
Die Stadt hatte sich zurechtgemacht gestern. Im Haus des Rundfunks standen sich Schalträger mit funkelnden Ringen die Beine in den Bauch, sie trugen ihre Gläser mit Sekt herum und durften sie nicht mit in den Sendesaal nehmen. Und dann saßen sie in Reihe und ein bisschen hibbelig herum, bis Rufus Wainwright in grünem Neon-Glitzer-Tamtam-Anzug mit seiner Band in ähnlich waghalsigen Outfits die Bühne betrat. Er legte los von Anfang an, die angeschrägten Sitzreihen brauchten ein bisschen um warm zu werden, der Lichtmann musste sich einfitzeln, aber dann lief der Schweiß und die Gänsehaut.
Pompöses Entertainment, eine Stimme, die bis an die Decke reicht, und das Gefühl, nicht in dieser Zeit zu leben, sondern irgendwo anders irgendwann. Natürlich wurde sich umgezogen und nach dem Anzug, der im Dunkeln leuchtete, wurde die Lederhose ausgepackt und ich fragte mich, ob schon jemals zuvor, jemand in Lederhosen mit Glitzerkettchen zwei Songs von Judy Garland begleitet vom Flügel und mit soviel Inbrunst gesungen hat.
Berlin fühlte sich wohl unter seinen ständigen Komplimenten. Und natürlich rastete das Publikum aus bei dem Song, den man in Málaga sehr geliebt, aber in Madrid gehasst haben soll. Berlin findet das alles gut und gibt die Komplimente tosend zurück. Unterstreicht die süße Selbstbeweihräucherung des Protagonisten, der nach den Lederhosen erst im Bademantel ein paar Songs spielt, um dann auf Highheels zu performen und sich von seiner Band tänzerisch umgarnen zu lassen.
Die Palette an Gefühlszuständen durch, manchmal vielleicht ein bisschen verloren, weil die Stimme ja doch sehr markant ist und die Lieder hin und wieder sehr ähnlich klingen, aber weggehauen von der Professionalität, Selbstironie und dem Charme von Rufus Wainwright verlassen wir im Nieselregen das große mit grinsenden Gästen gefüllte Foyer. Die Ohren sausen vom Applaus, Berlin ist immer noch das novembrige Berlin, dem es nie schnell genug gehen kann. Wir fahren langsam durch die Nacht, das Radio bleibt aus.

“Do I disapoint you in just being human and not one of the elements you can light your cigar on?”
(Rufus Wainwright)
Liz hat es verfasst, und zwar am 1. Dezember 2007 um genau 12:55
Kategorie : Ton | 3 Kommentare
Ich brauche nichts über technische Voraussetzungen zu sagen, nichts über zu wenig Luft oder Zweitstimmen, ich werde keine objektiven Reden schwingen. Vielleicht reicht es, die Platte zu hören, die seit heute draußen ist (und zu der es gestern die Record Release Patry gab), einen wunderschönen Titel trägt und für die es so lange Zeit und so lange Geschichten und diese paar Menschen mit all den Jahren gebracht hat. Ich brauche nicht zu sagen, in welchen Straßenbahnlinien welche Lieder von “It tends to flow from high to low” am besten sind. Und eigentlich auch nicht, dass die großen, euphorischen Jubelschreie auf Konzerten irgendwie nicht dazu passen. Aber ich sehe, dass man stolz ist, sich überwunden zu haben. Und das darf man verdammt nochmal auch. Dass I Might Be Wrong jetzt da auf der Bühne stehen, zusammengewürfelt und raufgebaut, mag für den einen, der nicht weiß, woher die kleinen Gesten und Unsicherheiten rühren, eine nette Geschichte sein, sehr poppig für Sinnbus, mit hübschen Mädchen und talentierten Jungs, keine Verbalunterhaltung, aber textsicher und mit Überraschungen.
Für die anderen, die die vielleicht am Rand stehen und denen der Blick wegknickt, die die keine unbekannten Gesichter da vor sich haben, die sie noch von vor Jahren kennen und wissen, wie welche Stirn damals noch aussah, wie welches Haar und dass es die Umwege vielleicht auch brauchte, für die ist das noch ein Gefühl von früher. Die Stimmung von Kornfeldern und Steinbrüchen in entfernteren Wäldern vielleicht, die leisen Wünsche am Morgen in der Scheune oder auch nur der Bezirk, in dem fast niemand mehr ist mittlerweile. Aber dort hat alles angefangen. Dort hört es aber nicht auf. Der rote Salon war gestern Retrospektive in eine Zeit, die so lange noch gar nicht vorbei ist, aber irgendwie trotzdem sehr weit weg. Wenn Musik das wieder ranholen kann, ist das gut. Und auch, dass sie Geheimnisse hat.
“I could write a book about your life. You could never write a word about my life.”
(I Might Be Wrong)
Liz hat es verfasst, und zwar am 23. November 2007 um genau 19:06
Kategorie : Ton | 1 Kommentare
Kleine Lichter leuchteten an den Rängen, vier Männer auf der Bühne im Admiralspalast. Vorher ein Gewusel aus bekannten Gesichtern der Berliner Nächte, ein paar aus der Uni, ein paar unbekannte, aber doch alle aus derselben Schublade, hier und da ältere Herrschaften, ansonsten Indievolk mit roten Wangen und kalten Händen. Nach einer schrecklichen Ansage eines mir unbekannten Menschen mit Mikrofon saßen sie dann auf der Bühne, vier Männer, und alles wurde still. Sigúr Ros präsentierten ihren Film “Heima”, der ihre letzten Konzerte in Island dokumentiert, die sie 2006 nach ihrer Welttournee gegeben haben.
Selbst ein Husten, das sich in die Töne mischt, klingt nach einer Entschuldigung. Alle atmen so leise wie möglich, Augen leuchten im Gegenlicht, Hände suchen einander und der, der allein ist, schließt die Augen oder zumindest das, was dahinter ist. Drei Livestücke spielen sie, dann beginnt der Film, der gestochen scharfe Bilder auf die Leinwand und sehnsüchtige Mimik in die Gesichter der Zuschauer wirfst. Hast du jemand soviele rote Drachen an einem blauen Himmel gesehen? Jeder Ort der zweiwöchigen Tour bekam ein Lied im Film, irgendwo auf den weiten Flächen der Insel, in einer still gelegten Fabrik oder einem winzigen Haus, wo ihnen alte Frauen mit ihren klirrenden Kaffeetassen zuhören. Und dazwischen - man sieht, außerordentlich spendabel subventioniert - Gesichter des Landes eingestreut, Charaktere, Eindrücke und Farbverläufe.
Wirst du nächstes Mal die Augen öffnen, wenn du auf einer Wiese liegst? Und wirst du dich erinnern an die Halme und die ausgedünnten und trotzdem satten Farben? Struktur liegt dem zugrunde, obwohl es auf den ersten Ton und auf den ersten Blick nicht zu schaffen scheint, man verliert sich ja doch und mittendrin glaube ich, es gibt nichts besseres, als von einem Konzert in einem Raum von Menschen ganz weit weg zu kommen. Raus. Und dass es nichts größeres gibt, als wenn es jemand schafft, die Flecken sichtbar zu machen, Schattierungen und dünnen Oberflächen. Man braucht sie nicht zu berühren, es tut schon weh, wenn man weiß, wo sie sind. Und Sigur Rós haben hier ein Bild von sich vorgestellt, das unsicher, aber in dieser Unsicherheit unglaublich souverän ist. Eine Selbstinszenierung, die ein Schauspiel ist, weil wir uns soetwas nicht vorstellen können, weil wir sowas hier nicht haben. Nicht soviel schroffen Platz, der bespielt oder einfach nur in Ruhe gelassen werden kann.
Der Film zeigt Landschaften, Nahbilder, Menschen und Musik. Der Film scheint ein bisschen in jeden hineinzuschauen, der da gestern gebannt nach vorne starrte. Abgründe, Tiefen, Sehnsüchte und Ängste, woher kommt diese Falte und hast du mich wirklich angesehen, alle kleinen Verletzungen, die man so mit sich trägt und die irgendwann dazu gehören in grün und blau, in Stein und Haut, wirre Haare wie Gras und Meer wie die Stimmen ineinander, wenn man nicht mehr weiß, wer was genau gesagt hat. Nach Hause kommen und trotzdem weit weg sein. In der Ferne wissen, dass man daheim ist. Und sich jeden Tag wieder auf eine Bühne stellen und versuchen, ehrlich zu sein. Das machen, was man können muss, weil es einem alles bedeutet. Das machen, bei dem es nicht darauf ankommt, wieviele zuhören, weil man gar nicht anders kann. Das tun, bei dem man immer irgendwie allein sein wird. Niemand hört das so wie du. Niemand sieht dich wirklich. “Heima” ist eine Ode an das Innere, an die Wortlosigkeit. Am Ende gingen alle raus in die Nacht, die Bahnen fuhren wie immer, aber wir sprachen leise. Mit roten Wangen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 22. Oktober 2007 um genau 9:44
Kategorie : Ton | 8 Kommentare
Man denkt ja immer irgendwie, solche Momente wären einzigartig. Mit dem Gefühl, dass jegliche Verbindung zu anderen Menschen von dir abfällt. Du hast das Gefühl noch, aber kein Ende dafür. Du hast noch die Namen, aber niemanden neben dir. Und dann kommt ein neuer, ein solcher Moment und der ist noch größer und legt dir von hinten die Hände um den Bauch und du stehst da nur und du hast eine Stimme, aber dazu kein Gesicht. Du hast nur diesen einen Atem, aber keine Ahnung, wie man den nächsten Zug nimmt. Und du hättest nicht gedacht, dass dir das noch mal passiert, noch mehr passiert, schon wieder passiert. Vielleicht muss sich etwas ändern.
Und wenn du den Kopf wendest, gibt es ein kleines Loch in der Wand, durch das du siehst, dass der Himmel schon wieder hell wird, die Welt draußen weitergeht. Aber du hast keinen Grund, um das zu bemerken. Du notierst es, hakst es ab und warst lange nicht so allein, wie auf diesem Weg nach Hause.
Liz hat es verfasst, und zwar am 25. August 2007 um genau 5:15
Kategorie : Ton | 0 Kommentare
Sie ist fertig, man kann sie bestellen. Julius singt und ich irgendwo dahinter. Ich habe immer das Gefühl, rot zu werden, wenn ich das höre. Und nach den Texten kann man Geschichten schreiben, sich denken oder erleben.
Liz hat es verfasst, und zwar am 8. August 2007 um genau 20:14
Kategorie : Ton | 2 Kommentare

Gepflegtes Aus-der-Reihe-Tanzen gab es gestern abend mit den Jungs von Kate Mosh. Ich hatte ganz vergessen, wieviel Spaß man auf deren Konzerten haben kann. Das letzte Mal im Lido noch in alter Besetzung auf großer Bühne, jetzt zur Hälfte neu, gab es gestern kontrolliert was auf die Mützen und Scheitel. Neues und altes vermischt, laut und leise ineinander und die Tempiwechsel, die die einen irritieren und die anderen noch an den Rand der Patellaluxation bringen, weil man sich da einfach bewegen muss. Ja, mir läuft ein Schauer über den Rocken, wenn Sebi die Tonart wechselt, wenn alles bricht und ballert und Thom mit einfachen Worten große Gefühle in die Menge schreit. Und das Partylämpchen trotzdem ordentlich blinkert. Kontrolliertes Ausrasten mit dem Hang zum Abrupten und dann dazu der Chor aus Freunden. “Wie geil das is, dass man Freunde hat“, sagt Sebi am Rande.
Und so angenehm, dass diese Band für mich noch nie an Jahreszeiten oder Gesichter gebunden waren, nie an Orte oder ein Stechen im Bauch. Die kann ich mitnehmen ohne Vorbehalt. Die stehen für sich. “Look around you. All you see are sympathetic guys.”

Liz hat es verfasst, und zwar am 30. Juni 2007 um genau 18:42
Kategorie : Ton | 2 Kommentare
Julius hat mir die fertigen Lieder geschickt und es ist immer so seltsam, sich selbst zu hören. Ob nur sprechend oder eben dann singend. Aber obwohl das nicht meine Lieder sind, hab ich zu jedem eine Erinnerung, zu jedem ein Bild im Kopf, zu jedem einen Zeitraum und einen Gedanken an das Studio und die Aufnahmen. Ich hab zu jeder Zeile meine eigene Bedeutung und zu jedem Wort einen eigenen Klang. Und es mag kitschig klingen und schmalzig und triefen, aber trotzdem rührt es mich ungemein, mich da auf dieser Platte zu wissen und neben Julius zu hören. Das ist Wahnsinn. Und ich glaub, schon deswegen könnten wir zusammen gar keine großen Konzerte spielen, ich würd wahrscheinlich auf der Stelle losheulen. Nennt mich nah am Wasser. Ich spring dann rein.
Liz hat es verfasst, und zwar am 27. Mai 2007 um genau 12:47
Kategorie : Ton | 7 Kommentare

Berlin ist voll davon – von Menschen, die Musik machen, und von Menschen, die man kennt. Treffen sich beide Merkmale, kann Musikhören mitunter zu einer ziemlich persönlichen und hin und wieder auch schmerzhaften Geschichte werden.
Denn steht da jemand auf der Bühne, mit dem du schon Nächte oder Urlaube verbracht, Gefühle geteilt, tiefsinnig und stundenlang diskutiert oder einfach nur unglaublich genügsam geschwiegen hast, ohne dass es sich scheiße angefühlt hat, dann hörst du doppelt so genau hin. Und plötzlich erkennt man sie zwischen den Zeilen – die Momente, die Geschichten, die Bilder, die Menschen. Plötzlich werden die Fäden wieder aufgenommen und zu einem neuen Pullover gestrickt, der sieht dann auch meistens ganz gut aus. Man guckt und staunt und befühlt das Ganze und bei näherem Hinsehen merkt man: „Huch, das kenn ich doch.“ Und lässt das gute Stück vielleicht aus Versehen sogar fallen, tritt einen Schritt zurück. Behält man es in den Händen, fasst man behutsamer zu, vielleicht darf man´s ja behalten, vielleicht. Und manchmal gibt man es einfach zurück und schaut und denkt, wie gut das doch aussieht und sich anhört dort auf der Bühne. Und dann grinst man in sich hinein und hat in dem Lied eine wahre Geschichte und ist glücklich, so zu sein. So wie neulich am Flughafen, als sich die Menschen in Massen vorbeischoben, mein Kreislauf mal wieder nicht im Stande war, richtig zu funktionieren, und ich dann diese paar Lieder hörte, die bei mir etwas anknipsen, einen Hebel umlegen, einen Knopf drücken. Da geht dann wieder alles. Und nur, weil es mehr ist als ein paar Zeilen mit Musik unterlegt.
Ich erschrecke aber ab und an, wie viele neu gestrickte Geschichten und Texte ich da so finde im Stöbern durch die Musik der letzten paar Jahre. Und denke mir Sachen hinein und fühle mit und muss nicht einmal fragen, wie das wohl sein muss für denjenigen, der das gehäkelt hat. Weiß ich doch selbst jedes Mal wieder, wann und wo und warum genau welches Lied entstanden ist und welche ich nie öffentlich singen werde, weil ich weiß, dass jemand dastehen könnte wie ich. Und sich darin erkennen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 22. Mai 2007 um genau 8:06
Kategorie : Berlin, Ton | 0 Kommentare

Tele liefen bei mir bis vor kurzem meist in der Sparte: “Ganz nett, brauch man nicht wegdrücken, muss man jetzt aber auch nicht unbedingt von selbst anmachen, auf Dauer etwas seiernd und daher anstrengend, stört aber nicht“. Seit dem neuen Album “Wir brauchen nichts”, ertappe ich mich dabei, an Ampeln zu summen, auf dem Fahrrad, in der Uni. Vielleicht sind das die Hormone, vielleicht die Jahreszeit. Vielleicht ja auch sowas wie musikalische Weiterentwicklung auf beiden Seiten. Sagt mir jemand, was ist es?
Hach. Prozess, Prozess. Endlich kriegt mich mal wieder jemand. Sonst ist das ja immer eher so eine Sache von: “Was Neues? Och ja. Aber ich hab jetzt grad keine Lust mir das komplett und mich erst einmal hinein zu hören“. Dann greif ich auf die altbekannten Sachen zurück. Von denen weiß ich, dass sie funktionieren, helfen, therapieren und begleiten. Ewig währende Lieben und so. Daran glaub ich in Sachen Musik ja noch. Aber neue musikalische Freuden muss ich selbst zufällig entdecken oder man muss sie mir aufsetzen, mehr sofort als sogleich, mehr aus Versehen als gewollt. Passiert selten, aber wenn, dann hält das oft länger.
“Ich hab keine Ahnung”, sag ich.
Liz hat es verfasst, und zwar am 28. April 2007 um genau 9:10
Kategorie : Ton | 2 Kommentare
Die meisten Lieder sind nicht neu. Und doch klingt alles anders. Julius nimmt eine Platte auf, man kann sie vorbestellen und das wird alles ziemlich gut, die ersten Versionen liegen in meinem Ohr. Nächstes Wochenende bin ich in Bremen, um hier und da auch noch etwas einzusingen. Aber wer die Platte nicht hat, hat schon verloren. Und wir wissen alle, wie scheiße sich das anfühlt. Dann gibt´s auch kein Spielbrett, dass man aus Wut dann leer fegen könnte.
“Wir haben die Dinge geordnet. Jetzt liegen sie da. Irgendwie auch nicht besser, als es vorher war. Und du packst sie zusammen und schnürst sie zu, sagst bedächtig und in Ruhe: Ich muss dir was sagen über die Dinge, die da lagen, und die Dinge im Allgemeinen. Und du atmest ein. Manche Dinge kommen und verändern dein Leben, es sind eher wenige. Viele Dinge hingegen kommen vorbei und verändern ein bisschen, machen was neu. Und du sagst leise: Manche Dinge ändern dich nie.”
(Diese Lieder liegen mir mehr am Herzen als das meiste andere.)
Liz hat es verfasst, und zwar am 11. April 2007 um genau 22:06
Kategorie : Ton | 1 Kommentare