Bevor man geht.

Da war er wieder, in der Straßenbahn. Dieser kleine Moment, in dem man ahnt, was passieren wird. In dem sich die innere Architektur darauf einstellt, in Beschlag genommen zu werden und etwas aushalten zu müssen. Das simple Zählen der Tage, die stille Vorbereitung und das Gefühl, dass es nicht das erste Mal ist. Wenn du dich anschnallst und dich nichts und niemand mehr ablenkt, wenn deine Sozialisation durch Bücher und Filme und Musik dich dazu bringt, dieser Situation, der Stimme des Kapitäns, dem Blick aus dem Fenster, dem Geräusch der Motoren etwas abzugewinnen. Und während du sitzt und schaust und Mr. Shuffle sich mal wieder wichtig machen will und genau diesen Song spielt, dann weißt du, es hat dich erneut.

Was, wenn. Man sich entschließen würde, nicht zurückzukehren. Die Grenzlinien neu zu ziehen. Die Prioritäten falsch sind. Man sich schon längst verlaufen hat. Etwas passiert. Nichts passiert. Man zurückkommt und nichts hat sich verändert. Man zurückkommt und alles hat sich verändert. Das bisschen den Unterschied macht. Man sich neu justiert. Die Uhrzeit vergisst. Die Sprache verlernt. Den Regeln nicht folgt. Die Regeln nicht kennt. Neue macht. Man sich selbst ausgesetzt ist. Schonunglos. Nur du.

Liz hat es verfasst, und zwar am 18. April 2008 um genau 16:11
Kategorie : Moi | 3 Kommentare

 Alles eine Frage der Haltung

null

Ich habe es gehasst. Ich habe es mit aller Leidenschaft und wirklich von Herzen gehasst, in diesen Kindergarten gehen zu müssen. Ich habe es so sehr gehasst, dass ich – auch wenn ich nur fünf Jahre Osten am eigenen Leib mitbekommen habe – immer noch aufstampfen und losgockeln will, wenn mir einer mit Sprüchen kommt wie „Damals war´s ja doch besser“ oder „So schlecht hatten wir es ja auch nicht“ oder „Wenigstens gab es Arbeit“.

Arbeit für runzelige Kindergärtnerinnen, die darin bestand, den Kindern unter ihrer Obhut vor jedem Mittagessen zu befehlen, die Arme vor dem Körper zu verschränken. Der eine Arm musste dabei akkurat parallel zur Tischkante liegen, zwischen den Fingern durfte kein Zwischenraum sein, das wurde sonst von den schwitzigen, beringten Frauenhänden sofort barsch korrigiert. Die rechte Hand musste zum Mund geführt und der Finger vor dem Mund so gehalten werden, wie man es macht, wenn man mit einem leiselauten Psssst Ruhe ankündigt. Nur, dass wir nichts anzukündigen oder auch nur irgendein Geräusch zu machen hatten. Unsere Aufgabe bestand einzig und allein darin, eine Stunde in dieser Haltung zu verharren, während vor uns das Geschirr auf den Tisch und das Essen verteilt wurde.

Es musste aufgegessen werden. Alles. Bis auf den letzten Rest. Danach brachte jedes Kind seinen Teller zu dem Tablett, neben dem ein rotes Eimerchen stand, zu dem uns irgendwann einmal erklärt wurde, es sei für die Resteentsorgung bestimmt. Wer sich jedoch jemals erlaubte, auch nur in die Richtung des Eimers zu schauen oder gar den Teller dorthin zu bewegen – sei es auch nur aus Versehen -, wurde mit einem lauten Schrei davon abgehalten. Befand sich noch etwas Speckrest oder sonst was ekliges auf dem Plastikgeschirr, hatte man so lange davor zu sitzen, bis es einem zu dumm wurde und man es mit allergrößter Kinderkraft schaffte, das Wasauchimmer doch noch hinunter zu würgen. Ich konnte das nicht. Ich gehörte aus Versehen und völlig unbeabsichtig zu den Rebellen. Außerdem hatte ich einen erlesenen Geschmack. Also stopfte ich mir aus Angst vor dem erbarmungslosen Schrei („Wer hat hier was in den Eimer geworfen?“) und der Strafe (man musste bei Benutzung des Eimers seinen Mittagsschlaf im Bad neben den Kindertoiletten, die damals NATÜRLICH keine Türen hatten, halten) – ich stopfte mir also die Einzelteile des Essen, die ich nicht hinunterbrachte, in die Hosentaschen. Teller leer, Problem gelöst. An den Blick meiner Mutter am Abend beim Ausziehen kann ich mich nicht mehr erinnern.

Und die Kinder, die nicht auf die Idee kamen, kleinteiliges in allerlei Taschen der Klamotte verschwinden zu lassen – ich gebe zu, bei Suppe wurde es jedes Mal schwierig -, die sich vielleicht wirklich daran versuchten, das Essen zu essen und sich dann übergaben, die wurden erneut vor den Teller gesetzt, auf dem sich nun Erbrochenes neben Erkochtem befand. Und sollten essen. Oder sie saßen halt stundenlang vor der Tür des Spielraumes. Konnte man sich selber und ganz allein aussuchen. Prima, diese Wahlfreiheit.

Meinem unglaublich sensiblen Geschmack ist es auch zu verdanken, dass meiner Mutter der Besuch bei einem Psychologen ans Herz gelegt wurde, ja, man habe sogar schon mit der Kindergartenleitung darüber gesprochen, das Kind sei eindeutig zu verhätschelt und habe schlechten Einfluss auf die anderen, denn es maße sich an, Apfelstücke mit Schale nicht ohne Protest zu verspeisen. Dies sei ein Angriff auf die Erziehungsgrundsätze der Republik, das ginge nicht. Man wolle außerdem eine schriftliche Bestätigung des Arztbesuches im Kindergarten vorliegen haben. Und das Kind sehe wohl seine Mutter zu oft, es müsse doch auf die Welt vorbereitet werden. Zu der Zeit bekam ich meine Mutter morgens nach dem Aufstehen um halb sechs ungefähr eine Stunde bis zum Kindergarten, zwei drei Stunden von Kindergarten bis zum Bett und am Wochenende zu Gesicht.

Bestimmt wurde auch, womit man seine Zeit im Kindergarten zu verbringen habe. Ich war ein Kind, das Zöpfe, Röcke und Mädchenkram nicht so richtig leiden konnte. Meine besten Freunde waren immer Jungs, meine Frisuren passten dazu, ich konnte mich später in der Schule dann geradeso für einen schräg vom Kopf abstehenden Minizopf erwärmen. Das war´s dann aber schon. Trotzdem wurde ich jeden Morgen mit Zeigefinger und Wehemenz in die Puppenecke geschickt. Und langweilte mich. Highlight des Tages konnte sein, wenn einmal im Monat die Vertreter des Betriebes kamen, die im Kongresszentrum am Alexanderplatz hin und wieder Modenschauen abhielten. Die suchten sich dann spontan VOR dem Mittagessen ein paar Kinder raus, man wurde in einem Barkas hingekarrt, vermessen, angezogen und stolperte dann geführt von zwei Erwachsenenhänden über einen Laufsteg, wurde wieder in seine normalen Klamotten gesteckt und zurück zum Kindergarten gefahren. Alles egal, alles prima, die Fahrt im Barkas war irre aufregend, ich hätte auch in einem Elefantenkostüm drei Stunden lang auf einem Bein um den Fernsehturm hopsen können, wenn ich dabei nur den Mittagsschlaf umgangen wäre. Der bestand nämlich aus anderthalb Stunden Rückenschmerzen, weil man sich auf den Spanholzliegen nicht ohne Geräusch bewegen und nicht ohne Erlaubnis bewegen durfte. Die Hände hatten neben dem Körper über der Decke zu liegen, auch dem Kopf war kein Seitenblick erlaubt, die Augen hatten geschlossen zu sein. Ich übte mich also in frühkindlicher Schmerzvertreibung durch Meditation. Das Yoga am Nachmittag, wenn die Kindergärtnerin wieder ihre Kopfschmerzen bekam, und wir - dieses mal mit hinter dem Stuhl verschränkten Armen - den Mund zu halten hatten. Man lernt sehr gut und ausdauernd, Lachen und Kichern zu unterdrücken, wenn zwölf Vierjährige verrenkt an einem Tisch sitzen, nichts sagen dürfen und sich nebenan die Erzieherin ins Nirwana seufzt.

Damals wusste ich nichts von meinem Onkel, dem Robin Hood des Kindergartens, sonst hätte ich ihn wahrscheinlich versucht, ihm nachzueifern. Er tat das Einzige, was man eigentlich nur tun kann, wenn einen drei Kindergärtnerinnen dazu zwingen wollen, von der Suppe zu essen, bei dem einen schon allein vom Geruch der Würgereiz überkommt. Zwei Damen waren damit beschäftigt ihn festzuhalten, eine Dritte kümmerte sich um den mit Suppe beladenen Löffel. Aber jeder, der Kinder hat, weiß, wie flink diese sein können. Der kleine Herr Onkel schnappte sich also den Löffel und schlug diesen mit voller Wucht in den Suppenteller. Im Anschluss rutschte er auf Knien und mit ausgefahrener Schmolllippe aus dem Raum. Die innere Haltung zu bewahren war auch das Einzige, was wir damals wirklich gelernt haben.

Was der kleine Ausbruch meines Onkels für die Stasi-Akte der Familie bedeutete, ist dann wieder eine ganz andere Geschichte.

Liz hat es verfasst, und zwar am 16. April 2008 um genau 16:51
Kategorie : Blicke, Moi | 10 Kommentare

 Noch 5 Tage und eine lange Liste

Fast wäre es zwischen die Seiten gerutscht, aber es hält sich noch ganz gut. Ich weiß noch nicht mehr darüber als ein paar geschichtliche Grundzüge aus Wikipedia, ein paar Nachrichten aus dem Radio in den letzten paar Wochen, ich weiß nicht, wie es wirklich aussieht und nicht auf ein paar Fotos aus dem Netz. Die Open Hardware Initiative wird sich dort treffen, mit Studierenden und Hardware-Herstellern das Gespräch suchen und ich fahre mit. Schreiben und gucken, nachfragen und beobachten. Zehn Tage am anderen Ende der Welt. Ich kann keine Schriftzeichen lesen und nicht einen Brocken Chinesisch sprechen. Am Samstagmorgen geht es los. Nach Taiwan.

Liz hat es verfasst, und zwar am 14. April 2008 um genau 9:34
Kategorie : Moi | 11 Kommentare

 I am done

Ich bin durch. Kaputt, platt, zermatscht, heiser, müde. Die letzten drei Tage waren anstrengend, aber ich erzähle jetzt nicht noch einmal, wie ich alles fand, denn das steht schon hier und da. Habe übrigens ab heute einen Host-Bereich bei Radio FM4 in meiner Rolle des Mädchens in Berlin. Vor meinem gefühlt unglaublich analogen Wochenende kommen nun langsam Endorphine an und ein Ruhegefühl, weil sich Dinge entwickeln und noch ein paar Quäntchen Glück benötigt werden und sich dann alles fügt. Und in meinem Kopf singt einer: “Tu das, was du am besten kannst.” Aber nun bin ich mal raus. Mit einem Blick auf Tulpen und vor allem: mein Bett. Das wird nie digital funktionieren zum Glück.

Liz hat es verfasst, und zwar am 4. April 2008 um genau 19:44
Kategorie : Moi | 2 Kommentare

 Zeitumstellung sonntags.

Nicht wissen, wie spät es wirklich ist. Noch die letzten Manchegokrümel mit der Fingerkuppe vom Teller in den Mund schieben. Bücher für wenig Geld kaufen. Sich in eine Milchkanne mit orangefarbenen Punkten verlieben. Sie kaufen. Die Jacke offen lassen. Sich darüber freuen, dass der Mann mit der schlimmen Marionette wenigstens mal ein neues Lied gelernt hat. Enttäuscht sein, dass es von Coldplay ist. Jemandem hinterher fluchen. Sich im Schaufenster beim Vorübergehen nicht erkennen. Tief einatmen. Nicht wissen, was dieses komische Gefühl im Bauch zu bedeuten hat dort, wo die Rippenbögen aufhören, in der Mitte noch über dem Magen, wie der Beginn von Sodbrennen, nur ohne Sodbrennen. Wie der Anfang von Übelkeit nur ohne Übelkeit. Wie eine Ahnung. Nicht wissen, wie spät es wirklich ist.

Liz hat es verfasst, und zwar am 30. März 2008 um genau 14:28
Kategorie : Berlin, Moi | 0 Kommentare

 Wischfinger

So sieht es aus, wenn jemand mit dem Finger im Himmel rumwurschtelt. Und so klingt es, wenn das jemand in meinem Kopf tut.

Liz hat es verfasst, und zwar am 26. März 2008 um genau 13:53
Kategorie : Moi, Ton | 3 Kommentare

 Little Bit

Die Kapuze tief ins Gesicht ziehen und Pfützen in Mitte umspringen. Dann atemlos zwischen den knalligen und teilweise erschreckend nahen Photographien von Bettina Rheims stehen. Bei den ausgemergelten Körpern auf den Bildern von Yvonne Thein dann husten müssen, weil der Kloß im Hals plötzlich in Bewegung kommt durch die totale Überzeichnung und den realistischen Wahnsinn. Danach sich durch die Massen aus Feiertagsfamilien und Touristen bei den Lindenbäumen schlängeln und drinnen die Jacke von der Haut pellen. Mit großen Augen vor der riesigen blauen Wand in der Deutschen Guggenheim Berlin stehen und sie sofort adoptieren wollen, einpacken und mitnehmen, zuhause wieder aufstellen, den ganzen Tag draufgucken. Und in den zwei kleinen Räumen bekomme ich nicht genug von den Weiten, von dem guten Blau und einem Winter, der ganz still und bewegungslos daliegt. Nicht einer wie hier, der die ganze Zeit herum- und zerläuft. Später durch den Hagel in Richtung sichere Burg.

Und am Wochenende solltet ihr euch einpacken und warm halten. Vielleicht wie ich ein paar Eier in bunten Essig legen, ein bisschen backen, gute Musik hören, den Kopf hochhalten und rumtanzen. Ich such nix, hab ich mir geschworen. Ich find dieses Jahr die Sachen gut, die man nicht ewig suchen muss sondern entspannt von selbst angerollt kommen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 21. März 2008 um genau 20:50
Kategorie : Kultur, Moi | 0 Kommentare

 Schneestubs & Gestöber

Das Wetter kann sich nicht entscheiden, das Leben auch noch nicht so richtig. Und so macht man einfach, was einem gesagt wird, und wartet nebenbei noch ein bisschen weiter. Jetzt ist es auch egal, das macht nun keinen Unterschied mehr. Produktivität klatscht Zweifel ab und nimmt ein bisschen Spannung mit. Immer noch so ein Vakuum. Immer noch kein Ja und kein Nein. Und mittlerweile wieder das Gefühl, die Erwartungen an alles sind zu hoch, an mich, an dich, an den Job, den es nicht gibt, an das Leben, das man sich denkt, an die Menschen, die man liebt.

Aber was das Eierhäuschen betrifft, telefoniere ich. Es gab ja doch - ähm - Resonanz. Die Stifung Denkmalschutz Berlin hat es angeblich auf dem Plan, aber nicht ganz oben, eher im Gegenteil. Die Spreeparker erreicht man nicht, diesen Umweltschultz-Verein, der sich kümmern will, auch nicht. Abwarten. Aber ich erzähle es rum, ich drücke ein bisschen auf den wunden Punkt und suche weiter. Investoren, Ideen, Begeisterte. Wir brauchen eine Lotto-Tipp-Gemeinschaft, eine Bewerbungswelle für Shows, in denen man Geld gewinnen kann, wir brauchen gute Kontakte und vielleicht einen Verein. Ach.

Vielleicht braucht auch jeder nur grad ein bisschen Frühling. Ich will mich auch wie so´n Krokus fühlen. Mit dem Kopf durch die Eisdecke.

Liz hat es verfasst, und zwar am 19. März 2008 um genau 18:18
Kategorie : Moi | 6 Kommentare

 Geh doch zu deiner Schrankwand.

Ich schreibe nach drei Gläsern Wein und ohne jemanden vorher nach der Relevanz oder Objektivität zu fragen. Und ich schreibe nur aus meiner weiblichen Position heraus, aus meiner Postadoleszenz, aus meiner Ost-Berliner Vergangenheit, aus meinem einfachen Eindruck nach einem solchen Abend, aus einem Gefühl.

Manchmal verschlägt es einen beruflich in Kreise, in denen man sich sonst eher selten bewegt, die man aber kennt aus anderen Berufserfahrungen heraus oder irgendwelchen Bildungsgeschichten, aus den Nachrichten und ein paar Erzählungen. Man hat ein paar Vorurteile und ein Paket Toleranz mit dabei, eine leise Ahnung und ein bisschen Langeweile, ein Stück Neugier und einen Funken Hoffnung. Und dann sitze ich da doch zwischen mehreren gebügelten Gesichtern, zwischen Schlips- und Anzugträgern und höre zu, wie von bärtigen Grauhaarköpfen über Jugend gesprochen wird und wie sich von Amts wegen interessierte Frauen anhand von Zahlen ein Bild über Identitäten machen.

Ich weiß, man darf es sich nicht so einfach machen. Aber das gilt für alle Richtungen. Und ich zappele auf dem Stuhl herum, wenn jemand versucht, mir das Interesse Jugendlicher (mit oder ohne Migrationshintergrund) anhand von Zahlen zu erklären, die nicht nach simplen Wurzeln fragen. Gut, ein Ist-Zustand ist eine schöne Sache. Wenn dann aber lose in die Luft und mit ein bisschen Wenn und Aber argumentiert wird, wenn wild Spekulationen in den Raum geworfen werden, ohne auch nur einen einzigen Jugendlichen zu fragen, dann werde ich wütend. Wenn angeprangert wird, wie uninteressiert DIE Jugend sei, ohne auch nur einen Blick auf den Lebensalltag zwischen enormem Leistungsdruck, globalem Denken, veränderter Verortung der eigenen Kultur und Medienentwicklung zu werfen. Wenn nicht einmal über die Ursachen sondern immer nur über die Folgen geredet wird. Wenn sich der Speckbauch gekrault, das Lachsröllchen in den Mund gestopft aber nicht auch nur ein Satz mit denen geredet wird, die sich vielleicht noch ein bisschen erinnern können an die Zeit, durch die alle irgendwie mal müssen, die über zwanzig Jahre alt werden.

Sie sprechen von den Möglichkeiten, die die Jugend ja nun mal nutzen müsse, sie würden ihr ja reichlich zur Verfügung gestellt. Ach und man wisse auch nicht genau, woran das eigentlich läge, es gäbe ja Studien hier und da, aber ach, das könne man ja auch während des gemütlichen Teils des Abends diskutieren. Aber sie sprechen nicht innerhalb ihrer Möglichkeiten mit uns, mit den ihnen gerade abhande kommenden Wählern, ihren Rentenzahlern, auch wenn wir direkt neben ihnen stehen, sie noch fragen, ob es denn schmecke. Sie grinsen nur, wischen sich den Mund ab und reden über das nächste Sammeltaxi.

Und ich stehe am Spreeufer mit Blick auf´s Bundeskanzleramt, schreie einmal laut in den nassen Sturm und gehe dann zur Bahn, in der wie in den letzten Tagen immer dieser eine unglaublich anstrengende Rapper sitzt, der über zig Stationen durchhält, die Passanten anfaucht und jede Artikulation mehr spuckt denn sonstwas. Er sagt, seine Texte seien sehr politisch. Ich verstehe ihn nicht.

Liz hat es verfasst, und zwar am 12. März 2008 um genau 23:35
Kategorie : Moi | 4 Kommentare

 We appreciate the illusion

Man geht einmal durch die ganze Wohnung, öffnet hier und da ein paar Fenster und schiebt dabei den Staub vor den Füßen her, der sich in der letzten Woche gesammelt und gesetzt hat. Der Rest klebt dann an den Knien, am Bauch und im Gesicht. Man schüttelt den Kopf über das Wetter beim Blick in den Hof und denkt daran, was diese Geste in einem anderen Haus in einer anderen Stadt noch einen Tag zuvor alles versprach. Man sieht den schwarzen Koffer im Flur stehen, den Mantel achtlos daneben geworfen. Dann hängt man ihn auf, legt den Koffer auf´s Bett. Nach zehn Minuten macht man die erste Waschmaschine an und während diese gemütlich vor sich hin brummelt, so wie es draußen auch nur gemütlich vor sich hin zu brummeln scheint und die Sirenen ausbleiben, sitzt man in dem kleinen Haufen aus Papier, streicht mit dem Finger die Falten glatt, seufzt, setzt Kaffee auf und fragt sich, was wohl so passiert ist in einer Woche. Hier.

Im dunklen Ankommen sieht man nur, dass sie am Ostkreuz die eine Treppe fertig haben. Und dass die Müllabfuhr hier noch kommt. Und dass der Verlag seinen Vertrieb nun wieder im Griff hat. Man kann am Hängewinkel der Pflanzenblätter abschätzen, wie lange man weg war und meint, mit dem Plätschern des Wassers in den Blumentopfunterteller auch gleich einen aufatmenden Laut zu hören. Und zwischen den vielen kleinen Zetteln liegt auch eine To-Do-Liste aus der unruhigen Langeweile am Flughafen, die man zwischen den Städten hat. Geschrieben als Verortung im Nachher. Jetzt aber schiebt man die Liste noch einmal ganz nach unten in den Stapel und macht Kaffee, dessen Duft sich langsam in der leeren Wohnung verteilt. Ankommen braucht Zeit.

Liz hat es verfasst, und zwar am 4. März 2008 um genau 9:21
Kategorie : Berlin, Moi | 0 Kommentare


Kalendar

Oktober 2008
M D M D F S S
« Sep    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031  

Monatsübersicht

Kategorien