
Man diskutiert schon wieder und gibt unserer Generation neue Namen. Wir haben das ja selbst auch versucht, wir haben aufgeschrieben und gesammelt, ausgelotet und irgendwie gibt es ja immer Platz für einen Klebezettel mit noch einem Namen drauf. Die hängen wir los dran, die tackern wir uns nicht an den Hintern. Manchmal fallen ein paar ab, dann wird Platz frei und irgendjemand klebt neue drauf. Eigentlich ist es auch ganz nett. Man spricht uns die tollsten Fähigkeiten zu, man hat Kataloge vollgeschrieben mit unseren Möglichkeiten und trotzdem bleibt das nie so ausgesprochen, ohne dass ein Seufzer folgt.
Ja! Wir haben Angst vor dem Ja-Wort. Wir benutzen es oft und setzen auch gerne Schritte auf von uns bisher unberührte Schneeflächen, aber nicht ohne uns mit einer Hand am Geländer festzuhalten. Nicht ohne uns noch einmal umzusehen. Nicht ohne zu gucken, wo das andere Ufer ist. Nicht ohne zu gucken, ob die Batterien aufgeladen sind. Nicht einfach so und ohne die Möglichkeit umzudrehen. Wir haben diese Notausgangsschilder nicht nur im Zimmer hängen, nein, wir haben sie lieben gelernt. Und in der Hosentasche das Portemonaie mit den Visitenkarten, das Handy mit den Nummern, den Kalender mit den Bekundungen, das Zuhause mit den Dateien. Wir klammern uns rigoros an kleine feine Daten und radieren gleichzeitig die Nummern raus, denn an Nummern zählt man ab und Finger hat man nur zehn und was macht man dann bei elf? (Das ist uns unheimlich.)
Wir kennen all die Ängste. Wir kennen auch die Praxen der Therapeuten. Wir kennen die Abbrüche und Neuanfänge, aber wir tun so, als gehöre das dazu, als sei das nichts wildes, als würden wir es nicht anders kennen, ständig und immer wieder die Richtung zu wechseln und auch noch stolz darauf zu sein. Und doch ist das keine Entschuldigung. Denn eigentlich war es ja doch nie leichter als jetzt, konsequent zu sein. Geradlinig. Sicher.
Aber all der Mut, den wir angeblich haben, all der Elan und rausgebrüllte Unabhängigkeit, all das fließt in diese beschissenen Nebensächlichkeiten, in das Tuning der Ausstattung unserer Identitäten anstatt einfach mal in die Sache selbst. Denn die wenigsten von uns benutzen ihren Mut im Alltag. Die meisten rennen damit weg. Und treffen Entscheidung nach Entscheidung holterdipolter ohne über die einzelne wirklich einmal nachzudenken. Man kann ja immer wieder zurück. Das glauben wir zumindest. Und halten das kleine Zettelchen mit den Fakten eingepackt in der Faust. Das wollen wir alles, das das das und nicht weniger. Hin und wieder lassen wir uns diese Randbedingungen sogar tätowieren. Man weiß ja nie. Aber man soll ja immer wissen, was man will.
Liz hat es verfasst, und zwar am 28. Februar 2007 um genau 17:26
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Es schneit, es schmilzt, es kann sich nicht so richtig entscheiden und die Wärme kommt dabei zu kurz. Also laufen wir alle mit kalten Händen umher, wir müssen aufpassen, dass wir unsere Ringe nicht verlieren und haben rote, taube Ohren. Die Stadt verschluckt sich selbst, die Geräusche überschlagen sich im Bauch, während draußen ja auch schon seit Monaten gebaut und nichts, aber auch nichts fertig wird. Stricken konnten wir noch nie, unsere Mütter haben keine Zeit dafür, also setzen wir Kapuzen statt Mützen auf, stecken die Hände in die Hosentaschen anstatt sie uns in kleinen Wollbeuteln an Schnüren zu wärmen und machen uns auf dem Weg dahin, wo man sich auf unsere kurzlebige Art und Weise rote Wangen verschafft. Wir können uns nicht entscheiden, deswegen nehmen wir alles mit und gucken hinterher und meistens auch zu spät, ob das so funktioniert. Wenn das Klatschen heute abend nicht reicht, die Pose nicht cool genug ist, die Haare nicht in Form und der Körper zu steif, können wir immer noch rausgehen und uns in die Hände hauchen, die Zigaretten anzünden und den Taxifahrer bitten, doch keine dummen Fragen zu stellen. Und in der stillen Nacht könnten wir uns dann reinreden, dass Ringe eh völlig überbewertet sind.
Liz hat es verfasst, und zwar am 9. Februar 2007 um genau 15:24
Kategorie : Wir | 5 Kommentare
Da tut einer jemand anderem weh, behandelt ihn wie Müll und lässt ihn dann fallen. Und der Gefallene schaut es sich ab, vielleicht unfreiwillig, aber aus menschlicher Angst heraus, eventuell wieder auf die geschundenen Knie fallen zu können. Oder gefallen zu werden. So schubst er den nächsten und der tut es fortan auch nur noch so. Aus Vorsicht und mit dem Vorsatz, sich nie wieder irgendwo auch nur ansatzweise fallenzulassen. Jedenfalls nicht dort, wo man hart aufschlagen könnte. Und so fallen sie und übereinander her und tun sich weh nacheinander, einer tritt den nächsten. Bis der Schlag durch Zufall wieder bei demjenigen ankommt, der mit dieser Scheiße überhaupt erst angefangen hat.
Liz hat es verfasst, und zwar am 7. Februar 2007 um genau 13:49
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Ich frage mich, wieviele Leute Schmerzen haben, von denen sie nicht sprechen bzw. die man ihnen nicht ansieht. Ja, die Deutschen seien ein jammeriges Volk, man hört es immer und immer wieder. Alle würden zum Arzt rennen, das sei zwar mit der Praxisgebühr etwas abgeflaut, aber trotzdem sei man ja hocherfreut, dass bald die Discounter Apotheken kämen und man sich für jedes Wehwehchen etwas kaufen könne. Und sie beschweren sich dazu ja auch noch gern. Sagt man.
Ich saß heute also in der Bahn und mich überfiel ein plötzlicher, fieser Magenschmerz, sodass ich dachte, ich müsse eigentlich aussteigen, mich auf dem Boden wälzen und laut aufschreien. Stattdessen atmete ich tief ein, redete mir in Gedanken ruhig zu und warf einen kurzen Blick in die Scheibe. Zu meiner Überraschung schaffte ich es ganz gut, meine Gesichtszüge im Zaum zu halten. Und dass ich blass sei, sagt man mir auch alle zwei Tage, das ist also nichts neues, das gehört dazu.
Ich fuhr in Richtung Zielort, murmelte in Gedanken Entspannungsmantras und zählte die Stationen wie Schweißperlen. Aber ich hielt mich gut. Am Ziel angekommen begannen die eingeworfenen Tabletten ihre Wirkung zu entfalten, ich entspannte mich. Und als ich auf dem Rückweg über die Symptome dieses Virus nachdachte, von denen meine Mittagessensverabredung natürlich sofort sprach, fragte ich mich gleichzeitig, wievielen Leuten gerade wohl etwas weh tut. Und wieviele davon versuchen, das krampfhaft zu verbergen und zu kaschieren. Wieviele davon sich gerade auf die Lippe beißen, die Hände in den Stoff ihres Mantels krallen und die Sekunden zählen. Wieviele gehen abends ins Bett und hoffen einfach, dass es am nächsten Tag besser ist? Wieviele kaufen still und leise irgendwelche Tabletten, weil sie Diagnosen nicht ertragen? Vor allem aber: Wieviele haben Leute um sich herum, die trotzdem spüren, dass etwas nicht stimmt?
Als Antwort auf die letzte Frage kann ich mit einem wohligen Gefühl sagen: “Mindestens eine. Ich.”
Liz hat es verfasst, und zwar am 31. Januar 2007 um genau 22:18
Kategorie : Blicke, Wir | 3 Kommentare

Wir waren Kinder, die in den 90ern lebten. In den 80ern kamen wir zwar auf die Welt, aber wie das nun einmal so ist, braucht man eben ein bisschen, um sich einzuleben und dran zu gewöhnen, bevor man damit beginnen kann, es zu genießen. Als wir also anfingen, bewusster zu leben, kamen wir gerade in die Schule. Die Wende saß uns in den Knochen, wir waren alle noch ein bisschen wackelig und die Schulbücher kamen aus dem Westen, die Lehrer aber weiterhin aus dem Osten. Während der Unterricht eine Gratwanderung war, aber nicht ganz so schlimm wie die harten Liegen im Ostkindergarten, brauchten wir das pralle Leben, um uns abzulenken. Also saßen wir Jeans-Imitat-Leggins herum, kauten an unseren Perlenketten aus Zucker, kletteten unsere Klettverschlussschuhe auf und zu und tauschten Sticker hin und her, bis sie nicht mehr klebten.
Wir kauten auch die kleinen Kügelchen Kaugummis aus den roten Automaten mit weit aufgerissenem Mund, schlugen uns die Knie auf und passten auf, dass die Schnüre nicht rissen, an denen uns die Brotdosen um den Hals baumelten. Hatten wir kein Kleingeld für die Kaugummiautomaten kauften wir den Suchtstoff in der Stange und drückten Kugel für Kugel aus dem Plastik, das danach Plastikhalbkugel für Plastikhalbkugel eingedrückt wurde. Waren die aus, kauften wir Batman- oder Knightrider-Kaugummis und beklebten unsere Arme mit den darin enthaltenen „Tattoos“. Anlecken, draufkleben, warten, abziehen, fertig. Twix hieß nicht mehr Raider, aber Schnuller hießen immer Schnuller. Also gaben wir den Rest vom Taschengeld für kleine Plastiknuckel aus, die dann neonfarben an Ketten neben unseren Brotdosen um unseren Hals baumelten. Buntes Plastik bedeute uns alles. Badeanzüge und Radlerhosen waren neonfarbig gescheckt und trugen als absolutes Highlight schwarze Sterne. Yps oder Micky Maus hatten regelmäßig diese Schnalz-Armbänder, die man jetzt noch hin und wieder an den Hosenbeinen von Fahrradfahrenden Herrschaften sieht, in passenden Farben als Gimmick dabei. Die dazugehörigen Micky- und Mini-Maus-T-Shirts waren überdimensional groß, die Hosen megaeng. In die Taschen unserer Alternativ-Latzhosen stopften wir Unmengen an kleinen, braunen Plastiktrolls mit neonfarbenen Haaren, die es wie die Schnuller in allen Größen und Farben an jeder Ecke, in jedem Schreibwarenladen und auch in jedem Kaugummiautomaten gab. Wir drehten uns also die Finger wund.
Schreibwarengeschäfte besaßen in meiner Kindheit eine völlig andere Bedeutung. Nach der Schule gingen wir dorthin und kauften saure Schlangen. Wir schauten und bestaunten die durchsichtigen Plastikdosen mit den großen Deckeln, die jeglichen Kleinscheiß und vor allem aber auch Schlümpfe beherbergten. Die wollten wir nicht sammeln, wir sammelten ja schon Trolls und Schnuller und Sticker und Überraschungseierfiguren, die Schlümpfe aber wollten wir nur essen und uns in großen Mengen in den Mund stopfen. Farbe, vor allem unnatürliche Farbe, machte uns total an. Ob grüne oder pinkfarbene Strähnen, die Zunge verfärbende Lutscher von Chupa Chups oder Brausepulver, Haarreifen oder Schnürsenkel. Hauptsache grell, Hauptsache bunt. Von Handies und Internet hatten wir keine Ahnung, unsere Klingeltöne waren essbar und sahen gut aus.
In Sachen Identifikation verließen wir uns ganz auf unsere kleinen Helden. Die Zeiger der FlikFlakUhren, die immer weitermachten, egal, was auch passierte. Die abendliche Geschichte von Bibi Blocksberg oder Benjamin Blümchen oder das samtige Gefühl der Stoffaufkleber unter unseren Fingern. All das lag unter dem Bett, all das war immer da, wenn wir mal das Gefühl hatten, die Welt gerate ins Wanken. Wir waren 90er-Kinder. Wir hatten den Schirm unserer Plastiktenniskäppis tief in die Stirn gezogen. Wir trotzten dem Grau der Realität. Unsere Sandalen mit Stretchband und Gummisohle federten uns ab bei unseren Sprüngen durch die Welt. Wir rissen keine Steine aus dem Sand, aber wir trugen lila Chucks mit der vollsten Überzeugung, obwohl wir schon ein bisschen neidisch waren auf die, deren Sohle hinten rot blinkte, wenn sie mal fest auftraten. Wir waren im Osten geboren, wir wuchsen in den Westen und schwammen strampelnd und sabbernd durch die herrlich bunte Konsumwelt, bis uns die Neonsterne zu den Ohren rauskamen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 30. Januar 2007 um genau 23:14
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Lisa: “Franky, nicht durchhängen!”
Frank: “Ich überleg grad, was wir gemacht haben…”
Lisa: “Wir sind hingelaufen. Ewig. Durch den Schnee. Ohne Papierkörbe und Plan. Dann waren wir da, alles war blau, die Türsteher haben uns reingeworfen, dann standen da Autos im Weg und die kleine Frau hat das Bändchen viel zu lose an meinen Arm gebunden…”
Lisa geht in die Küche und guckt nach den Nudeln. Frank schreib nix und die beiden Essen Nudeln mit Brokkoli.
Lisa: “…dann sind wir durch´s Kraftwerk geirrt. Auf der Bühne in der Mitte spielte eine irre Band mit irren Tänzerinnen. Es gab kein Bier umsonst, alle sahen unglaublich overdressed und total wichtig aus. Die Klamotten waren nicht schön, das Licht ein bisschen cool und wir ein bisschen fehl am Platz. Dann sind wir mit der Bahn nach Hause gefahren. In der Straßenbahn standen uns ein älterer und ein jüngerer Suffi gegenüber. Deren Konversation ging ungefähr so…”
Frank: “Es fing alles damit an, dass Thomas ein cooler Typ war. Dann hat der Jüngere leider sein Handy verloren und konnte ihn nicht mehr anrufen. Anscheinend haben sie sich früher im Steinkeller getroffen und dann hat er nicht nur sein Handy, sondern die beiden haben auch noch den Steinkeller verloren. Damit war das Thema Thomas durch, glaub ich. Sein Problem war nur, er hatte dunkle Haut. Und seine Frau wollte ihn hier rauskriegen, damit er aus den Kreisen rauskommt und seine Freunde nicht mehr sieht. Seine Frau hat ihn gezwungen nach München zu gehen. Dann war er irgendwann wieder in Berlin. Eigentlich konnte sich keiner von beiden mehr erinnern, aber dann ging es plötzlich um den größten Zocker von Mitte. “Zitze?” - “Ey ja, Zitze!”….”
Lisa und Frank essen ihre Nudeln auf und wippen mit den Köpfen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 26. Januar 2007 um genau 23:47
Kategorie : Berlin, Wir | 0 Kommentare

Es war noch kalt. Wir wussten zwar schon, wie sich die Sonne anfühlt, aber nur ganz zaghaft und nur tagsüber und deswegen blieb in den Nächten noch nichts davon übrig. Das sogen sie am Tag alle ein und dann, wenn es dunkel wurde, gingen sie in ihre Betten und warteten auf den nächsten Tag und darauf, dass sie die Mütze weglassen konnten am Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Es war nachts also wirklich noch kalt in der Nacht und wir tranken, damit uns wärmer wurde und wir lehnten die Schultern gegeneinander und wussten nicht so ganz, wo wir hinsollten und wo wir eigentlich waren und ob das alles so richtig war. Wir tranken noch mehr, weil wir dachten, dass das helfen könnte. Und ja, wir glaubten noch an Wunder.
Ich entschied mich und ging wieder. Und ich hatte nur diesen grauen, viel zu großen Kapuzenpullover an und meine Socken waren am nächsten Nachmittag noch nass von dem Regen der letzten Nacht. Ich trug diesen Pullover und zog mir die Kapuze tief ins Gesicht. Und setzte einen Fuß vor den anderen und es regnete und ich übersah Pfützen. Und wie immer in solchen Momenten fielen mir nur The Notwist ein. Natürlich erschrak ich, als mich dann morgens um vier bei der Tankstelle am Friedrichshain ein Tourist mit Stadtplan nach dem Weg fragte. Ich wies ihm die Richtung mit der Hand, reden ist meistens zuviel verlangt. Mir war nicht kalt, ich musste mich nur die ganze Zeit darauf konzentrieren wach zu bleiben. Und natürlich wolltest du eine Erklärung und natürlich hatte ich eine Erklärung und natürlich kanntest du diese auch schon, aber man will die Dinge ja meistens hören, weil man hofft, sich zu irren. Und ich stieg aus der Bahn, weil das Licht viel zu grell und die Luft viel zu schlecht war und konnte dir nichts sagen, nicht einmal schreiben. Das war alles in Fetzen, in Stücken, Bruchteile von Zeiten und Momenten, von denen ich das Gefühl hatte, sie nicht zusammenbringen zu können. Du hast dich aufgeregt und dich gesorgt und dann wieder getrunken, um nicht daran zu denken. Am Morgen war ich froh, meine Tasche nicht verloren zu haben. Und übersah den ganzen Rest. Das mit dem Frühling dauerte noch eine ganze Weile. Und ich ging nicht mehr an all diese Orte, von denen ich wusste, dass du sie magst.
Als es dann wärmer wurde und wir die Sonne verfluchten, vor allem mittags, haben wir uns wiedergesehen. In der Nacht, als sich alle ein bisschen beruhigten, als man auch mal dazu kam, nicht zu schwitzen. Ich erkannte dich an deinem Geruch, der hinter mir vorbeizog und drehte mich um und du hattest den Pullover über der Schulter. Du musst ihn dir noch einmal gekauft haben. Wir tranken etwas und unsere Schultern erkannten sich wieder und diese ganzen ungesagten Sachen waren egal, denn wir wussten, wo wir waren. Und wo wir hinsollten. Und wir tranken noch mehr, weil wir wussten, uns kann niemand helfen. Wir glaubten nicht mehr an Wunder. Aber wir entschieden uns richtig. Und hatten nun beide den gleichen Pullover.
Liz hat es verfasst, und zwar am 21. Januar 2007 um genau 1:25
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Die roten Wimpel am Ende der Markise über unseren Köpfen flattertem im Wind. Es pfiff und die Stadt rauschte, auf der Straße fuhren unaufhörlich Autos vorbei, meine Knie lagen in der Sonne und wenn es noch ein bisschen wärmer gewesen wäre, hätte fast Sommer sein können. Während ich mich fragte, warum wir nicht bei all den anderen oder bei oder bei mir waren, lärmte es aus den Fenstern der umliegenden Häuser. Das war kein Tor gewesen, aber vielleicht kurz davor. Plötzlich hast du mich angesehen und gesagt:
„Pass auf. Es gibt so viele Sachen, von denen ich weiß, dass sie großartig wären mit dir zusammen. Zum Beispiel mit dem Auto nach Italien zu fahren oder ans Meer, fernzusehen und sich zu betrinken, mit dir tanzen zu gehen oder einfach nur im Wald spazieren, zu kochen, rumzuliegen, zu flüstern oder zu schlafen. Und wenn ich jetzt mit dir allein fernsehen würde, dann wäre das der Anfang von alledem und ich kenne mich, ich würde sofort all die anderen Dinge auch noch mit dir tun wollen. Und es würde anfangen, mich zu verwirren und mich unsicher zu machen. Und weißt du, man kann auch nicht einfach nur fernsehen, das ist ja gerade. Man kann dabei nicht in zwei verschiedenen Ecken sitzen. Oder wir können das nicht. Du müsstest dabei in meinem Arm liegen. Du müsstest den Kopf auf meiner Brust haben. Ich müsste deinen Atem hören und du meinen. Und wenn ich lache, müsste dir das Bild verwackeln und wenn du lachst, würde ich mich freuen. Und wenn du Durst hast, würde ich etwas zu trinken holen sofort und du müsstest mir danach erklären, was passiert ist und du dürftest dir dabei nicht die Namen der Spieler merken, nur die Nummern und du würdest etwas verwechseln und ich würde wieder lachen und dir würde das Bild verwackeln. Und deswegen würde ich dann auch sofort an all die anderen Sachen denken, die ich mit dir machen wollen würde, denn es wäre bestimmt großartig mit dir fernzusehen und die anderen Dinge wären wahrscheinlich noch viel großartiger und deswegen kann ich nicht einfach mit dir fernsehen jetzt, denn das wäre ein Anfang. Ich kenne mich. Und ich würde damit beginnen, mich emotional hysterisch zu verhalten und würde dir furchtbar auf die Nerven gehen und wir könnten nicht mehr ruhig schlafen und die anderen würden nicht mehr ruhig schlafen und ruhig schlafen ist wichtig und deswegen kann ich einfach nicht mit dir fernsehen“.
Du hast dir mit der Hand über den Bart, über das Kinn, über die Schläfen gestrichen und einen Schluck Wasser aus dem Glas getrunken. Ich schaute auf die roten Wimpel, ich konnte dich nicht ansehen in dem Moment, alles flatterte und du sagstest:
„Weißt du jetzt, warum wir uns weiterhin in Cafés treffen müssen? Weil wir uns noch in ein paar Jahren so nah sein werden und das will ich behalten und es nicht versauen. Weil es doch gut ist, dass es so etwas gibt und dass man die Möglichkeit hat das zu behalten. Auch die Aufregung, meine ich. Denn das ist ja immer alles furchtbar aufregend, wenn wir uns treffen. Und das will ich nicht verlieren. Genau deswegen müssen hier Leute um uns rum sein. Damit ich nicht damit beginne, Sachen zu tun, die mich verwirren würden. Es ist also gut, dass man uns zuhört, dass man uns beobachtet und wir nicht einfach spazieren gehen dort, wo keine Leute sind.“
Die roten Wimpel am Ende der Markise beruhigten sich für einen Moment. Der Kellner brachte uns den Kaffee und ich traute mich kaum zu atmen. Was sagt man jemandem, der gerade erst selbst soviel gesagt hat? Du spieltest an deiner Uhr herum, nahmst wieder einen Schluck, verbranntest dir die Lippen. Der Kellner wischte den Tisch nebenan ab und ich wusste gar nicht, was ich tun sollte, ich wollte trotzdem noch mit dir Fußball schauen. Der Wind zerzauste uns das Haar. Es war der heißeste Sommer seit langem.
Liz hat es verfasst, und zwar am 12. Januar 2007 um genau 17:56
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Wenn du zu Meer wirst, weil das Meer nicht zu dir kommt. Wenn du dich auflöst und die Konturen verwischen und das Rauschen in deinem Kopf zu einem Laut wirst, den du nicht mehr wahrnimmst. Weil man das eigene Atmen auch nicht mehr wahrnimmt bis zu dem Punkt, an dem man Schnupfen bekommt. Wenn du rennst und rennst und läufst und noch ein Stück weiter, damit es wie Salz schmeckt. Wenn du dich anstrengst und vorantreibst, damit es aussieht wie Fahrtwind und Brise. Und wenn es dir auf die Füße tropft und du erschrickst, weil man ja doch nicht rechnet damit, wenn man träumt, aufzuwachen. Wenn du die Leinen losmachst und ganz erschüttert bist von dem Schaukeln und dass man nicht einfach so wieder zurückpaddeln kann. Das geht schneller, als man denkt, ich hab es dir gesagt. Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, sag nicht. Nichts. Damit du hörst, wenn sich was in der Tiefe regt. Du darfst nicht aufhören zu lauschen, nicht.
Wenn du zu Meer wirst, weil das Meer nicht zu dir kommt. Pass auf, wohin die Blasen gehen, wohin.
Liz hat es verfasst, und zwar am 8. Januar 2007 um genau 22:52
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In Wintern kann man gut davon schreiben, wie man mit dem Auto irgendwo hinfährt, um nicht dort sein zu müssen, wo man herkommt. Im Winter beschlagen die Scheiben, diese Metaphern gehen fast immer. Und meistens legt sich auch Nebel über die Felder, die dann an dir vorbeirasen und du kannst nicht halten und dich hineinstellen und verschlucken lassen, du kannst du kurz schauen und dann kommt auch schon das nächste Waldstück, die nächste Ausfahrt und die Menschen haben einen anderen Dialekt. Wenn es kalt ist, sind die Geschichten aus den Städten meist romantisch, weil kalte Hände immer gehen, weil die Lichter früher angezündet werden und das Dunkel schneller kommt. Weil es immer noch ein bisschen grausamer ist, wenn man in der Kälte wartet, als wenn einem der Schweiß von der Stirn läuft. Da kann man dann von einem Bein auf´s andere wanken, man kann sich in die Handschuhhände hauchen und die kurze Wärme erst dann bemerken, wenn sie schon fast wieder weg ist.
In einer Wintergeschichte haben wir uns in der Mitte dieses pompösen Platzes getroffen. An den Feiertagen wuseln Hunderte mit Sonnenbrillen und Fotoapparaten da herum und der Rasen ist so grün, dass er nicht mehr grüner werden kann und alle halten sich die Hände vor die Gesichter, weil das Licht so gleißend ist. Wir sind ins Auto gestiegen, der Nebel hatte sich schon verzogen und sind in diesen kleinen Ort gefahren, in dem jedes zweite Haus zu verkaufen ist, in dem nur alte Leute durch die Gassen schlendern und schuckeln, die sich eingehakt haben. Und wir liefen einfach nur nebeneinander her und sagten nichts, uns beiden war kalt, ich hab das gesehen. Als wir am Ufer dieses kleinen Sees standen, umarmte ein paar Meter weiter ein Kind einen Baum und ein paar Wollfäden seiner Mütze blieben in der rauhen Rinde hängen und nach einer kurzen innigen Umarmung schrie und zeterte es, es wütete und stampfte und heulte am Ende. So schnell kann das gehen, halt dich nicht fest. Halt mich fest, halt mich fest.

Die Spitzen unserer Schuhe waren nass, als es zu dämmern begann. Der Nebel kam zurück, wir waren die ganze Zeit gelaufen, die Straßen blieben leer und die Geschäfte geschlossen. Ich habe aufgehört, meinen Füßen nachzufühlen. Ich habe aufgehört dich anzusehen. Wir haben uns ein paar Witze erzählt; die an die wir uns noch erinnern konnten, waren nicht die besten. Aber wir haben gelacht. Aus Höflichkeit und weil wir es nicht besser wussten. Du wolltest noch in die Kirche, nur für einen Moment. Und mir war ganz seltsam zumute dabei, ich habe dich noch nie auf so einer Holzbank sitzen sehen, dein Kopf war so selten gesenkt und dann immer nur, wenn er nach einer langen Nacht auf meinem Bauch lag, als das Haar dir strähnig ins Gesicht fiel; du hast schwer geatmet. Ich horchte, ich lauschte, aber hörte kein Geräusch von dir. Die Augen geschlossen, die Hände am Rande der Holzbank, alles in dir ruhte, du ruhtest in allem und ich wollte gehen. Beim Hinausgehen erwischte ich den Stapel Notenblätter, der auf einem kleinen Tisch neben der Tür lag zusammen mit ein paar Bibeln und Gesangsbüchern. Eins flog mir hinterher bis vor die Tür und nach einer halben Stunde, die ich da draußen wartete auf der Treppe im Eingang eines kleinen Hauses, lag es immer noch da und bist fast drauf getreten. Die Handschuhe ragten die aus den Jackentaschen, “Komm, wir gehen” sagtest du, während der Zettel von dir sorgfältig zusammengefaltet und in die Hosentasche gesteckt wurde.
Du hast den Arm um mich gelegt, bis wir wieder beim Auto waren. Wir fuhren langsam über die kleinen Landstraßen, durch die kleinen Dörfer, die so dunkel dalagen, dass man sich fragte, ob es da überhaupt Menschen gibt. Erst als wir wieder auf der Autobahn waren, hast du gesagt: “Mach dir keine Sorgen. Das muss so sein. Das wird immer so sein, dass wir nicht wissen, was wir sagen sollen. Das sind die Menschen, die man nicht vergisst, bei denen man nervös ist. Bei denen man solche Angst hat, dass es schiefgeht, dass es schiefgehen muss. Weil man bei jeder Geste überlegt. Weil man immer denkt, man könnte dem anderen zuviel, zuwenig oder vielleicht auch genug sein. Aber weil man immer denkt und fühlt gleichzeitig, funktioniert das nicht. Das sind die Menschen, an die man sich erinnert, die man nicht loslassen kann. Und die einen nicht gehen lassen.”
Jetzt ein Jahr später haben wir uns getroffen in der großen Stadt im Gewusel des Weihnachtstamtams, wir haben es gemacht, wie sie es alle tun, uns auf Brücken gestellt, uns in Ecken verzogen und die Lichter in den Augen des anderen spiegeln sehen und gedacht, dass das in Filmen bestimmt gut kommt, wenn man das in Nahaufnahme zeigt. Und dann sind wir in die Zionskirche gegangen und du bist durch den kleinen Gang an der Seite hoch zur Orgel geklettert. Ich habe mich hingesetzt, da war sonst niemand. Und dann hast du gespielt, es klang wie ausgeschnitten und lag schwer auf meinen Schultern. Mir lief ein Schauer über den Rücken, als es plötzlich vorbei war. Von oben flog ein Notenblatt hinunter und landete ein paar Reihen vor mir. Im Flug sah man, jemand hatte es sorgfältig gefaltet.
Ich weiß nicht, wie lange ich da noch saß. Es war immer noch dunkel draußen, aber die Straßen viel leerer. Den Zettel habe ich zwischen den Holzbänken vergessen, irgendwie war es auch egal. Ich dachte immer, du behältst sowas ja auch nicht.
Liz hat es verfasst, und zwar am 27. Dezember 2006 um genau 14:54
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