This is tonight. This is where you should be.



Wir haben alle gedacht, das wäre es gewesen, der Sommer, die Euphorie. Und die Herbstkollektionen staksen von den Plakaten, in der Nacht kündigt sich der erste Schnupfen an und der hat nichts mit Heu oder Wiesen zu tun, sondern damit, dass wir es noch nicht ganz glauben konnten, dass es das nun schon wieder gewesen sein sollte. Sollte es nicht. Samstag stand in Farbe und Sonne und sofort wollte ich Wäsche waschen und ausschütteln und nach draußen hängen. Und dann standen wir da auf dem Dach, ich war mir sicher, der Fernsehturm hat kurz gezwinkert, als er uns sah. Und Henrik von Ghost of Tom Joad hat gespielt und gesungen und der Himmel sah aus, als hätte ihn gerade jemand ausgeschüttelt und geschüttet, als habe ihn jemand eine Weile so liegen lassen, damit er Zeit hat sich zu entknittern und glatt zu ziehen. Keine Falten, nirgendwo.


Und als wir dann später noch einmal zurückkehren mit dem Blick auf all das, was mir immer noch Kindheit bedeutet und dieser Prozess von klein zu größer, der Blick auf all das, was ich niemals aus den Augen eines Touristen sehen werde, egal, wie lange ich weg bleiben könnte. Ich werde diese Dinge niemals zum ersten Mal sehen, nur mit ihnen im Hinterkopf, den Fassaden und Silhouetten kann diese Geschwindigkeit stattfinden, Berlin bleibt immer im Backenzahn, ich habe nicht die Chance auf einen Faltplan, und ich will sie niemals haben. Und dann kamen Stars mit dem Fahrstuhl auf’s Dach gefahren und wir grinsten uns an und sie freuten sich über den Blick und man machte Ah und Oh und dann wurde gesungen und ich stand auf dieser Holzbank mit den Händen in den Hosentaschen, mir schien die letzte Abendsonne auf den Rücken und der ganze Sommer, und ich drückte eine Hand im richtigen Moment.


Manchmal ist das so, dass der Sommer und ein bisschen Zeit vorbeigehen und die Dinge vielleicht einmal richtig wackeln müssen, damit alles wieder an seinem Platz steht. Wir und dieser Platz, dieser Blick und dieses Lied. Alles mit ganz wunderbarer Textur, ganz nah und unmittelbar, ich verliebe mich in unsere Haptik, ich vergesse uns nicht. Auch weil man dann plötzlich weiß, dass es bis zum nächsten Sommer nicht mehr so weit ist, die Zeit vergeht mittlerweile immer schneller, die Jahre vielleicht auch. Aber die Euphorie nicht und wir nicht, keiner sieht uns hier oben, niemand hört uns hier oben, das ist genau der richtige Platz.


They’ll never know we were here. (Danke, tape.tv)

Es ist die Zeit des All Inclusive Wetters, die Zeit, in der man am besten siebzehn Lagen übereinander trägt, weil Temperatur samt Himmelfärbung so schnell wechseln, wie meine Laune, wenn ich Hunger habe. Es regnete gestern immer mal wieder, nicht dieser Regen, der einen auf der Stelle eingenommen hat, es war einer dieser leisen, die nach und nach in den Nacken kriechen, die man nicht sofort bemerkt, weil immer wieder der blaue Himmel und die Erinnerung an den eben noch begrüßten Sommer ablenken. Das war so ein Regen, wie er kommt, wenn es Herbst wird und an manchen Ecken nach Heizung riecht, wenn der Wind kälter und unberechenbarer wird und - ja, genau. Und eigentlich wollte tape.tv Max Herre und seine Band auf ein Dach stellen direkt neben die Spree, aber die Sache mit den Instrumenten und Kameras ist eine schwierige, wenn einer dieser Regen auch mit dabei sein will und so standen wir dann dort in der Hauseinfahrt und dann sang er Anna in neuer Version und ich war wieder ein bisschen 15 und im Universal Gebäude gegenüber spiegelte sich golden Abendsonne. Die Tasche in der Hand stand ich an der Wand, während kleine Dampfer ohne Besucher noch ein paar Mal über die Spree juckelten in letzter Hoffnung. Wie Vinyl für einen DJ, die Dialektik für Hegel. Der Herbst braucht diesen Regen, der Sommer ist vorüber jetzt und das ist okay, wir kommen wieder.


Als hätte er einen Knoten in den Faden zwischen Hamburg und mir und diesen Liedern gemacht und obwohl ich weiß, wie einfach diese Assoziation ist, denn natürlich ist Hamburg seine Stadt und sein Zuhause, knallt es mich jedes Mal, wenn ich das höre, in den letzten Winter zurück und an die silber funkelnden Kräne zu dem Klirren der Schollen. Ich vergesse nicht, wie das riecht und wie kalt mir war und wie man sich fühlt, wenn man den Atem über dem Fluss sieht und weiß, zuhause wartet niemand aber eine Aufgabe und der unbedingte Wille, das zu schaffen. Als hätte er einen Doppelknoten gemacht in die Schnur, den er heute gelöst hat und neu gebunden. Als er da stand mit schwitzenden Knien und wir alle ganz triefend und ich dazu glücklich, das ist immer dann, wenn der müde Punkt überschritten und der ganze Rest egal ist, woher und wo und wohin der Schweiß läuft und die tanzenden Füße und die Bilder an den Liderinnenwänden, weil man nicht die ganze Zeit in die Scheinwerfer starren kann. Ich mag ja den Gedanken, der Musiker da oben, derjenige, der sich den ganzen Abend die Seele aus dem Leib entertaint, genau der hätte mal kurz einen Moment Ruhe, wenn du die Augen schließt, was natürlich nie passiert, weil es das nicht gibt, dass alle auf einmal die Augen schließen für ein paar Sekunden, denn einer schummelt immer.

Jedenfalls hat er jetzt eine Schleife gebunden in das Band, ordentlich gezurrt hat er daran, der Herr Knyphausen, weil er phantastisch gebrüllt hat und die Band noch mit dazu, weil ich erst glaubte, sie sähen so aus, als wären sie nicht ganz warm miteinander, aber das waren sie, so sehr, dass es den Gänsehautmoment zweimal gab. Ich kann doch immer nicht anders, wenn auf der Bühne jemand ausrastet, obwohl das nicht geplant ist, wenn es sich ergibt, dass eine Improvisation ein Gefühl wird, mehr noch, ein Gespür. Für den richtigen Moment. Und dass man merkt, dass man nicht nur an- sondern zurückkommt, wenn da Gesichter sind, die schon seit Jahren da sind und lächeln jedes Mal.
Alles geschafft. Alles richtig.

Die Schwalben flogen tief, kaum noch Blau vom Himmel zu sehen, wirre Grauschwaden und viel Weiß. Drei, vier Pools, größer und kleiner, ein Bett im Garten, der Blick auf nackte Beine und noch nacktere Fassaden. Ein Schornstein direkt neben uns. Manchmal wirkte er ein bisschen unsicher, das Publikum dieses Mal hinter und nicht vor sich, dann eine Kamera und ein Puschelmikrofon schräg oben drüber. Wir sitzen und lauschen und der Dachteer ist noch ganz warm von den letzten Tagen. Wir wissen alle, dass das Gewitter kommt. Und als wir unten stehen vor dem rosa Haus und unsere Räder abschließen, fallen die ersten Tropfen.

“Ich würd gern geben, was ich zu geben vermag, ich will lachen an den richtigen Stellen.”

“Ja, wir werden da sein, weil wir immer schon da waren.”

Mit bestem Dank an tape.tv, wo es auch bald das gesamte kleine Dach-Konzert zu sehen gibt.
Lykke Li & Bon Iver doing ‘Dance Dance Dance’ in L.A from Lykke Li on Vimeo.
Weil es das Lied meiner Sommer ist. Hier noch eine neue Version von der großartigen Lykke Li mit den ebenfalls sehr großartigen Bon Iver. Ich bin sehr verliebt in die alle.
“Purple skies above our heads. Illuminated aeroplanes. We run, they follow.” (Hundreds)