Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Opa sagt...

Irgendwann. Später dann.

Memories

Wie das ist, wenn man älter wird. Ich meine nicht: Erwachsen. Ich meine: Älter. Alt. Wenn man merkt, dass man nicht mehr kann, wie man will. Dass man nicht will, wie man noch oder wieder oder geradeso kann. Ich frage mich, wie das ist, wenn man älter wird. Und ob es wirklich stimmt, dass einem der Boden unter den Füßen ein bisschen nach hinten ins Früher wegrutscht. Ob die Vergangenheit einen so großen Stellenwert bekommt, weil sie dann größer ist als das, was vor einem liegt. Oder weil man soviel erlebt hat, dass man irgendwann voll ist, um noch Neues hinein zu lassen, dass man sich so sehr von dem umgeben ist, was war, dass das, was ist, keinen Platz mehr hat, weil man sonst platzen würde. Ist es so, dass die Beschwerlichkeit das Problem ist? Die körperliche Grenze? Oder womit hat es zu tun, dass ich manchmal vor ihm sitze und etwas erzähle, dass mit hier und jetzt und ein bisschen mit morgen und vielleicht ein noch kleineres bisschen mit gestern zu tun hat und er schaut einfach zur Seite, irgendwohin auf die Straße, die Fassade des Hauses gegenüber, den Menschen ins Gesicht und eigentlich hindurch? Dass ich erzähle und er hinhört und nickt und murmelt und mir aber nicht in die Augen sieht dabei? Ist es Angst, nicht mithalten zu können? Hat er sich abgefunden damit, dass er manches nicht versteht? Ist es, dass die Neugier auf neue Dinge kleiner wird, wenn man alt ist? Und wo geht sie hin, die Neugier, was wird aus ihr, wenn sie nicht mehr neu und Gier ist, ist sie dann ab und gefunden?

Manchmal hört er etwas, einen Fetzen, irgendein Wort, das ihn erinnert. Das ihn sich auf dem Boden umdrehen und viele Jahre zurück marschieren lässt, da ist er dann, da blüht er auf, da redet er dann so laut, dass Menschen auf der Straße sich umdrehen und schauen, weil sie nicht wissen, dass er gerade nicht hier auf dieser Straße steht sondern auf einem Berg in den Alpen oder einer Leipziger Wohnung oder den Berliner Wasserbetrieben. Man braucht dann nichts sagen, weil man gänzlich verschwindet, das ist wie im Kino, weil man sitzt und isst und die Lautstärke nicht regulieren kann und sonst nichts zählt, weil er einfach erzählt und erzählt und nicht wartet. Und wenn es vorbei ist, wird er wieder ruhig und tut die Dinge, um die man ihn bittet, und freut sich darüber und fährt dann irgendwann wieder raus an den See, weil ihm die Stadt zu schnell ist, zu dreckig, zu laut, weil er die Wohnung hier trotzdem nie aufgeben wird. Er fährt dann wieder raus zum See und klettert auf Bäume und holt sich dann einen Hexenschuss und sagt immer, dass er nichts braucht. Er braucht nichts. Ich glaube ihm das nicht.

Ich könnte ihn nicht fragen, wie das ist, wenn man älter wird. Ich könnte ihn fragen und könnte warten und stehen und er würde sagen: Naja. Früher sei der Hexenschuss schlimmer gewesen, das gehöre nun eben dazu. So gehe es den meisten älteren Leuten. Und ich glaube ihm nicht. Das kann es doch nicht sein, dieser Rücken, das wäre zu einfach.

Opa schreibt eine SMS

“IST DER OPA NICHT BEIM ENKEL, HAT SEIN LEBEN KEINEN HENKEL. BEIM OKTOBERFEST DIE MASS MACHT OHNE HENKEL AUCH KEIN SPASS!”

Egon Krenz und der nackte Hintern

September. Regen. Sonntagnachmittag. Prenzlauer Berg. Zionskirchplatz. Opa und ich.

Du kennst doch noch den Herrn Koch, mit dem ich zusammengearbeitet habe. Er und ich waren einmal am Liebnitzsee nackt baden, dort wo es so steil ins Wasser geht. Nachdem wir eine Weile geschwommen waren und noch nass am Ufer standen, sah ich zwei Männer auf uns zu joggen. Joggen ist ja ziemlich zeitlos, das hat man damals auch schon gemacht. Ich sah genau hin und meinte zu Herrn Koch: “Schau mal, schau mal, der Egon Krenz!”, während wir da noch splitternackt herumstanden. Naja und da kam er schon auf uns zu und sagte uns höflich Guten Tag. Als Erster, stell dir das mal vor! Naja, und so kam es, dass Egon Krenz meinen nackten Hintern sah. Wie ich jetzt darauf gekommen bin, weiß ich auch nicht mehr… Willst du noch was trinken?

http://www.mevme.com/lizblog

(Dies ist der Beginn einer neuen Serie. Der ersten Serie hier. Und doch war dies schon länger geplant. Das heutige Frühstück gab den Ausschlag zum Start. An Sonntagen darf man ruhig mal anfangen. Und mein Opa erzählt ziemlich viel. Nur zum Aufschreiben ist er zu faul.)

Winter, Winter. Jetzt beginnt er.

Und aus dem Briefkasten fällt mir ein Stück Familiengeschichte entgegen. Der Großvater ist wieder auf dem kleinen Berg, um den die Seen liegen. Von dem aus man ins Tal und auf den Nebel am Morgen sehen und sich zu Hause fühlen kann. Dort hat er seine Gemüsemanufaktur, dort holt er Luft. Dort steht die schwarze Simson im Schuppen und im Garten das alte graue Pferd.

“ALLES NUR FASSADE? Das wüßten wir schon lange gern, was die Leute gegen Fassaden haben, und gegen schöne zumal. Gewiß, jeder hat es gern, bei Häusern wie bei Menschen, wenn sich hinter einer attraktiven Außenseite auch ein angenehmes Inneres verbirgt. Andererseits, wenn innen nicht so viel los ist - warum soll man sich dann nicht wenigstens an einer schönen Fassade erfreuen dürfen? Alle Welt redet über den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses; aber interessiert sich außerhalb weltfremder Spezialistenkreise jemand dafür, wie das Ding von innen ausgesehen haben könnte? Wir in Bayern sind da schon weiter:
Als das Bamberger Böttingerhaus vor hundert Jahren von der Spitzhacke bedroht wurde, löste ein Menschen namens Rank dessen barocke Fassade kurzerhand ab, schaffte sie nach München, stellte einen steinernen Würfel an den Nordrand des Luitpoldparks und klebte dem sein Stück Beutekunst so perfekt an, dass das Resultat mittlerweile ohne weiteres als einheimisches Barockjuwel durchgeht. Da stand es nun, dank Rank: Das Bamberger Haus….”

(Adrian Seidelbast, “Bamberger Haus”)

Nirgends gibt´s soviele Ranks wie dort. Mein Großvater ging dort auch mal zur Schule. Und in Gedanken seh ich schon D. und ihn bei einem Bier sitzen und schwadronieren… über Bayern und Österreich und eben auch über Oberfranken. Dabei haben sie sich bis jetzt nur per Video-Chat gesehen. Wahnsinn.