neben meinem Kopf hast du aufgeschüttelt. Ich will nie, dass du gehst.

Meistens malst du, wenn ich komme. Du malst und malst den ganzen Tag und manchmal frage ich mich, ob du mich malst oder uns, aber auf deinen Blättern sind immer nur Tiere und Pflanzen und Häuser und Maschinen, von denen ich nicht weiß, wie sie funktionieren, aber sie funktionieren, wenn ich sie ansehe. Die Tiere brüllen mir laut ins Gesicht, in den Häusern gehen Menschen zu Bett und die Maschinen knacken leise. Du hörst schon am kleinsten Geräusch, ob etwas nicht stimmt. Dein Rücken ist aus Beton, dein Nacken aus Stahl und jedes Mal erwarte ich eine kalte Haut, wenn du glühst. Ich spüre jeden deiner Knochen, die Ränder deiner Schulterblätter, die Sehnen und den Haaransatz im Nacken und manchmal an einem guten Tag erinnere ich mich verschwommen an deine Rippenbögen und Kniekehlen. Du legst den Stift hin, wenn ich klopfe, und nimmst ihn wieder in die Hand, wenn ich hinter dir stehe und ich mag das Geräusch, das dein Stuhl auf dem Parkett macht, wenn du ihn ein Stück vom Tisch und der Wand weg schiebst, um die Füße auszustrecken. Und ich bin froh, dass du da bist, wenn ich komme, dass du malst und dass du nicht uns malst und das noch nie getan hast. Ich bin froh, dass es keine Bilder gibt von uns und dass man schon im Hausflur weiß, wie gut es in der Wohnung riechen wird. Der Unterschied zwischen der Welt da draußen und unserem Leben hier drinnen ist groß, über unsere Vergangenheit reden wir nicht und ich schließe die Tür, damit der Rauch nicht zu dir herüberzieht. Heute sind es sieben erleuchtete Fenster im Haus gegenüber und ich bin sicher, der eine Typ im vierten Stock bespannert dich. Immer sind seine Gardinen geschlossen, aber ich meine, sie bewegen sich ständig, zittern und bergen seinen Schatten. Wenn ich hier bin, bleibt der Rest draußen. Und ich will dir nicht einmal von dem erzählen, was dort passiert, deswegen komme ich erst, wenn deine Unterlippe sich schon von der Oberlippe löst und deine Pupillen hinter den Lidern rasen. Ich putze mir zweimal die Zähne, um nicht zu stinken und manchmal legt sich meine Hand so auf deinen Bauch, wie sie es früher tat, manchmal erwische ich die unterste Beugung des Knochens. Für ein paar Stunden sind wir dann still. Alles, was es gibt. Jetzt liegt zwischen den Welten ein Meer, in dem schwimmen Jacken und Schuhe.

Wir haben Hand und Fuß

Wir verhalten uns, also gibt es ein Morgen. Wir lehnen uns an, rücken zusammen unter grellem Neonlicht, wir stehen im Dreieck in den Schuhen unserer Großmütter und Großväter und denken uns Namen für unsere Kinder aus. Wir stehen auf dem Balkon und rauchen ins Dunkel hinein. Manchmal verlassen wir die buntgeblümte Tapetenwand und suchen unseren Weg über Pflasterstein mit Weingläsern in der Hand, wir halten kurz inne an der Kreuzung, wir reden ein paar Worte mit dem Tankwart, denn wir rücken zusammen unter grellem Neonlicht. Wir nehmen die elektronischen Türen hin wie Jahreszeiten, wir kennen es nicht anders. Und wir sehen aus wie unsere Großmütter und Großväter, als sie so alt waren wie wir. Wir verabschieden uns am Morgen mit einem Dreieck aus Fingern, mit einem Gruß auf Flaschenetiketten. Wir kreischen nicht, wir atmen laut. Verhalten legen wir uns schlafen am Morgen.

Die Bilder entstanden auf der Vernissage von Frau Grau zu ihrer Ausstellung in den Räumen der Galerie 18er Gold.

Bucket List

Wir könnten eine Liste schreiben. Einen Zettel mit Reisezielen und Leckereien, mit Dingen, bei denen man sicherlich schreit, wenn man sie tut, mit leisen Versprechen und großen Ansprüchen, eine mit handfesten Träumen und wilden Vorhaben, eine mit Wünschen, die man nicht an einer Hand abzählen kann, weil man dafür eigentlich zwei Arme bräuchte. Wir könnten uns Menschen drauf schreiben und neue Orte, wir wären in Gedanken unglaublich weit weg oder soweit drin, dass man uns auch da nicht mehr sehen kann.

Wir könnten das Papier dann mit Tesafilm an den Schrank neben dem Schreibtisch kleben, immer mal wieder drauf gucken in dem ganzen Stress, einmal kurz seufzen und dann den Kopf wieder dahin drehen, wo die Musik spielt. Irgendwann würde es nicht mehr kleben, vielleicht würden wir umräumen und der Zettel wäre dann auf der Seite zur Wand, fiele herunter und unter den Schrank. Dort würden wir ihn erst finden, wenn wir den Schrank an zwei Ende anpacken und hochheben, weil unten der Laster und in einem anderen Stockwerk in einem anderen Haus ein neues Leben wartet. Wir würden ihn nehmen mit zerschundenen Fingern vom Schleppen, erst nur kurz draufschauen und dann doch die Faust zum Zerknüllen nicht ganz schließen.

Vielleicht säßen wir dann in einem anderen Stockwerk in einem anderen Haus in einem anderen Jahr und sähen, was wir uns wünschten damals. Was immer noch nicht in Erfüllung gegangen ist. Wofür wir immer noch nicht gekämpft haben. Von dem wir immer noch ausgingen, wir hätten genug Platz und Zeit dafür, immer später. Immer irgendwann. Vielleicht würden wir sie in den Schuhkarton legen mit den Dingen, die immer mitkommen. Wie dem einen Brief. Dem einen Foto. Dem einen Kassenzettel. Dem einen Stift. Dem einen.

“Kennt ihr euch eigentlich gut?” - “[...]“

Ich hab einfach irgendwann aufgehört mich zu wundern. Ich habe einfach immer weniger den Kopf geschüttelt, immer weniger mit früher verglichen, wir haben uns immer seltener auf diesem Hof oder freitags dort getroffen, wo die Musik lief, zu der wir tanzen konnten. Wir waren immer seltener zu zweit und ich kannte immer weniger Namen von denen, die erwähnt wurden. Plötzlich wurde von Dingen gesprochen, von denen ich keine Ahnung hatte, und von solchen, von denen ich keine Ahnung haben wollte. Es kam immer noch eine Party am Abend dazu, da hatte man aufzutauchen. Ich habe einfach irgendwann aufgehört, das auf eine Phase zu schieben, denn jetzt ist es so und wird nicht mehr anders.

Das mit der gemeinsamen Vergangenheit ist immer so eine Geschichte, da braucht man lange, bis man sie verstanden hat, sich eine Pointe gedacht, irgendwas daraus gelernt und sie dann gehen lassen kann oder irgendjemandem noch einmal erzählen, um Anekdoten zu haben, zu lächeln und dann das Thema zu wechseln. Bis es ok ist, dass man sich verloren hat, weil die Richtungen sich verändert haben und die Getränke, die man bestellt, die Menschen, die man um sich hat, um sich gut zu fühlen. Man braucht jetzt eben andere.

Aber es dauert eine Weile, bis man es drauf hat, die Kinnlade oben zu lassen, wenn man sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat und dann bei Dischdischmusik irgendwo wiedersieht und all die Phrasen hört, über die man sich früher gemeinsam lustig gemacht hat. Es dauert eine Weile, bis man da mitmacht und genau die sinnlosen Antworten fallen lässt, die nicht unhöflich sind, die Sache aber auch nicht komplizierter machen als nötig. Niemand will auf solche Fragen an solchen Abenden in einer solchen Umgebung die richtigen Antworten hören, denn dann würde einem auffallen, dass dies ein wahrhaft schlechter Ort ist, um nachzufragen, dass man sich nicht die ganze Zeit ins Ohr brüllen und dabei interessiert bleiben kann, dass es anstrengend wäre, woanders hinzugehen, um sich zu verstehen, und dass da ja auch schon wieder ein gutes Lied kommt, zu dem man tanzen muss, geh du mal. Wir sehen uns, na sicher. Wir sehen uns, von weitem. Man hat ja aufzutauchen.

Und wenn das zwischen Menschen so ist, kann man auch gehen, ohne sich zu verabschieden.

Kennt ihr euch eigentlich gut?” - “Nicht mehr.

Aussortieren.

Die meisten fallen durch. Jetzt, wenn über der eigenen Haut wieder mehrere künstliche Lagen liegen, die Hornhaut sich in den dicken Socken zurechtrückt, da ist weniger Licht und der Kopf geht auf dem Weg öfter gen Himmel und nicht mehr schattensuchend nach unten. Wir übersehen die alten Kaugummis, die Zigarettenstummel, mitunter auch einander, die Kanten im Pflaster. Aber wir kennen die Fassaden, die alten und die neuen, die mit den Narben. Die Schubladen sind wieder ein bisschen leerer, da passt noch was rein, wenn man etwas anderes rausholt. Vielleicht das mit dem sperrigen Kreuz.

Und wir könnten uns überlegen, wen wir im nächsten Sommer noch kennen wollen. Oder wem wir schon seit Jahren Weihnachtspostkarten schreiben, ohne zu wissen, wer das eigentlich mittlerweile ist. Wir müssen uns überlegen, wen wir in unser kleines Leben lassen, jetzt, wo es kalt wird, wo wir um den Schal nicht mehr drumherum kommen. Denn wir sollten die Hände jetzt nur noch aus den Taschen ziehen, wenn es sich wirklich lohnt. Wohin mit all den leeren Fragen, mit dem geheuchelten Interesse, mit dem Schweigen zwischen all den Jahren? Oder nur Minuten.

Am Wochenende fahre ich an den See und werfe dich hinein. Vielleicht sehen wir uns noch einmal, wenn es friert. Dann reibe ich dir den Schnee von den Wangen und wundere mich und erkenne dich nicht. Die meisten halten das ja nicht aus. Die kommen nicht wieder, wenn sie den ersten Zentimeter nicht überwinden können. Die gehen weg, sobald es anstrengend wird. Vielleicht erkennst du mich, ich werde eine Mütze tragen, aber ich werde dich nicht fragen, wie du heißt. Das ist egal. Ich denke nicht, dass wir uns wiedersehen sollten.

Was man nicht hat

(Bild von Martina Hoffmann)

Vielleicht sind es die beschlagenen Scheiben. Dass die äußeren eiskalt sind und die, die nach drinnen zeigen, nicht ganz so sehr. Dass sich dazwischen das Wasser sammelt, das es soweit geschafft hat. Vielleicht ist es auch, dass wir nicht vom Fleck kommen. Dass der Schnee in Berlin meistens nur Wasser ist. Wir haben ja haufenweise davon und von uns und von allem. Alles liegt überall herum, wir sehen es nur nicht, wir laufen mit offenen Augen daran vorbei, wir zwinkern nicht, wir halten nicht an, man könnte es uns als Schwäche auslegen. Man könnte es uns vorwerfen.

Wir machen die inneren auf, lassen die äußeren zu. Der Rest kommt nicht herein, es wird nur ein bisschen lauter, aber niemand sieht uns. Es ist, als hätte man immer zwei Leben, ein schwieriges und ein einfaches, und man weiß nie, in welchem von beiden man sich gerade befindet, aber man hat immer das Gefühl, es gibt immer noch eines. Immer noch eines daneben.

Gewissenhaft kauen, 30mal

Wir sitzen um einen Tisch mit riesigen Schaufeln, scharfkantig und grob. Da passt viel auf die Ladefläche, vom Griff stehen Splitter weg. Unregelmäßig, mal mehr, mal weniger. Einer hat Hornhaut, der merkt das nicht. Wir sitzen um diesen Tisch mit unseren Schaufeln auf unseren Türmen, um unsere Köpfe kleine summende Fliegen und alle bewegen die Hände vor und zurück, vor und zurück. Die Füße werden ordnungsgemäß auf den dafür vorgesehenen Stangen abgestellt, man kann noch kippeln, aber nervös auf dem Boden tappeln, das geht so nicht. Der Rücken wird ordnungsgemäß an die dafür gefertigte Lehne gelehnt, man stoße sich wie immer die Wirbelsäule an der Mittelstrebe, denn Kissen gibt es nur auf der Sitzfläche, das hält den Rücken gerade. Und wir halten unsere Schaufeln, wie man es uns beigebracht hat. In der Mitte liegt ein Berg aus Krümeln, ein paar Lichter wurden aufgestellt, damit wir uns gegenseitig beim Schaufeln beobachten können, wir feuern uns an und auf Kommando heben wir die Arme.

Hinterher tut es jedem weh dort, wo die Ohrläppchen aufhören. Als habe man zuviel gelacht, Muskelkater im Mund. Aber wir haben nicht zuviel gelacht, wir haben laut geredet und trugen die Schaufeln noch nach Plan wieder zurück ins Wasserbecken, das macht man so, das hat man uns mit kurzen Schlägen auf die Finger beigebracht als Kind. Sobald man um die Kurve isst, reckt und streckt man den Mund, pult mit dem Fingernagel die letzten Krümel zwischen den Zähnen hervor, kauft sich am Kiosk bei der Straßenbahnhaltestelle eine Flasche Wasser, spült durch und spuckt neben den Mülleimer. Mehr als das Wasser noch, mehr. Natürlich sind die Wangen rot, Gesundheit und Kälte, der Schal reibt ja auch ein bisschen, das sieht gut aus, was?! Ja, so sehen wir gut aus, so können wir die Schultern auch wieder bequem beugen, so machen wir die Fäuste auf und zu, damit es sich entspannt, so atmen wir tief ein. Seit zwei drei Stunden das erste Mal. Niemand stellt diese Zusammenkünfte in Frage, niemand sagt ein Wort, niemand hört auf, darauf zu hoffen, dass es sein könnte wie früher. Wie damals. Niemand weiß mehr, wie es war, aber alle glauben - gut.

Die Wangen so voll, dass es aus dem Mund quillt, wenn du etwas sagen möchtest. Also sagst du nichts. Niemand tut das.

But we are feathers

Sie hatten geschwiegen. Sie hatten so lange geschwiegen, dass sie angefangen hatten in Gedanken mit sich selbst zu sprechen. Kleine dumme Worte gegen die Schädeldecke, dass er trinkt, dass sie mit anderen schläft, dass er nie etwas ernst meint, dass sie ihn vergisst. Sie haben sich umgedreht, mit dem Rücken zur Wand, um die Bilder des anderen dort nicht mehr zu sehen. Den anderen ins Gesicht gelacht, laut und überschwänglich und mit so offenen Armen, dass der Rücken weh tat. Hin und wieder war ein guter Mensch dabei, einer, dem das ständige Seufzen egal war. Mit anderen sprachen sie viel, sich selbst wollten sie nichts mehr zu sagen haben. Und der Meeresspiegel stieg mit jedem Regen, mit jeder Morgendusche, mit jedem aus Unachtsamkeit verschütteten Kaffee, mit jedem von der Dachrinne fallenden Eiszapfen.

Man besann sich auf vieles. Die fallenden Blätter, die Weihnachtszeit, die neuen Knospen, den nicht kommen wollenden Sommer, man tanzte sich um Kopf und Kragen, um Zeh und Ferse, um die eigene Achse bis hin zu dem Gesicht in der Zeitung. Sie wischten sich den Schweiß aus der Stirn, irgendwann sogar wieder in der gleichen Stadt und in der einen Nacht von Montag auf Dienstag sagte er Hallo und ihren Namen. Und sie sagte Hallo und seinen Namen und dann tanzten sie weiter, die Hand zwischen dem Menschen in einer dem Gegenüber unbekannten Hand, irgendwo zwischen Röhrenjeans und Schweißbändern verhakelt. Es war so schwer nicht gewesen. Und am Morgen nahm sie mit Bieratem und Schweißhänden die zusammengefalteten Worte aus der Schachtel im Schrank. Und er schloß die alte Festplatte zum ersten Mal seit langem wieder an den Rechner. Es ging ganz leicht und man brauchte keine Stimme dafür, keinen Laut.


Zum zweiten Mal nach dem kilometerlangen Schweigen blieben die Blätter nun an den Fassaden hängen, ließen sich in die Lücken der Motorhauben wehen, klebten in den Lüftungsschächten der Keller. Emma hat die Schachtel ins Regal gestellt, ein zwei Dinge wieder glattgestrichen, Luft hineingelassen, sich gefreut. Und Jonas hat die Bilder kopiert, in den Photoladen geschickt und ausdrucken lassen, nicht bis zuhause gewartet, um sie anzuschauen. Niemand brauchte den anderen anrufen, die Zeit war gut, um sich wiederzusehen, und sie, wie man sie nannte, genau die richtige. Die mit den Übergängen von warm zu kalt, von Nackenhaar zu Wollfussel. Die zwischen Euphorie und Melancholie, Reste der letzten Monate, Erinnerungen der Jahre zuvor und Pläne auf Papier für all das, was kommt. Es war die richtige Zeit, um zu beschließen, sich nicht zu vergessen. Den Stolz abzulegen, der sie daran gehindert hatte, sich immer noch etwas zu bedeuten.