Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Moi

Wishlist 2011

Brückenlicht

Ein Ort, an den man fahren kann, wenn alles andere zuviel wird, wo ein Tisch steht mit Blumen drauf, ein Buch mit angestrichenen Seiten, die ich noch lesen soll, und etwas zu essen im Kühlschrank liegt, das zum Wetter passt. Losgelöst bleiben. Weniger vergessen, mehr erinnern. Nicht aufhören. “Ich hoffe stattdessen, dass ich nie verkümmere und klein beigebe, die Chance verpasse, mit dir zu leben” (T.K.). Das zweite Buch schreiben. Mehr Zeit an ruhigen Orten verbringen. Geduldiger werden. Immer noch mehr Bewegung, körperlich und geistig. Mich wieder an ein Notizbuch gewöhnen. Noch mehr Vertrauen in die eigene Entscheidung, sowie das sich für etwas entscheiden. Nach Hamburg für einen Urlaub. Nach New York für eine Reise. Mehr Sekunden, noch mehr davon. Einen wichtigen Brief schreiben. Sowieso wieder mehr Briefe schreiben. Mir mehr Zeit nehmen und Urlaub. Wieder Musik machen. Mir einen Herzschlag auf’s Handgelenk tätowieren lassen. Mich selbst schieben bis an den Rand der Vernunft, noch weiter. Nach dem Jahr der guten Dinge nun das Jahr der großartigen Dinge. Alles annehmen, alles durchrütteln, alles tun dafür.

(Das waren die Wünsche für 2010.)

24.12.2010, 1:02 Uhr

Lisa

Am Ende hast du immer die Möglichkeit einer Schneekugel, du kannst alles mitnehmen und einpacken, du kannst von innen abschließen und dich einrichten, du wirst niemanden hören, den du nicht hören willst, und niemanden sehen, den du nicht sehen willst, und es wird immer dann schneien, wenn du es möchtest, wenn du hoch genug springst. Das ist alles deins, ich versprech’s. Frohe Weihnachten.

Vor einem Jahr.

Caro

War es nicht ganz so kalt, wir hatten Schnee irgendwann um diese Zeit, aber ich weiß noch, es war nicht ganz so kalt, es regnete, als wir die Dinge in den Fahrstuhl schoben, den neuen. All die guten, großen Farben, als hätte sich der Himmel geschminkt, dann die Abende später, die ich noch hatte als kleine Pause zwischen Berlin und Hamburg. Einfach den Rahmen tauschen, das Umfeld, die Marotten, einfach neu anfangen und dabei nie ganz alleine sein, ein Stück mitnehmen von früher, von später. Ich hatte auch Angst, aber ich war ganz still dabei, so ruhig, wie ich selten bin innen drin, man hätte ein Post It von der Wand fallen hören.

Fruchtallee

War es nicht ganz so stürmisch, kalt zwar, aber die Winde fühlten sich richtiger an, mehr Zuhause. Dort oben im Norden weiß man sofort, dass das alles so sein muss, die kalten Zehenspitzen, der gebeugte Rücken, das Dickicht der Körperhaltung, es gibt keinen, der das in Frage stellt. Niemand zuckt auch nur eine Millisekunde mit der Wimper, während man hier, wo ich jetzt wieder bin und wo ich herkam damals, zetert und schreit und mit den Händen fuchtelt und in der Bahn neben den Fahrkartenautomaten rotzt. Ich hatte auch Wehmut, aber ich war ganz entzückt dabei, man hätte mir Löwen auf den Schoß setzen können.

Hafen

War es nicht ganz so sicher, geregelt zwar, aber im Grunde wussten wir alle von unserem Risiko, das schwerer war, als es aussah. Das neue Jahr, die neue Stadt, ich hatte keine Ahnung, keine geringste Vorstellung davon, was 2010 aus sich und mir so machen wird, ich habe einfach meine Sachen gepackt und es wurde kalt. Ich stellte keine Vermutungen, aber er hat es geschafft, der Winter, er hat die Wege wieder gangbar gemacht, Oberflächen zusammengefroren, wo vorher keine waren, er hat Lücken überbrückt, Zwischenräume gefüllt. Im Grunde hatte der Winter keine Schuld, es war ihm eine Ehre. Ich hatte auch Schmerzen, aber solche zum Aushalten, dazwischen jedoch und mit Akzent das Gefühl, das muss so sein, am Ende würde es sich seinen eigenen Sinn zusammen basteln und zwar offensichtlich und nicht nur vorstellungs- oder rückgratshalber. Ein Jahr später nun, jetzt. Alles beieinander, kein bisschen bereut.

Wanne

So, genau so.

Mit Ach und Hach.

Jetzt.de

Wie sich das alles anfühlte, als wir noch jünger und das Internet irgendwie unverbrauchter war, haben Herr Schmitz von Knicken und ich jetzt.de anlässlich des Relaunches der Seite erzählt. Und wie es jetzt ist, natürlich.

Innen außen.

I see you grow. Now you stand tall.

Carmi

Im Grunde kann man an Geburtstagen auch einfach so tun, als wären sie keine Geburtstage, man kann Nummern und Zahlen vergessen und einfach weitermachen. Sich nicht an Ritualen aufhängen, die sich irgendwann einmal jemand ausgedacht hat, warum auch immer, Feiern und Geschenke, irgendwas mit Kuchen, neuerdings auch immer wieder eine Zeile im Internet, damit jeder lesen kann, dass man selbst in der Lage ist, seinen Kalender zu benutzen, für sich und andere, Überhäufungen mit leeren und schweren Worten. Eigentlich kann man das alles übersehen, es wäre noch einfacher, würde der Rest der Welt mitmachen, manchmal wünscht man sich in ein Erdloch, in diesen Geschichten hält es jeder anders. Wenn es nicht dann doch irgendwie ein Anlass wäre.

Fehlt der Mensch zum Tag, fehlt dieses ganze Tamtam, das große Bohei, das einem eingetrichtert wird, und findet sich stattdessen ein Ozean dazwischen und eine ordentliche Ladung Zeitverschiebung, krempelt sich der Geburtstagstisch nach innen und macht Rabatz, dass man kaum geradeaus gucken kann. Weil man plötzlich merkt, wie froh man ist, dass es damals diesen Tag gab, dass es gut ist, dass man sich jedes Jahr wenigstens ein einziges Mal daran erinnert, weil man dem Klischee mal zeigt, was eigentlich ein Klischee ist mit dieser kleinen Wehmut und einer Sehnsucht, die mehr eine Sehsucht ist, der Wunsch, jemanden in den Arm zu nehmen, der sich gerade irgendwie selbst in den Arm nehmen muss. Natürlich muss nicht so ein Geburtstag passieren, um sich dorthin zu wünschen, wo man derzeit nicht sein kann - aber es geschieht trotzdem.

Ich sitze da und zünde eine Kerze an für einen der besten Menschen dieses Planeten. Für jemanden, der so ein Gedanke ist, der nicht weggeht, der auf dem Nachttisch sitzt morgens und abends immer noch da ist, der sich ans Ohrläppchen hängt den ganzen Tag über und brüllt und krakeelt und manchmal auch nur guckt, als wäre das wirklich ein ziemlich beschissen großer Ozean. Ich sitze da und lege meine Stirn in Falten, weil noch niemand Telekinese erfunden hat, weil es nun wirklich mal an der Zeit ist, dass jemand Fortschritte erzielt in Bereichen, die uns wirklich etwas nützen würden, ich brauche dringend Profis in Sachen Teleportation, denn so geht es nicht weiter, ich kann nicht hier rumsitzen, während dieser Mensch da drüben durch San Francisco läuft und sich einen Cupcake kauft und da niemand ist, der ihn ihr mit Schmackes ins Gesicht drückt und danach einen neuen kauft, das geht so nicht. Jemand muss doch mit ihr an den Strand gehen heute. Ich habe wirklich alles in diese blöde Flasche gesteckt und in den Fluss geworfen vor Tagen, jemand muss diese schöne Frau dorthin bringen, wo das ankommt.

Happy Birthday, Carmi. You are awesome.

100 Tage. 100 Photos.

Happy Birthday

Vor 100 Tagen habe ich mit meinem Projekt “This day next year” begonnen und heute wird das 100. Photo gemacht. Was ich merke: So schwer ist es nicht. An jedem Tag ein Bild zu machen bedeutet nicht das momentnahe Hochladen, wir sind in Besitz moderner Technologien, die auch die nachträgliche Dokumentation möglich machen. Abgefahren und oberirre. Und was es kann: Es hält so schön vor Augen, was war. Die kleinen Dinge zwischen vier Linien. Schaffe ich 365, werden diese gedruckt und ins Regal gestellt.

Bedrucktes Papier im Oktober.

Rolling Stone

Lange Zeit war Ruhe und jetzt ist Herbst und jetzt darf man auch wieder stundenlang in der Badewanne liegen und schrumpelige Elephantenhaut bekommen, man darf Zeitungen und Magazine ins Wasser schmeißen, herausfischen und auf die Heizung zum Trocknen legen. Für diese sportliche Betätigung eignen sich zur Zeit vor allem der Rolling Stone und die aktuelle Glamour, was nun wieder wahrscheinlich nach Zielgruppen aufgeteilt werden muss, aber man kann das ja mal sagen, so allgemein. In beiden jedenfalls bin ich derzeit drin. So einfach ist es, so lustig auch. Ich selbst muss immer anfangen, albern zu grinsen, wenn ich an der Kasse stehe und plötzlich jemand neben mir in der Schlange das Heft aus dem Regal nimmt und genau dort aufschlägt, wo man mich sieht. Ich starre dann auf die Milch und die Möhren und komme mir jedes Mal ein bisschen vor wie bei Zurück in die Zukunft.

Glamour

Zwar sind einige Daten und Dinge im Rolling Stone nicht ganz so, wie sie dort stehen, aber mir wurde versichert, das sei aus Versehen und durch magische Zauberkoboldhände etwas durcheinander geraten, aber natürlich stehe ich für Nachfragen, Richtigstellungen und Schaumlieferungen jederzeit zur Verfügung. Im gleichen Atemzug hoffe ich, dass Tilman Rammstedt mir die Platzierung seines Buches in der Glamour verzeiht, aber man hat mich nun einmal nach meinem Lieblingsbuch gefragt. Kannste nix machen. Natürlich eignen sich diese beiden Papierstapel im Winter auch hervorragend für die Anfeuerung der Kohleofen in kalten Siebenundachtzigzimmerwohnungen, in denen der Stuck von den Wänden purzelt. Man kann zwischen den Seiten aber auch unglaublich super Laubblätter pressen und für etwaige Bastelarbeiten vorbereiten, fragen Sie bei Bedarf bitte Ihr Patenkind oder Ihren Apotheker.

Die beiden verwendeten Photos wurden übrigens von den absolut schätzungswürdigen Herren Joachim Zimmermann (Rolling Stone) und Alex Trebus (Glamour) gemacht.

Trip down memory lane.

Da, wo heute das St. Oberholz heute ist, war früher ein Burger King. Ich bin dort in der Nähe aufgewachsen und musste die U8 nehmen, um zu meiner Schule zu kommen. Jeden Morgen. Nach der Schule sind wir manchmal gemeinsam ausgestiegen, wir Mädchen, und zu Burger King gegangen. Wir haben uns dort an Plastiktische gesetzt, wo jetzt Sofakissen herumliegen, dort auf der Ecke, wo man direkt auf den Platz schaut, dort saßen wir und manchmal rollten ein paar Bälle aus dem Bällebad zu uns herüber. Es gab damals oft dieses Angebot, dass man zwei Burger für den Preis von einem bekommt, wir fanden das gut und haben dort meistens viel länger gesessen, als die Burger reichten. Ich beschwere mich nicht über den Wandel, der dort am Rosenthaler Platz geschieht, sondern sehe zu, und ich mag es, was Rafael Horzon dazu sagt: “Und dass alles so bleibt wie es ist, kann niemand im Ernst wollen, denn dann wären wir ja logischerweise immer noch in der Steinzeit. Man muss aufhören, den alten Zeiten hinterherzutrauern.“.

Die Dinge verändern sich immer, du kannst dir die Beine nicht in den Bauch stehen in der Hoffnung, dass alles so bleibt, wie es ist, denn dann wirst du sehen, dass deine Beine schon einen Bauch weiter sind, so ist das, die Dinge wachsen, gehen, chamäleonisieren sich, tragen Make-Up und wischen es wieder ab. Denn auch die Dinge bekommen Falten, lassen sich aufspritzen und verlieren an Substanz, manches festigt sich. So wie die Erinnerungen, die niemand wegbaggern kann, die nichts zu tun haben mit Restaurierung und Fake-Stuck und neu gekauften Dielen, gelifteten Fassaden. Ich bin dort zur Schule gefahren jeden Morgen und ich werde dort immer zur Schule gefahren sein, komme die Veränderung, wie sie will.

Ansgar vom St.Oberholz hat mir einige Fragen gestellt und ich habe sie beantwortet.

These times when you forget about time.

I don’t need a watch, I do have my pace. The only meeting I have to remember is the one with the waves. And I bet the seagulls remind me of someone but this is not the case. This is not the case in so many ways. I am here and I don’t need time. Because there’s water beside me and the sea is mine.